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Schicksale

Sie war die erste bayerische Fliegerin

Führte ein abenteuerliches Leben: Christl-Marie Schultes aus der Nähe von Waldmünchen wurde schon 1928 Pilotin.
Von Thomas Dietz, MZ

  • 1929 beim Großflugtag München
  • Christl-Marie Schultes auf einem deutschen Jagdflugzeug
  • Von Christl-Marie Schultes begründet: Die „Deutsche Flugillustrierte“, die Göring 1935 verbot. Fotos: Probst
  • Eingang zur Flugschule in Staaken

Geigant bei Waldmünchen. Ihr Name ist so gut wie vergessen. Aber Christl-Marie Schultes, geboren am 10. November 1904 in Geigant bei Waldmünchen, war die erste Fliegerin Bayerns – und sie blieb es für lange Zeit. Nur fünf deutsche Frauen erwarben vor ihr den Pilotenschein. Christl-Marie Schultes, gern „Förster-Christl“ genannt, war eine Pionierin und eine Heldin. Aber sie war später auch eine tragische Figur. Der Journalist Ernst Probst (64), geboren in Neunburg vorm Wald, hat mit dem Luftfahrthistoriker und Flugzeugsammler Theo Lederer (56) die Lebensgeschichte dieser Frau zusammengetragen und aufgeschrieben. Das Buch ist vor wenigen Tagen erschienen. Probst ist ein populärer Geschichtsschreiber und Biograf und hat eine große Zahl Erfolgsbücher, auch über Dinosaurier, die Urzeit und die Urmenschen, geschrieben.

Maria Rosalia Schultes (so steht’s in ihrer Geburtsurkunde) entstammt einer achtbaren Försterfamilie (daher „Förster-Christl“). Ihr Geburtshaus in Geigant steht noch. Mit elf Monaten fiel Christl-Marie in einen Starrkrampf, wurde vom Arzt für tot erklärt und im offenen Sarg aufgebahrt. Nur ihr Vater glaubte nicht an ihren Tod und verabreichte seiner Tochter wenige Stunden vor der geplanten Beisetzung kalte Wassergüsse nach der Kneipp-Methode. Daraufhin erlangte Christl-Marie wieder das Bewusstsein und erholte sich – nachzulesen in dem Buch „Frauen fliegen“ von 1931.

Nackt vor dem Polizeiarzt

Die brünette Christl-Marie war bildhübsch, äußerst sportlich und gewann etliche regionale Schönheitswettbewerbe. Man erzählt sich, dass sie an ihrer Bluse stets einen Knopf mehr offen hatte als ihre Altersgenossinnen. Mit 19 teilte Christl ihrem Vater kurzerhand mit, dass sie die Fliegerei erlernen wolle. Die Familie war entsetzt – so etwas war für ein Mädchen in höchstem Maße unschicklich.

Trotzdem fuhr die 23-Jährige im März 1928 heimlich in die private Fliegerschule nach Berlin-Staaken. Die junge Frau zog die Ausbildung durch – auch wenn sie wie ihre männlichen Mitschüler anfangs nackt vor einem Polizeiarzt antreten und sich medizinisch untersuchen lassen musste.

Im Sommer 1928 erhielt sie den amtlichen Flugschein A1, einige Zeit später auch den Kunstflugschein, für den sie Loopings, Rollings, Turn, Trudeln, Slip und Rückenflug beherrschen musste. In dem Buch „Frauen fliegen“ schreibt Christl-Marie Schultes: „Ich freute mich besonders, dass nun eine Bayerin das schaffte, was unsere norddeutschen Schwestern schon lange erreicht hatten.“

Die berühmten Fliegerinnen Elly Beinhorn, Hanna Reitsch oder Beate Uhse kamen allerdings erst nach ihr. Christls Geschichte ging durch die Illustrierten. Sie wurde berühmt, bekam Liebesbriefe und Heiratsanträge aus aller Welt, Reichspräsident Paul von Hindenburg und Hermann Göring riskierten mehr als nur ein Auge. Ihr erstes Flugzeug, eine „De Havilland Moth“ („Motte“), stürzte 1930 ab, sie blieb unverletzt. Beim geplanten „Weltflug“ musste ihr 1931 nach einem Absturz bei Passau das linke Bein abgenommen werden. Zeitlebens trug sie eine Prothese, die sie beim Fliegen kaum behinderte.

Noch im Krankenbett plante sie die Gründung einer eigenen Zeitschrift, der „Deutschen Flugillustrierten“, die 1935 ihr Erscheinen einstellen musste. Christl-Marie hatte sich geweigert, ihren jüdischen Verlobten zu verlassen und der NSDAP beizutreten. Fortan musste sich die „politisch Verdächtige“ täglich bei der Gestapo melden.

Hindenburg beschützte sie

Ab 1934 lässt sich ihre Biografie nur lückenhaft rekonstruieren. Feststeht, dass die Fliegerin in den Nazijahren ein unstetes Reiseleben führte, sich in der Schweiz, Spanien, Portugal und Frankreich aufhielt. Den Gefangenen im Internierungslager von Gurs am Rand der Pyrenäen konnte sie 1940 mit Lebensmitteln helfen. Dann lebte sie mit ihrem Foxterrier „Muggi“ in Nizza, über den sie ihr Buch „KZ-Hund Muggi“ schrieb. Als „Wehrkraftzersetzerin“ wurde sie im Bad Tölzer Gefängnis misshandelt, ein SS-Standgericht verurteilte sie in München zum Tode, bis sie am 1. Mai 1945, als US-Panzer in den Gefängnishof von Stadelheim rollten, in letzter Minute befreit wurde.

1951 erschien in der Wochenzeitung „Heim und Welt“ eine dreiteilige Fortsetzungsgeschichte: „Göring hatte Absichten... aber Hindenburg beschützte sie: Die Abenteuer der fliegenden Försterchristl“. Sie starb am 9. März 1976 arm und vergessen im Krankenhaus München-Schwabing.

Ernst Probst, Theo Lederer: „Christl-Marie Schultes. Die erste Fliegerin in Bayern“. Grin-Verlag München, 264 S., 27,99 Euro. ISBN 978-3640-72-62-57

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