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Umwelt

Eidechsen kosten die Stadt 15 000 Euro

Eine Reptilienart verzögerte in Nittenau nicht nur den Bau eines Radwegs. Wegen der Umsiedlung fielen enorme Kosten an.
Von Philipp Seitz

Die Stadt Nittenau siedelte aus Artenschutzgründen rund 80 Zauneidechsen in einen neuen Lebensraum um. Foto: Lino Mirgeler/dpa
Die Stadt Nittenau siedelte aus Artenschutzgründen rund 80 Zauneidechsen in einen neuen Lebensraum um. Foto: Lino Mirgeler/dpa

Nittenau.Bürgermeister Karl Bley stapft langsam durch das hohe Gras und über die grauen Schottersteine. Immer wieder knirscht es unter den Beinen des Nittenauer Rathauschefs. Bley schaut nach links und nach rechts, mustert die Steine, sucht das Gelände ab. Seine Mühen bleiben erfolglos. Vor dem Bürgermeister flüchtende Zauneidechsen lassen sich in dem früheren Gleisbett unweit der Walderbacher Straße an diesem tristen Herbsttag nicht mehr entdecken.

Das liegt nicht nur an der Jahreszeit. Vor einigen Wochen haben Arbeiter und ein Biologe einen kleinen, grün gefärbten Zaun auf einer Länge von rund 400 Metern rund um das Gleisbett aufgespannt. Dieser soll verhindern, dass Zauneidechsen wieder dieses Gebiet besiedeln. Die Kriechtiere, die bislang standhaft an ihren angestammten Standort geblieben sind, müssen notfalls zu einem Umzug gezwungen werden. Regelmäßig sucht der freiberufliche Biologe Bernhard Moos die Flächen innerhalb des grünen Zauns nach verbliebenen Zauneidechsen ab. 40 bis 80 Tiere sollen rund um das Gleisbett gelebt haben.

Den Bau um ein Jahr verzögert

Nittenaus Bürgermeister Bley spannt den Reptilienzaun in Nittenau. Foto: Seitz
Nittenaus Bürgermeister Bley spannt den Reptilienzaun in Nittenau. Foto: Seitz

Vor einigen Wochen musste Moos zwei Zauneidechsen mit der Hand umsetzen. Seitdem ist dem Biologen kein weiterer Fang mehr geglückt. Das kann am Wetter liegen, aber auch daran, dass das Gelände inzwischen frei von Eidechsen ist. Lange genug hatte das gedauert: Eigentlich wollte die Stadt Nittenau hier schon vor mehr als einem Jahr mit den Bauarbeiten für die Verlängerung des Radweges Nittenau-Bruck bis zur Walderbacher Straße starten. Doch die Zauneidechse machte den Planern und der Stadt einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Sie mussten neue Habitate aus Holz, Stein und Gras für die Zauneidechse anlegen, um den Reptilien ideale Bedingungen zu schaffen. „Die Zauneidechse hat gewisse Ansprüche an ihren Aufenthaltsraum“, sagt Biologe Moos. Sie brauche viel Gras und Vegetation, um sich zu verstecken und Aufenthaltsplätze im Sommer. Dieses Ziel sei nun erreicht.

„Die Zauneidechse hat gewisse Ansprüche an ihren Aufenthaltsraum.“

Bernhard Moos, Biologe

„Habitatsverbessernde Maßnahmen“ sorgen dafür, dass die Eidechsen nicht mehr in ihren bisherigen Lebensraum im Gleisbett zurückkehren. „Sie bleiben in ihren neuen Habitaten“, sagt der Biologe. In der kommenden Woche will Moos bei einer Abschlussbegehung nochmals nach Zauneidechsen Ausschau halten. Wenn sie alle weg sind und Moos grünes Licht gibt, können die Bagger für den neuen Radweg anrollen. Das soll Mitte der kommenden Woche der Fall sein, sagt der Geschäftsstellenleiter der Stadt Nittenau, Jakob Rester.

Stadt muss Mehrkosten schultern

Ganz billig ist die Umsiedlung der Zauneidechsen für die Stadt Nittenau nicht. Bürgermeister Bley schätzt die dadurch entstandenen Mehrkosten, auch für die Bauverzögerung, auf rund 15 000 Euro. Umgerechnet sind das pro Tier Kosten zwischen 178 und 375 Euro. Eine andere Wahl blieb der Stadt allerdings nicht: „Wir hätten das Projekt sonst einstampfen müssen“, sagt Bley. Die Forderung nach einer Bestandsaufnahme des Lebensraums rund um den geplanten Radweg sei für die Stadt dennoch überraschend gekommen. Erste Bauaufträge waren zu diesem Zeitpunkt schon vergeben.

Eine Zauneidechse wird bei Stuttgart in den neuen Lebensraum geführt. Foto: dpa
Eine Zauneidechse wird bei Stuttgart in den neuen Lebensraum geführt. Foto: dpa

Doch der streng geschützten Tiere müsse man sich annehmen, betont Elisabeth Stangl, die Ortsvorsitzende des Bund Naturschutz in Nittenau. Überrascht sei sie allerdings über die dadurch entstandenen hohen Mehrkosten. Die Kosten für die Umsiedlung selbst seien im Verhältnis zur Gesamtmaßnahme meist minimal. Dies bestätigt Bürgermeister Bley. Sie würden sich „im Promillebereich“ bewegen.

„Es ist nicht verhältnismäßig, Arten auszurotten.“

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident

Der Nittenauer Radweg ist nicht das erste Projekt, welches durch Zauneidechsen ausgebremst wird. Für Schlagzeilen sorgte die Umsiedlung der Kriechtiere beim Milliardenprojekt Stuttgart 21. Hierfür kamen auf die Bahn nach eigenen Angaben Kosten von rund 15 Millionen Euro zu. Unter dem Strich kostete die Umsiedlung jedes Tieres 2000 bis 4000 Euro. Auf die Frage, ob diese Maßnahmen verhältnismäßig seien, sagte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) im Mai diesen Jahres: „Es ist nicht verhältnismäßig, Arten auszurotten.“

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