Vorstellung
„Café Wichtig“ wird zum Stück

Das Bürgertheater nimmt das Hotel „Goldenes Kreuz“ in Regensburg ins Visier. Ergebnis: fünf Jahrhunderte Klatsch und Tratsch.

23.04.2019 | Stand 16.09.2023, 5:42 Uhr

Die Küchengarde des Hotels „Goldenes Kreuz“ zu Zeiten der Marie Schandri sorgt beim Bürgertheater für musikalische Unterhaltung. Fotos: Groh-Schad

Die Küchengarde marschiert im Raum auf und ab. Der Text, gesungen und gesprochen, wird noch vom Blatt abgelesen. Es geht um Krieg, ein Kochbuch und um Biberfleisch. Die Autoren Joseph Berlinger und Eva Sixt beraten sich. Wirkt die Szene so, wie sie es sich vorher ausgedacht haben, als Zeile für Zeile der Text entstand, der an die berühmte Köchin Marie Schandri erinnert?

Im Regensburger Bürgertheater laufen die Proben. Zum 3. Mal arbeiten die Laienschauspieler mit dem Theater Regensburg zusammen, um eine Produktion von Bürgern für Bürger auf die Bühne zu bringen. Diesmal steht das Stück unter dem Titel: „Im Goldenen Kreuz. Hotelgeschichten“. Am 13. Juni feiert das Ensemble im Auktionshaus Keup am Haidplatz Premiere.

Prominente Hotelbesucher

Sechs Geschichten und ein Zwischenspiel haben sich die Autoren Berlinger und Sixt ausgedacht. Die Hotelgäste, die im Mittelpunkt stehen, gab es wirklich. Aber ob die gespielten Ereignisse rund um Blomberg, Sissi, Ludwig den I. und den II. sowie andere auch tatsächlich stattgefunden haben, bleibt offen. „Es gibt kaum schriftliche Überlieferungen“, sagt Berlinger. Mit Eva Sixt hat er sich die Szenen aufgeteilt. Drei Szenen hat sie geschrieben, vier Szenen stammen aus seiner Feder. Das Ergebnis musste jeweils dem strengen Blick des anderen genügen. „Es wird um jedes Wort gefeilscht“, erzählt Sixt.

Berlinger hat zum Haidplatz, der zur Spielstätte führt, seine eigene Verbindung. „Ich habe eine selbstironische Hommage eingebaut“, sagt er. In der Szene stehen zwei Stammgäste des „Café Wichtig“ (Goldenes Kreuz) im Mittelpunkt, die über seine Freilichtinszenierung am Haidplatz „Das Dollinger-Spiel“ aus dem Jahr 1995 lästern. Berlinger macht sich über sich selber lustig und über jene Regensburger, „die gerne mal alles runter machen“.

Eine besondere Herausforderung war die Spielstätte an sich, der Saal des Auktionshauses Keup. Das Bürgertheater hat es sich auf die Fahnen geschrieben, an den Originalschauplätzen zu spielen. In Ermangelung einer Bühne griff Berlinger zu einem Trick. „Es gibt einen Laufsteg“, erklärt er. Die Zuschauer sitzen rechts und links davon. Dieser Aufbau habe die Szenen geprägt. An der Stirnseite ist eine Bühne entstanden, auf der die Schauspieler Platz nehmen. Sie bleiben dort während des gesamten Stückes. „Es wirkt, als ob sie aus einem Gemälde steigen und ihre Szene spielen“, erklärt Eva Sixt.

33 Schauspieler sind in diesem Jahr bei der Produktion des Bürgertheaters dabei. Die Teilnehmer bilden einen Querschnitt durch die Bevölkerung. Der jüngste Schauspieler ist 18 Jahre, die älteste Darstellerin ist 88 Jahre alt. „Es sind alle Schichten unserer Gesellschaft vertreten“, betont Sieglinde Wenisch, die die Öffentlichkeitsarbeit für den Verein macht. „Vom Studenten über die Ärztin bis hin zum Rentner ist alles dabei.“

Neues über die Stadt

Ursprünglich entstand das Bürgertheater im Jahr 2014 im Anschluss an das 350. Jubiläum des Immerwährenden Reichstags, das die Stadt mit einem Theaterstück würdigte. Per Zeitungsanzeige wurden Laienschauspieler gesucht. „Wir wollten danach weiter machen“, erklärt Wenisch.

Inzwischen ist das Bürgertheater eine feste Einrichtung geworden. Im Jahr 2015 spielten sie das Stück „Arm in einer reichen Stadt“. 2017 stand das Leben des Velodrom-Gründers Simon Oberdorfer im Mittelpunkt. Bei jedem Stück erwartet den Besucher Stadtgeschichte. „Man erfährt etwas Neues“, sagt Sixt. „Das macht es spannend.“ Die Vereinsmitglieder wählen ihr Thema zusammen aus und recherchieren darüber in Arbeitsgruppen.

Mit den Autoren Berlinger und Sixt arbeiten die Laienschauspieler zum zweiten Mal und haben so professionelle Anleitung bei der Regie. Auch bei der Technik, der Ausstattung und bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt das Theater Regensburg, und Katharina Dobner kümmert sich um die aufwendigen Kostüme.

„Zeitlich ist es ein heikles Projekt“, sagt Berlinger. Da die meisten Darsteller beruflich tätig sind, sind die Proben nur am Abend und am Wochenende möglich. „Wir proben zweieinhalb Monate fast jeden Tag vier Stunden“, betont er, und Sixt ergänzt: „Es ist ein Knochenjob, aber es macht Spaß.“