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Der Kini aus der Oberpfalz

Siegfried Mathes aus Waldmünchen hat eine besondere Beziehung zu König Ludwig II. und sieht sich als Geheimnishüter.
Von Isolde Stöcker-Gietl

Siegfried Mathes ist als Vorsitzender der Ludwig-Treuen für die Pflege des Gedenkkreuzes im Starnberger See sowie die jährliche Messe zum Todestag zuständig.Foto: dpa
Siegfried Mathes ist als Vorsitzender der Ludwig-Treuen für die Pflege des Gedenkkreuzes im Starnberger See sowie die jährliche Messe zum Todestag zuständig.Foto: dpa

Waldmünchen.Siegfried Mathes ist eine Erscheinung. Eine königliche Erscheinung. Die buschigen Augenbrauen, das langgewachsene Deckhaar, das sich bis über die Ohren wellt, der akkurat zurecht gestutzte Kinnbart – die Ähnlichkeit mit König Ludwig II. ist frappierend. Auswärtige schauen überrascht, wenn der Mann mit der markanten Brosche am Hemdkragen durch seine Wahlheimat Waldmünchen (Lkr. Cham) flaniert und seine Locken wild im Wind wippen. „Das Haar ist echt und fällt einfach so, und mein Aussehen ist wie es ist“, betont der 66-Jährige, der sich selbst nicht als Kunstfigur wahrnimmt. Andere verdienen als Elvis-Double Geld und auch Mathes könnte jede Veranstaltung adeln. Das will er aber nicht. Denn seine Verbindung zum Märchenkönig geht über Äußerlichkeiten hinaus. Der Oberpfälzer fühlt eine Seelenverwandtschaft.

Ernannt, nicht gewählt

Seit dem vergangenen Jahr steht der gebürtige Neumarkter der Vereinigung „Ludwig II. Deine Treuen“ vor. Ein Amt, für das man nicht gewählt wird, sondern ernannt, betont er. Die rund 60 Mitglieder sind weltweit verstreut und treffen sich einmal im Jahr in Berg am Starnberger See, um den Gedenkgottesdienst an der Votivkirche auszurichten. 1913 wurde die Vereinigung von Johann Streb, einem Schuhmachermeister aus München, gegründet. Ziel der Ludwig-Anhänger ist es, dessen Leistungen vor dem Vergessen zu bewahren. Dafür ließ Streb bereits im Gründungsjahr ein Kreuz unweit der Todesstelle des Königs im Starnberger See aufstellen. Bis heute wurde es mehrfach erneuert, weil es verwitterte, aber auch, weil es beschädigt wurde. „Als das Kreuz 1986 abgesägt wurde, machte das weltweit Schlagzeilen“, sagt Mathes.

Prinz Leopold (l) mit Siegfried Mathes bei der Gedenkmesse Foto: Warmuth/dpa
Prinz Leopold (l) mit Siegfried Mathes bei der Gedenkmesse Foto: Warmuth/dpa

Schon als Kind will Mathes eine Verbundenheit zu jenen Orten verspürt haben, die in Zusammenhang mit König Ludwig II. stehen. „Manches war mir beim ersten Besuch so vertraut, als wäre ich schon einmal da gewesen.“ Erklären kann er das nicht. „Das ist eben so ein Gefühl.“ Die Tanten riefen ihn, der Siegfried heißt, „Wiggerl“ und Mathes Ehefrau namens Elisabeth, genannt „Sisi“. Ist das Zufall oder Fügung? „Ich habe mir das nicht ausgesucht, es kommt einfach zu mir“, sagt Mathes.

„Die Geschichte um den Tod ist so geschrieben, belassen wir es dabei.“

Siegfried Mathes

In der Zeit um den 100. Todestag des Monarchen, vor mittlerweile über 30 Jahren, begann sich Mathes für den als sensibel und verträumt geltenden König und sein Schaffen zu interessieren. Der Oberpfälzer, der zunächst als Maschinenbau-Ingenieur tätig war, wechselte ins Kunstfach, wurde Antiquitätenhändler und begann eine private Ludwig-Sammlung aufzubauen. Er suchte die Nähe zu den Königstreuen und fand von dort den Weg zu den Ludwig-Treuen. Dieser kleinen, eingeschworenen Gemeinschaft gehören ganz unterschiedliche Menschen aller Schichten an – Handwerker, Journalisten, Wissenschaftler.

