Herzogsburg und Landratsamt
Geschichte des Wittelsbacher Schlosses in Kelheim gibt Rätsel auf

Die einstige Herzogsburg auf dem Pflegerspitz steht leer – Vergangenheit und Zukunft geben Fragen auf

13.04.2024 | Stand 13.04.2024, 19:11 Uhr |

Diese detaillierte Handzeichnung Philipp Apians aus dem Jahr 1560 zeigt das Wittelsbacher Schloss im Zustand des 13. Jahrhunderts in etwa aus der Blickrichtung der heutigen Maximilianbrücke. In der Bildmitte sieht man den Bergfried und links davon den romanischen Palas – das heutige Schloss ohne die seitlichen Anbauten und mit Spitz- statt Walmdach. Im Hintergrund ist die Stadt Kelheim zu sehen. Die Kapelle und der Rundturm links im Bild sind heute nicht mehr erhalten. Fotos: Archiv/Wolf Kulke

Zahlreiche Rätsel gibt das Wittelsbacher Schloss – auch als Burg Kelheim oder altes Landratsamt bekannt – auf. Das wohl größte betrifft die Zukunft: seit Jahren versuchen die Kelheimer Stadtpolitik und der Freistaat Bayern als Eigentümer, eine neue Nutzung für das historische Bauwerk auf dem Pflegerspitz zu finden.



Pläne für das Umweltbegegnungszentrum des Nationalen Naturmonumentes Weltenburger Enge, aber auch eine Nutzung durch die VHS oder als Jugendherberge haben sich unter anderem aus Kostengründen zerschlagen.

Aber auch die Vergangenheit des Schlosses gibt Rätsel auf: Welche Schätze und Erkenntnisse verbergen sich hinter Leuchtstoffröhren und Linoleumböden im Inneren des Schlosses? Welche Bodendenkmäler liegen unter den Zweckbauten, die man in den 1970er-Jahren ohne große Rücksicht auf die geschichtliche Bedeutung des Ortes und teils unter Zerstörung der originalen Bausubstanz rund um das Schloss hochgezogen hatte? Und nicht zuletzt ist ein Stück der Burg verschwunden: Bis ins 19. Jahrhundert überragte ein gewaltiger steinerner Bergfried Kelheim. Er stand zwischen dem heutigen Schloss und der Regensburger Straße. Und die Steinquader, aus denen er bestand, müssten noch irgendwo zu finden sein, ist sich der Kelheimer Stadtarchivar Wolf Kulke sicher. Mit Blick auf Vergangenheit und Zukunft sagt er: „Der Schatz Wittelsbacher Schloss muss noch gehoben werden“.

Das Bauwerk hat nach Kulkes Ansicht eine historische Bedeutung, die nicht ausreichend beachtet wird. Darauf machte er bei einem Vortrag am Mittwoch im Archäologischen Museum Kelheim aufmerksam: „Das Wittelsbacher Schloss in Kelheim - Zeuge eines Jahrtausends bayerischer Geschichte“. Die Veranstaltung war ausgebucht und soll heuer noch wiederholt werden.

Dieser Tage steht „Bayerns ältestes Bauwerk der Wittelsbacher Herrschaftsarchitektur“ weitgehend leer. Bis 2017 befand sich hier das Landratsamt. Doch der Bedeutungsverlust der Kelheimer Burg hatte schon viele Jahrhunderte zuvor eingesetzt, wie Kulke in seinem Vortrag schilderte.

Herzogssitz und Landratsamt

Bereits um das Jahr 1000 entstanden auf der Wöhrd-Insel erste Befestigungen. Die Lage war strategisch günstig, erklärte Kulke. Die Burg beherrschte sowohl die Donau als auch deren Übergänge, ein Knotenpunkt der Salzstraße zwischen Landshut und Nürnberg. Ihre Blütezeit erlebte die Kelheimer Burg im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert unter den Bayernherzögen Otto und seinem Sohn Ludwig, genannt der Kelheimer. Diesen Beinahmen hat Ludwig laut Kulke wohl nicht dem Ort seiner Geburt, sondern der Tatsache zu verdanken, dass er in Kelheim ermordet wurde.

Die Burg war während dieser Zeit Familiensitz und Machtsymbol der Wittelsbacher. Nach Ludwigs Ermordung verlegten diese ihre Haupt-Residenz jedoch nach Landshut.

Damit setzte der Bedeutungsverlust der Burg ein. Die Kelheimer Burg diente nur noch als Sitz der Wittelsbacherischen Pfleger (daher rührt die Bezeichnung Pflegerspitz) und Burgverwalter. Die äußeren Festungsmauern, ein Halbkreis von fast 200 Metern Durchmesser, verfielen und wurden im Spätmittelalter abgetragen. Aus den Steinen wurden unter anderem der Herzogkasten – der Sitz des heutigen Archäologischen Museums – und der Schleiferturm errichtet.

Bereits im Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648) waren die Festungsanlagen der Burg hoffnungslos veraltet und hatten den schwedischen Kanonen nichts mehr entgegenzusetzen. Im 19. Jahrhundert wurde die oberen zwei Drittel des Bergfriedes abgetragen.

Die Geschichte wieder achten

Beim Bau des Landratsamtes wurde der Rest des Bergfriedes mit einer vier Meter breiten Schneise durchbrochen, um auf zwei Etagen zwischen den Neubauten Übergänge aus Beton, Stahl und Glas zu schaffen. Dieser „achtlose und geschichtsvergessene Umgang mit dem Bergfried in Kelheim ohne Rücksichtnahme auf seine landesgeschichtlichen Bedeutung“ sei „aus heutiger Sicht geradezu unverständlich“, so Kulke. Er verwies auch auf den krassen Gegensatz beim Thema Nachhaltigkeit: Während zumindest die Außenmauern des Schlosses auf das romanische Palas aus dem Mittelalter zurückgehen – also viele Jahrhunderte überdauert haben – seien die Zweckbauten des Landratsamtes schon nach wenigen Jahrzehnten marode geworden.

Kulke hofft nun auf eine anstehende Restaurierung und Sanierung: „So könnten die Überreste des Bergfrieds und
auch des romanischen Palas der ältesten bayerischen Herzogsburg einen angemessenen Stellenwert im Ensemble von Altstadt und Donaulände unterhalb der Befreiungshalle auf dem Michelsberg zurückerhalten, wie er ihrer landesgeschichtlichen Bedeutung entspricht.“

Von Untersuchungen im Rahmen der Denkmalpflege erwartet er Antworten zur Baugeschichte – dann könnten zumindest einige Rätsel um das alte Schloss gelöst werden.