Kulturpreis
Regensburg verneigt sich vor dem Kino-Macher

29.07.2022 | Stand 15.09.2023, 4:11 Uhr |
Medard Kammermeier schaut das Leben skeptisch an. Hier lacht er ausnahmsweise: Der Mann, ohne den Regensburgs Kino nicht denkbar ist, bekommt den Kulturpreis 2022. −Foto: www.altrofoto.de

Die Nachricht sorgt am Freitag in der Szene für Jubel: Der Regensburger Kulturpreis 2022 geht an Medard Kammermeier, Vater, Präger und Entwickler des Regensburger Programmkinos.



„Eine gute Wahl“, sagt Peter Nikisch vom Statt-Theater, selbst Träger der prestigeträchtigen Auszeichnung. Schließlich habe Medard in Regensburg den Film als künstlerische Genre, jenseits von Cinemaxx und Co., etabliert.

„Kino in Regensburg war und ist für mich unzertrennlich mit Medard Kammermeier verbunden. Ich kann mir keinen würdigeren Preisträger vorstellen“, gratuliert Sascha Keilholz, der die Filmreihe „Heimspiel“ initiierte und heute das Filmfestival Mannheim Heidelberg leitet. Bob Meindl freut sich: „Das ist der Hammer!“ Der Sprecher des Ostentor-Kinos war – mit Priska Pytlik und Susanne Seewald einer der Menschen, die den 68-Jährigen für die Auszeichnung vorschlugen. „Wir hatten vorab eine ganze Reihe Leute um Statements gebeten“, erzählt Meindl. „Viele reagierten. Und fast alle fragten: Was? Hat Medard den Preis nicht schon?“

„Fühlt sich komisch an“

Kammermeier selbst hält den Ball flach. „Man weiß ja nicht genau, ob man das verdient hat. Aber ja, es freut mich“, sagt er. Immerhin. Ein Mann pathetischer Worte war er womöglich nie, die Rolle als Stadtgespräch liegt ihm keineswegs. Den Freunden schrieb er, nach dem ihm Kulturreferent Wolfgang Dersch die Entscheidung mitgeteilt hatte, lapidar: „Fühlt sich komisch an. Aber gut.“

Medard Kammermeier hält das Regensburger Kino am Laufen, seit Jahrzehnten: Erst in den 1970ern als Film-Pionier an der Uni, der Vorführungen auf dem Campus organisierte. Dann ab 1985 als Geschäftsführer im Arbeitskreis Film. Später, ab 2004, als Inhaber der Kinos im Andreasstadel und als Erfinder des Akademie-Salons. Und schließlich 2015 als rettender „Weißer Ritter“ des Ostentor-Kinos samt Kneipe, dem die Schließung drohte. Das Haus wandelte sich mit ihm und seinem Team zu einer Adresse, an der auch Konzerte, Lesungen und Tanz zu Hause sind. Das Programm kuratiert er bis heute, mit Martin Haygis.

Sein breites, aber eben auch tiefes Wissen über Filme und Filmgeschichte gab er als Dozent am Lehrstuhl für Medienwissenschaft weiter. Als Mastermind inspirierte er die Stummfilmwoche, die gerade ihre 40. Auflage erlebt, die Kurzfilmwoche, heute ein Aushängeschild der Stadt, oder das Format Cinema Paradiso, das zu Kino unter Sternen lockt.

„Schöne Filme“ steht schlicht über der charmanten Holzbude, in der im Andreasstadel-Kino die Karten verkauft werden. Schöne Filme – vielleicht lässt sich so am ehesten das Profil von Kammermeiers Filmtheatern fassen. Er zeigte sie alle, von zart bis hart: die französischen Komödien, die Biopics und Dokus, das „Heimspiel“-Festival und die Reihe „Hard:Line“.

Sein Kino gegen Mainstream und Masse hat einen Dauerplatz auf der Ehrungsliste des FilmFernsehFonds Bayern. Sein Programm wurde nicht nur vielfach preisgekrönt, sondern, viel wichtiger: Es wird heiß geliebt. Mit den Kino-Erfahrungen, die er Regensburg schenkte, hat er – ja, das muss man so sagen – ein Stück kollektives Gedächtnis geformt.

Während sich die Welt und noch mehr die Welt des Films verändert haben, blieb Medard Kammermeier der ruhende Pol im Strom der bewegten Bilder, und dazu ein wortkarger und unbeirrbarer Filmwerker. „Er hat einen Dickschädel“, sagt Bob Meindl. „Und den brauchte er auch oft.“

10 000 Euro tun gut

Es ist höchste Zeit, dass Medard, der Filmversteher und Filmvermittler, jetzt selbst groß rauskommt, bei der Verleihung des Kulturpreises am 26. Oktober. Kammermeier, promovierter Literaturwissenschaftler übrigens, bekennt am Freitag, er schätze den ideellen Aspekt des Auszeichnung ebenso sehr wie den finanziellen. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert, eine Summe, die richtig gut tut.

Regensburg ehrt Kammermeiers „Lebenswerk und sein so herausragendes wie nachhaltiges Engagement“, so steht es in der Begründung der Stadt. „Kammermeier lebt für den Film und eine Kinokultur jenseits des Mainstreams“, heißt es da. „Seine Leistung für das cineastische und kulturelle Leben der Stadt Regensburg kann nicht hoch genug geschätzt werden.“

Große Worte. Der Preisträger selbst wird sich auch da wahrscheinlich „etwas komisch“ fühlen. Aber das muss er jetzt aushalten.