Medizin
Intensivmedizin ist Teamarbeit

Sepsis, Blutungen, Leberversagen: Auf der internistischen Intensivstation des UKR arbeiten Ärzte und Pfleger eng zusammen.

26.01.2016 | Stand 16.09.2023, 6:50 Uhr |
Louisa Knobloch
Auf der internistischen Intensivstation 92 des Universitätsklinikums Regensburg demonstrieren Oberarzt Dr. Stephan Schmid (r.), die Fachkrankenpfleger Christoph Schrott (2. v. r.), Bettina Fritzsche (l.) und ihre Kollegen an einer Puppe die Versorgung eines Patienten. An solchen Puppen üben neue Mitarbeiter in sogenannten „Skills Lab“-Trainings etwa das Intubieren oder Notfallsituationen. −Foto: Knobloch

Der Zierteich im Garten von Anton Obermeier ist ein kleines Idyll – und doch hätte er den 64-Jährigen aus Mainburg fast das Leben gekostet. Im vergangenen September musste er den Springbrunnen in der Mitte des anderthalb Meter tiefen Teichs reparieren und tauchte dabei auch mit dem Kopf unter Wasser. „Es war glasklar – aber Bakterien sieht man ja nicht“, sagt Obermeier rückblickend. Zwei Tage später bekam er plötzlich Schmerzen, dazu kamen Erbrechen und Durchfall. Der 64-Jährige vermutete daher eine Darmgrippe. In den folgenden Tagen verschlechterte sich sein Zustand: „Ich konnte nicht mehr alleine aufstehen, alles tat mir weh und ich bekam keine Luft.“ Ein Hausarzt schickte Obermeier dann ins Universitätsklinikum Regensburg (UKR), wo er nach der Erstversorgung in der Notaufnahme sofort auf die Intensivstation 92 gebracht wurde.

Hier kamen die Ärzte auch der Ursache für die mysteriöse Erkrankung auf die Spur: Obermeier litt an Morbus Weil. „Das ist eine sehr seltene Erkrankung, die von Bakterien, den Leptospiren, ausgelöst wird“, erläutert Oberarzt PD Dr. Michael Selgrad von der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin I. Übertragen werden diese Bakterien vor allem von Ratten und Mäusen, etwa durch verunreinigtes Wasser. Und tatsächlich hatte Obermeier im Sommer Mäuse in seinem Garten gesehen, sich damals aber nichts weiter dabei gedacht.

Die bakterielle Infektion hatte bei dem 64-Jährigen zu einer lebensbedrohlichen Blutvergiftung (Sepsis) geführt. Leber, Niere und Lunge versagten, Obermeier musste beatmet werden. „Ich hatte das Gefühl, dass mein Körper nicht mehr zu mir gehört – nichts hat mehr funktioniert“, beschreibt er das Erlebte. Mehrere Tage kämpfte er um sein Leben, bis die Antibiotika-Therapie anschlug.

Obermeier ist einer von rund 650 Patienten, die im Jahr 2015auf der internistischen Intensivstation 92 des UKR behandelt wurden. Mehr als ein Drittel hatte eine Sepsis, die neben Bakterien auch von Viren oder Pilzen ausgelöst werden kann. Die Blutvergiftung und weitere schwere internistische Krankheitsbilder stehen an diesem Mittwoch (27. Januar) im Mittelpunkt einer Fachveranstaltung am UKR.

Die Fortbildung unter dem Titel „Intensiv(e) Gastroenterologie“ richtet sich sowohl an Ärzte als auch an Pflegekräfte, sagt die Direktorin der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin I, Prof. Dr. Martina Müller-Schilling. Das ist bisher nicht selbstverständlich. „Aber Hochleistungsmedizin funktioniert nur, wenn Ärzte aus verschiedenen Fachbereichen und Pflegekräfte gut zusammenarbeiten.“

Spezielle Einarbeitungskonzepte

Für die Tätigkeit auf der Intensivstation werden die Pflegekräfte speziell geschult. „Die Hälfte der Mitarbeiter in jeder Schicht hat eine Fachweiterbildung Intensivpflege und Anästhesie absolviert“, sagt Pflegedienstleiterin Kathrin Lipp. Neue Mitarbeiter auf der Intensivstation werden von einem Praxisanleiter betreut, dazu kommen „Skills Lab“-Schulungen. „Solche Einarbeitungskonzepte sind extrem wichtig auf einer Station, wo es um Leben und Tod gehen kann“, sagt Lipp.

