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Gabi Röhrl: Die bewegte Frau

Die frühere Wirtin in Weltenburg, ist vom Jakobsweg zurück: ihr fünfter! Diesmal brachte sie einen speziellen Schatz mit.
Marianne Sperb

Gabi Röhrl im Kramerhof: Die ehemalige Wirtin der Klosterschenke Weltenburg und ihr Mann Anton haben das Familienanwesen 1:1 wiederaufgebaut, als Ort für Kunst, Kultur und Kulinarik. Bei einem Mittagessen erzählt die 56-Jährige von ihren Reisen auf dem Jakobsweg – und ihrem Projekt: Aus den Eindrücken entsteht jetzt ein Kinofilm. Foto: Sperb
Gabi Röhrl im Kramerhof: Die ehemalige Wirtin der Klosterschenke Weltenburg und ihr Mann Anton haben das Familienanwesen 1:1 wiederaufgebaut, als Ort für Kunst, Kultur und Kulinarik. Bei einem Mittagessen erzählt die 56-Jährige von ihren Reisen auf dem Jakobsweg – und ihrem Projekt: Aus den Eindrücken entsteht jetzt ein Kinofilm. Foto: Sperb

Niederumelsdorf.Gabi Röhrl öffnet mit Schwung die Portaltür zum Kramerhof in Niederumelsdorf bei Siegenburg Das Landhaus strahlt eine Art bodenständigen Liebreiz aus: kreidige Solnhofer Platten, Holz, ein Bauerngarten. Das Anwesen der Urgroßeltern wurde 1:1 wiederaufgebaut, als Ort für Kunst, Kultur und Kulinarik, sprudelt die 56-Jährige los. Ihr Mann Anton steht in der Küche und bereitet eine raffinierte kleine Pasta zu. Der Tisch ist gedeckt – und Gabi Röhrl macht sich im Kopf wieder auf den Jakobsweg.

Sie waren gerade sechs Wochen zu Fuß unterwegs: 900 Kilometer von Saint-Jean-Pied-de-Port über die Pyrenäen bis Santiago de Compostela. Was treibt Sie?

2011, beim ersten Mal, wollte ich einfach wissen, ob ich das schaffe. Ich bin euphorisch gestartet und fiel dann in ein Loch. Ich war sauer auf mich, sauer auf Hape Kerkeling und sein Buch, das mich animiert hatte. Was mir nicht bewusst war: Ich hatte die falsche Einstellung. Ich war unterwegs, wie sonst auch in meinem Leben, mit schnellem Schritt, zielgerichtet. Dann hatte ich Glück: Bei Leon machte sich eine beginnende Knochenhautentzündung bemerkbar, eine typische Pilgererkrankung, ausgelöst durch Überbeanspruchung. Ich musste also Tempo rausnehmen – und plötzlich war der Jakobsweg ein völlig anderes Erlebnis.

Was fühlen Sie beim Gehen?

Freiheit. Dankbarkeit. Wie einfach es ist und wie wenig es braucht, um unglaublich glücklich zu sein. Es reicht, was du am Körper trägst, und die Natur. Diese Gefühle sind nicht zu beschreiben. Manchmal liefen mir Tränen über das Gesicht, nur aus so einer inneren tiefen Freude. Wir leben ja in einer Zeit, in der wir alle frei sind, aber doch im Alltag gefangen bleiben. Beim Gehen lässt du los, du findest zu dir. Und du wirst frei von Gedanken. 2011 erreichte ich an meinem 50. Geburtstag Kap Finisterre, das Ende der Welt. Es war überwältigend. Auf den letzten Kilometern hatte ich auch Angst – Angst, dass es aufhört. Ich wollte gehen und gehen und gehen.

Hält dieser Zustand an?

