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Was macht gute Politiker aus?

Es braucht Mut zu handeln, die Bereitschaft dem Erfolg des Krisenmanagements alles andere unterzuordnen und vieles mehr.

14.04.2021 | Stand 16.09.2023, 3:25 Uhr
Jürgen Baumgärtner Blogger
Jürgen Baumgärtner, Blogger −Foto: Andrea Baumgärtner

Was macht gute Politiker aus? Nicht wenige würden vermutlich antworten: eine zuversichtliche Rhetorik, die Fähigkeit zum klugen Taktieren und eine gesunde Portion Kompromissbereitschaft. Was grundsätzlich richtig ist, hat nur einen Haken: Der Gegner muss dafür ein politischer sein. Denn sobald jemand mit am Verhandlungstisch sitzt, der keine Zugeständnisse macht (bspw. existenzbedrohende Kräfte der Natur), werden andere Tugenden wichtiger – darauf hat die Klimapolitik der letzten Jahre einen Vorgeschmack geliefert, und das haben die letzten Monate des Pandemiemanagements eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Es braucht Mut zu entschlossenem Handeln, die Bereitschaft, dem Erfolg des Krisenmanagements alles andere unterzuordnen und die Fähigkeit, dem Worst-Case ins Auge zu sehen und sich darauf vorzubereiten. Genau daran aber fehlt es momentan ganz substanziell im politischen Betrieb. Oder anders ausgedrückt: Wer sich in seinem Handeln von zuverlässig danebenliegenden Wissenschaftlern wie Hendrik Streek („Im März, spätestens April gehen die Infektionszahlen nach unten“) leiten lässt, mag vielleicht als Gute-Laune-Bär ganz gut geeignet sein – schlussendlich aber kommt es einem Akt politischer Realitätsverweigerung gleich. Wie vorhersehbar sich eine solche Gesinnung oft schon nach kürzester Zeit als substanzlose und scheinheilige Naivität entpuppt, zumeist sogar entgegen der Prognose führender Experten, dürfte inzwischen klar sein.

Viel tragischer aber: Die Verdrängung der eigenen Passivität durch künstlichen Optimismus scheint eher weitverbreitetes Muster als Einzelfall zu sein. Dritte Welle? Entschärft der „Saisonalitätseffekt“. Klimakrise? Braucht mehr „Innovationen“. Pflegenotstand? Regelt der „Markt“. Eine Politik, die solche Halbwahrheiten als inhaltliche Richtschnur vor sich herträgt, mag kurzfristig verlockend sein. Langfristig aber ist sie zum Scheitern verurteilt und in einer durch die Digitalisierung zunehmend transparenten Welt völlig fehl am Platz. In politischen Ämtern braucht es keine selbsternannten Berufsoptimisten – sondern Menschen, die den Bürgern nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit zumuten und das Notwendige möglich machen wollen. Schließlich gilt noch immer: Hope is not a Strategy.

Autoreninformation:

Der Autor (Foto: Andrea Baumgärtner) ist Unternehmensberater und bloggt privat zu gesellschaftspolitischen Themen auf juergenbaumgaertner.com.

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