König Ludwig II.

  • Leben:

    Ludwig II. von Wittelsbach wurde am 5. August 1845 auf Schloss Nymphenburg geboren, am 13. Juni 1886 kam er im Starnberger See, bei Schloss Berg unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen ums Leben.

  • Regiment:

    Vom 18. Lebensjahr bis zu seinem Tod war Ludwig II. König von Bayern. Nach seiner Entmündigung am 9. Juni 1886 übernahm sein Onkel Luitpold als Prinzregent die Regierungsgeschäfte, da Ludwigs jüngerer Bruder Otto wegen einer Geisteskrankheit regierungsunfähig war.

  • Schlösser:

    Ludwig wird bis heute als Märchenkönig verehrt, er baute die Schlösser Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof.

Die Vereinigung sieht sich trotz ihrer Ludwig-Verehrung nicht als politische Gruppierung. Man wolle keine Wiedereinführung der Monarchie, sondern das Andenken dieser Zeit bewahren. Dazu gehört auch, das Geheimnis, wie König Ludwig II. am 13. Juni 1886 im Starnberger See ums Leben kam, zu schützen. Auch Mathes wird bei Nachfragen schmallippig. „Ein ewig Rätsel will ich bleiben“, zitiert er den Märchenkönig. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung hat er sich einmal zu dem Satz „Ertrunken ist er bestimmt nicht“ hinreißen lassen. Ob er tatsächlich mehr darüber weiß? Ob die Vereinigung, der er vorsteht, ein Geheimnis zu bewahren hat? Mathes sagt dazu nichts. „Das, was war, soll ruhen.“ Damit verfolgt die Vereinigung der Treuen Ludwigs die gleichen Ziele wie das Haus Wittelsbach, das die vom Geheimbund der Guglmänner geforderte Sargöffnung mit Verweis auf die Totenruhe strikt ablehnt. „Die Geschichte um den Tod ist so geschrieben, belassen wir es dabei“, schließt Mathes das heikle Thema ab. Schließlich wäre der Mythos um den einstigen Märchenkönig längst nicht so ausgeprägt, wenn die Geheimnisse gelüftet wären. „Unmittelbar nach seinem Tod war das, was Ludwig geschaffen hat, nichts wert. Das Interesse an seiner Person und seinem Schlössern kam erst später“, sagt er.

Der König fährt Skoda

Mathes läuft zu seinem Auto, um sein Festtagsgewand zu holen, das er sich eigens für die jährlichen Treffen der Ludwig-Treuen hat schneidern lassen. Ein Schnitt, wie ihn auch Ludwig zu Lebzeiten trug. Einen Prachtschlitten hat Mathes allerdings nicht. Der König von Waldmünchen fährt Skoda Yeti. In seinem Zuhause, einem ehemaligen Zollhaus, hat er sich mit seiner Frau aber durchaus königlich eingerichtet. Alles ist ein bisschen aus der Zeit gefallen. Prächtige Steinsäulen strukturieren die Räume. Als Antiquitätenhändler hat Mathes auch so manchen kulturellen Schatz erworben. An der Wohnzimmerwand hängt ein Bildnis des jungen Ludwig II.. „Natürlich ein Original“, betont der Besitzer.

Auch Mathes selbst schmückt wohl so manches Wohnzimmer von Touristen. Am Fuße von Schloss Neuschwanstein ließ er sich einmal in voller Königsstaffage fotografieren – mit weißem Hermelinumhang und blauer Uniform. Der Doppelgänger wurde zu einem beliebten Postkartenmotiv. „Wahrscheinlich hänge ich bei einigen Japanern an der Wand“, scherzt er.

So sehr Mathes den einstigen König verehrt, so wenig folgt er ihm in Ernährungsfragen. Im Gegensatz zu Ludwig, der wegen seiner Vorliebe für Pralinen und zuckriges Veilcheneis nicht nur aus der Form geriet, sondern auch unter fauligen Zähnen litt, lebt der Waldmünchner sehr gesund. Beim Gespräch im Eiscafé bestellt er Espresso und Wasser und gibt sich auch sonst bescheiden. Da unterscheidet er sich dann doch von seinem Seelenverwandten.

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