Die Arbeit auf der Intensivstation sei eine große Verantwortung, betont auch Müller-Schilling. „Man muss nicht nur viel wissen und viel können, sondern sich auch ethisch und moralisch jeden Schritt überlegen.“ Was kann man leisten? Was ist der Wille des Patienten? All das spiele eine große Rolle. „Wir wissen, was wir an medizinischer Ausrüstung zur Verfügung haben, wir wissen aber auch um unsere Verantwortung.“

Die Pflegekräfte auf der Intensivstation seien wie eine Art Seismograph für die Ärzte, beschreibt Georg Niederalt, pflegerischer Leiter der Intensivstation 92. Jeder Pfleger habe immer höchstens zwei Patienten zu betreuen. Deren Zustand könne sich schlagartig verschlechtern. „Dann ist es wichtig, frühzeitig eine Therapie einzuleiten“, sagt Niederalt.

Ein Beispiel ist das akute Leberversagen: „Das ist lebensbedrohlich“, sagt Oberarzt Dr. Stephan Schmid. Während man den Ausfall anderer Organe etwa durch eine Herz-Lungen-Maschine oder Dialyse überbrücken könne, sei die Leber nicht durch technische Geräte zu ersetzen. Da keine Stoffwechselprodukte mehr abgebaut werden, könne auch das Gehirn Schaden nehmen. „Wenn die Leber versagt, ist das immer ein Problem für den ganzen Körper“, sagt Schmid.

Häufig müssen auf der Intensivstation auch Blutungen im Magen-Darm-Trakt behandelt werden. Dafür steht eine mobile Endoskopie-Einheit zur Verfügung. Endoskope kennen Patienten oft von Vorsorgeuntersuchungen wie der Darmspiegelung. „Die Endoskopie ist aber nicht nur für die Diagnostik wichtig, in Notfallsituationen kann man endoskopisch auch Blutungen stillen“, sagt Selgrad.

Lebensrettend war die endoskopische Behandlung für die damals 32-jährige Julia Schmidt. Die junge Frau neigt aufgrund einer angeborenen Erkrankung zu Thrombosen. Ein solcher Gefäßverschluss im Bauchraum war bereits 2011 am UKR chirurgisch mit einem sogenannten Shunt überbrückt worden. Durch einen Knick im Shunt staute sich das Blut jedoch zurück und es bildeten sich Krampfadern (Varizen) in der Speiseröhre. Am 1. April 2012 war Schmidt nach einer Familienfeier noch bei ihrem Bruder in der Nähe von Moosburg, als es plötzlich zu einer lebensbedrohlichen Varizenblutung kam. Mit dem Rettungshubschrauber wurde sie ans UKR geflogen. Hier wurden noch in der Nacht die Krampfadern ligiert, also mit einem Gummiband abgebunden, um die Blutung zu stoppen.

Angehörige bekommen Zugang

Da Schmidt bereits mehrfach operiert war, sei eine operative Therapieoption nach interdisziplinärer Rücksprache in einem Team von Chirurgen, Radiologen und Internisten nicht mehr möglich gewesen, sagt Müller-Schilling. Eine konsequente endoskopische Behandlung der Krampfadern war daher die einzige Option. „Keiner konnte sich erklären, wie es zu dieser Varizenblutung kommen konnte“, so die Ärztin. Erst eine 3D-Rekonstruktion der Computertomographie offenbarte den Knick im operativen Shunt. In der Radiologie wurde Schmidt daher zusätzlich ein Stent in den Shunt eingesetzt, damit das Blut wieder richtig durch die Gefäße fließen kann.

Eine Woche lag Schmidt auf der Intensivstation. „Da fehlt einem jegliches Zeitgefühl“, berichtet sie. „Die Nächte sind unendlich lang.“ Zum Glück gebe es am UKR flexible Besuchszeiten. „Mein Mann und meine Eltern haben sich abgewechselt – ohne sie hätte ich es nicht geschafft.“

Der 1. April ist für Julia Schmidt heute aus zwei Gründen ein ganz besonderes Datum: Genau drei Jahre, nachdem die Ärzte ihr Leben retteten, brachte sie 2015 ihr erstes Kind zur Welt. Und auch Anton Obermeier ist inzwischen völlig genesen. „Ich gehe schon wieder ins Fitnessstudio“, sagt der 64-Jährige. Nur der Gartenteich ist ihm nicht mehr ganz geheuer: „Der wird jetzt zugefüllt.“