Ja, eine Zeitlang. Manchmal sitze ich abends im Sessel, ohne Musik, Fernseher oder Buch, und ruhe völlig in mir. Und wenn ich heute in der Holledau die Abendstimmung erlebe, merke ich: Wer innerlich aufmacht, kann Schönheit und Freude überall erleben.

Gabi Röhrl auf dem Jakobsweg, beim Dreh in der Meseta: Sie bat Johanna M. Dennehy – eine Pilgerin, die sie unterwegs traf – auf den Auslöser zu drücken.
Gabi Röhrl auf dem Jakobsweg, beim Dreh in der Meseta: Sie bat Johanna M. Dennehy – eine Pilgerin, die sie unterwegs traf – auf den Auslöser zu drücken.

Sie sind den Jakobsweg, auf unterschiedlichen Routen, noch vier Mal gewandert. Diesmal haben Sie einen Schatz mitgebracht.

Ja! Das Material für einen Kinofilm. Ich möchte diese Erfahrung des Pilgerns teilen und dazu anstoßen, sie selbst zu erleben. Auf meiner Facebook-Seite lese ich, dass viele Menschen den Camino gehen möchten, sich das aber nicht zutrauen. 300 000 Pilger starten jedes Jahr. Was für eine Dynamik darin steckt! Die will ich transportieren.

Eine Doku über den Jakobsweg ist ja keine neue Idee. Was wird Ihren Film unterscheiden?

Der Fokus liegt auf dem Gehen, auf den Füßen. Ich hab’ viel mit Kamera vor der Brust gefilmt. Der Zuschauer wechselt in die Perspektive des Pilgers. Er hat das Gefühl, er geht mit.

Woher kam der Anstoß?

Das Projekt hat sich über Jahre hin entwickelt. Einen kleinen Film hatte ich schon produziert, der kam auch gar nicht schlecht an. Meine Freundin Gerda Kroiß vom Roxy-Kino in Abensberg sagte: Du musst was Größeres machen! Aber ein Kameramann riet mir ab. Er hielt die Sache für einen Einzelnen für undurchführbar. Also hab’ ich mir einen anderen Kameramann gesucht, einen, der mich bestärkt: Alexander Pregler. Mit guter Ausrüstung ist es zu schaffen, meinte er. Wir sind mit Küchenwaage zum Einkauf und landeten bei einem Set mit Film- und Fotokamera, Stativ, Go-Pro und Tontechnik.

Wie schwer war Ihr Gepäck?

Acht Kilo, dazu die persönliche Ausstattung, regenfeste Kleidung, Erste-Hilfe-Paket, Trinkwasser. Nur Akku und Laptop ließ ich von Station zu Station transportieren. 2017 zog ich damit das erste Mal los. Ich kam bald an meine Grenze. Gehen, filmen, fotografieren, abspeichern: Ich verlor in zwei Wochen vier Kilo. Ich dachte, das Projekt ist also doch unmöglich. Ich filmte dann viel aus der Hand, setzte aber das Stativ kaum ein. Das Material, das ich mitbrachte, war zwar gut, aber nicht ausreichend. Deshalb startete ich 2018 wieder, zur gleichen Jahreszeit, vor allem für die großen Landschaftsbilder.

Gabi Röhrl bei der Ankunft in Leon: In sechs Wochen wanderte die Niederbayerin 900 Kilometer. Foto: Maria Bunk.
Gabi Röhrl bei der Ankunft in Leon: In sechs Wochen wanderte die Niederbayerin 900 Kilometer. Foto: Maria Bunk.

Sie lassen wohl nicht leicht locker. Und: Kann es sein, dass eine Perfektionistin in Ihnen steckt?

Sie haben mich gut erkannt. Aber ich will betonen: Im Film geht Emotion vor Perfektion. Dieses Motto leitet mich. Ich will die Gefühle der Pilger rüberbringen. Beinahe hätte ich die Tour 2018 übrigens abgesagt. Ich hatte mir den Knöchel verstaucht. Meine Osteopathin hat ihn wieder hinbekommen. Ich hab’ zwar eine Stunde geschrien bei der Behandlung, aber der Fuß wurde besser. Das war wie ein kleines Wunder. Ich reiste dann mit nur vier Tagen Verzögerung ab.

