2. Bundesliga
1. FC Nürnberg erneut „am Abgrund“: Das sagt Reporterlegende Günther Koch

25.05.2023 | Stand 14.09.2023, 23:52 Uhr
Günther Koch hat mit dem 1. FC Nürnberg schon so manches erlebt. −Foto: Fotos: Karmann/dpa

Günther Koch ist unvergessen für sein legendäres „Wir melden uns vom Abgrund“ in der Radiokonferenz des letzten Spieltags der Bundesliga-Saison 1998/1999. Damals wie heute lässt der FCN seine Fans verzweifeln.

Auch diese Saison steckt der FCN vor dem letzten Spieltag am Sonntag (Anstoß gegen Paderborn um 15.30 Uhr) in einer bedrohlichen Lage. Denn der Club steht nur zwei Punkte besser als Arminia Bielefeld da. Bielefeld nimmt aktuell Relegationsplatz 16 ein. Nicht nur darüber hat unsere Zeitung sich mit der Reporter-Legende und ehemaligen FCN-Aufsichtsrat gesprochen.

Lesen Sie auch:Ex-Cluberer Lukas Mühl:Vom FCN ins Glück vertrieben.

Wie wahrscheinlich ist es für Sie, dass der Club die 2. Liga halten wird?

Günther Koch:Zu 66,6 Prozent.

Warum so viele Prozent?

Koch:Das ist Überlebensstrategie. Ich denke da auch an die eigene Psyche (lacht).

Schreckgespenst Dritte Liga: Wäre der Abstieg in diese eine Katastrophe für den 1. FC Nürnberg?

Koch:Katastrophen gibt es im Fußball nicht. Katastrophen gibt es leider in unserer Welt rund um ihn herum. Ich bin nicht sicher, dass ein Abstieg so schlecht wäre für den Club. Ich will nicht missverstanden werden: Nach einem Abstieg wären auch die Letzten bereit, Konsequenzen zu ziehen. Dann stünde einem völligen Neuaufbau nichts mehr im Wege – wenn wir denn überhaupt die Lizenz bekämen.

Das wäre meine größte Sorge. Denn Hertha BSC und der 1. FC Nürnberg haben noch keine sichere Lizenz. Mich hat am Montag aufgeschreckt, dass der 1. FC Nürnberg in diesem Zusammenhang mit Hertha BSC genannt worden ist (Hinweis der Redaktion: Audi und Exasol sollen beim Club als Sponsoren wegfallen. Schon vor dieser Saison hatte der FCN Probleme, die Lizenz zu erhalten).

Kritik an Nürnberger FCN-Sportvorstand Dieter Hecking

Robert Klauß, Markus Weinzierl und jetzt Dieter Hecking. Was sagen drei Cheftrainer in einer Saison über den Club aus?

Koch:Das ist ein so noch nie da gewesener Offenbarungseid. Ich möchte nicht in der Haut von Hecking stecken. Diesem empfehle ich nach der Saison einzugestehen, dass er die Hauptschuld trägt.

Sieht so ein Muster dafür aus, wie der Rauswurf eines Trainers (Weinzierl) durch einen Sportvorstand (Hecking), der dann selbst Trainer wird, daneben geht?

Koch:Das ist ein Lehrbeispiel. Ich bin im Rückblick auf meine eigene Tätigkeit als Aufsichtsrat der Meinung, dass es fast nie am Trainer liegt.

Stichwort Aufsichtsrat: Ist dessen Sprecher Thomas Grethlein nach seiner Kritik am Nürnberger Publikum, welches Spieler wie etwa Lukas Mühl „ein bisschen kaputt macht“, noch zu halten?

Koch:Grethlein ist klug genug, rechtzeitig selbst die Konsequenzen zu ziehen.

Was macht Nürnbergs Aufsichtsratchef Thomas Grethlein?

Wird Grethlein das wirklich machen?

Koch:Er ahnt sicher, dass ich meinen Antrag „Ein Aufsichtsrat soll nur drei Legislaturperioden tätig sein“ wiederholen werde. Mein Antrag wird heuer mit Sicherheit eine Mehrheit bekommen. Grethlein ist drei Amtszeiten Aufsichtsrat. Und neun Jahre sind – das weiß ich aus eigener Erfahrung – genug. Danach ist Vieles Gewöhnung, Verkrustung und Selbsteinschränkung.

Anderes Thema: Was halten Sie eigentlich vom VAR (Video-Assistent-Referee)?

Koch:In fünf der vergangenen elf Spiele des 1. FC Nürnberg gegen direkte Mitkonkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt hat der jeweilige Video-Schiedsrichter unserem Club fünf „nachträgliche“ Punkte zuerkannt. Ohne diese fünf „Bonuspunkte“ wäre unser Club schon längst abgestiegen und zum Beispiel Bielefeld längst gerettet.