Welches Tempo gingen Sie?

Ich habe mir einen Tagesschnitt von 20 bis 30 Kilometern antrainiert, nicht mehr als vier Kilometer pro Stunde. Viel hängt natürlich vom Wetter ab, und von der Wegführung. Der Camino Francés ist gut ausgeschildert, überall gibt es Bars, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Man muss sich also kaum auf die Strecke konzentrieren.

Wie viele Blasen hatten Sie?

Nur eine. 2011. Das Wichtigste sind: super Schuhe, erstklassige Einlagen und die Füße bei jeder Rast raus aus Schuhen und Socken! Schweiß und Feuchtigkeit produzieren Blasen.

Alles außer gewöhnlich: Hier geht es zu unserem Speciall

Waren Sie allein unterwegs?

Zu 80 Prozent. Das wollte ich so. Deshalb hab’ ich auch nicht in den Refugios übernachtet. Ich wollte abschalten. Wissen Sie, 30 Jahre lang war ich als Wirtin in der Klosterschenke Weltenburg ständig unter Menschen. Ich kann selbst im Urlaub in Hotels nicht abschalten. Da gehe ich von Tisch zu Tisch und wünsche guten Appetit. Ich falle in mein Rollenmuster.

Impressionen vom Jakobsweg: Hier geht es zur Bilderstrecke

Gabi Röhrl: Die bewegte Frau

Welche Menschen haben Sie auf dem Jakobsweg getroffen?

Man erlebt viel Nähe und eine große Weltoffenheit. Buddhisten, Muslime, Christen, Menschen aus unterschiedlichsten Berufen und Schichten. Aus einigen meiner Begegnungen sind Freundschaften fürs Leben geworden.

Was machen Sie jetzt mit Ihrem Filmmaterial?

Im Moment bin ich am Sichten. Im November geht es für 40 Tage ins Studio zum Schneiden, dann kommt die Vertonung. 2019 soll der Film in den deutschen Kinos anlaufen. Die Uraufführung ist natürlich im Roxy.

MZ-Serie: Alles ausser gewöhnlich

  • Die Serie:

    Es gibt Menschen, die einem auffallen: weil sie auf eine spezielle Weise leben oder die Dinge auf eine ganz eigene Art anpacken. Sie sind eben „alles außer gewöhnlich“.

  • Die Autorin:

    Marianne Sperb hat bei ihrem Besuch am Kramerhof selbst erfahren, wie überzeugend Gabi Röhrl sein kann. Sie schätzt mal: Der Kinofilm über den Jakobsweg wird vielen Menschen Beine machen.

Wer finanziert das Projekt?

Ich hab’ erst überlegt – und dann doch keine Filmförderung beantragt. Das Geld wäre eine Verpflichtung gewesen. Ich wollte keinen Druck, sondern die Freiheit: Wenn’s schief geht, war’s halt eine intensive Erfahrung. Alles, was bisher im Film steckt, geht auf meine Kappe. Wenn er fertig ist, kann ich immer noch Sponsoren suchen.

Wann gehen Sie wieder los?

Vorerst nicht. Im Studio hab’ ich jetzt jeden Tag Jakobsweg. Aber es stimmt: Ich muss da nochmal hin. Das nächste Mal lass’ ich aber die Kamera daheim.

„Alles außer gewöhnlich“: Hier lesen Sie mehr über außergewöhnliche Menschen in unserer Serie.

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  • JG
    Jutta Göller
    15.07.2018 21:13

    Klasse Überschrift, klasse Interview, klasse Frau! Schon der Film über Weltenburg im Hochwasser vor einigen Jahren von Gabi Röhrl war super! Herzliche Grüße, Jutta Göller

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