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Dialektserie

Der Beruf der Fotznspanglerin

Zum Monatsende gibt es wieder Wissenswertes rund um den Dialekt – heute zum Kumpf und einigen missverständlichen Wörtern.
Von Ludwig Zehetner

Sicher trägt er einen Kumpf am Gürtel. Foto: Arifoto Ug/Michael Reichel/dpa
Sicher trägt er einen Kumpf am Gürtel. Foto: Arifoto Ug/Michael Reichel/dpa

Das Holz aufbeigen

In den 2019 gedruckten Jugenderinnerungen von Manfred Haslinger, der in der Gegend von Dachau aufwuchs, findet sich der Satz: „Das vom Pap im Frühjahr und Sommer gesägte und gehackte Holz war in der Garage aufgebeigt.“ Ganz selbstverständlich verwendet ist hier das Verb „beigen“, das ausschließlich mundartlich ist und zudem nicht überall bekannt. Gleiches gilt für das Substantiv „die Beigen (Being), Beik“ für ‚Holzstoß‘. Weiter als bis auf althochdeutsch „bîga“ lässt sich das Wort nicht zurückverfolgen, das wohl indogermanischer Herkunft ist, wie das große im Entstehen begriffene „Bayerische Wörterbuch“ der Münchner Akademie der Wissenschaften angibt (Band II, Spalte 108 – 110). Für Manfred Haslinger

Kumpf und Kumpfmühl

Das Wort „Kumpf“ ist im Deutschen seit dem 13. Jahrhundert belegt in der Bedeutung ‚Gefäß‘‚ insbesondere ‚Köcher des Wetzsteins‘, der, mit Wasser gefüllt, am Gürtel des Mähers hängt; angefeuchtet eignet sich der Wetzstein besser zum Nachschärfen der Sensenschneide. Früher war so ein Kumpf aus Holz gefertigt oder man nahm dafür ein Kuhhorn. Später gab es Kumpfe (Kümpfe) aus Metall. Als böser Scherz wurde dem zur Mahd ausrückenden Landwirt „ins Kimpfe eine-gsoacht“, also der Köcher mit Urin gefüllt. (Südlich der Donau ist „Kimpfe“ die Lautung der Verkleinerungsform „(das) Kümpfl(ein)“). „Kumpfmühl(e)“ taucht häufig auf als Name von Mühlen und wurde auch zum Ortsnamen, so etwa im Regensburger Stadtteil Kumpfmühl. So genannt wurden die Mühlen nach ihrem oberschlächtigen Wasserrad, bei dem das Wasser in köcherförmige Kammern fällt und durch sein Gewicht das Rad in Umdrehung versetzt. Für markante Nasen hat man Vergleiche mit gewissen Gerätschaften herangezogen, so etwa mit dem Wetzstein-Kumpf. Man sagt, bei einem „Langnaserten (-nosadn)“ prangt im Gesicht eine „Kumpfnosn“, ein „Kumpf“ oder „Kümpfl (Kimpfe)“, ein „Löschhorn“ oder „Löschhörndl“ (Gerät zum Löschen der Altarkerzen). Auch „Kerschhàckl, -hàgl“ (Haken zur Kirschernte) und „Zinken“ sind scherzhafte Ausdrücke für eine auffallend große Hakennase. Eine Nase mit leicht nach oben weisender Spitze ist eine „Himmelfahrtsnase“; liebenswerter klingt es, wenn ein Stupsnäschen „Himmelschmeckerl“ genannt wird (zu „schmecken“ im Sinn von ‚riechen, schnüffeln, wittern‘). Anregungen von Notburga Cyrus aus St. Englmar

„Fotzen“ und andere falsche Freunde

In den letzten Wochen hat folgender Fall die Gemüter erhitzt. Die Zahnärztin Petra Volz in Garmisch-Partenkirchen nennt ihre Praxis [fotzn’spanglerei], sich selbst bezeichnet sie als „Fotznspanglerin“. Wütender Protest wurde laut. Wenn Norddeutsche „Fotznspanglerei“ lesen, vermuten sie vielleicht eine gynäkologische Praxis. „Fotze (Votze)“ hat nämlich in nördlichen Regionen Deutschlands die Bedeutung ‚weibliche Scham‘ und kann auch als Schimpfwort gebraucht werden (‚Hure‘). Deutsch ist eben eine plurizentrische Sprache, und „Fotze(n)“ ist ein markantes Beispiel für „falsche Freunde“. Wie hilflos sich sogar die Duden-Redaktion erwies, zeigt die Erläuterung zum Wort „hinterfotzig“. Im „Großen Wörterbuch der deutschen Sprache“ (1977) steht: „… [eigentlich] (von Frauen) mit einem nahe dem After liegenden Geschlechtsteil; zu [Fotze] (mundartlich, besonders bayrisch; sonst derb) …“

Auf meinen diesbezüglichen Einspruch hin wurde der Eintrag in der Neuauflage ersetzt durch die Angabe „H. u.“ (Herkunft unbekannt). Partout wollte man sich nicht darauf einlassen, dass „Fotze(n)“ im Bairischen halt etwas anderes bedeutet, nämlich ‚Mund, Gesicht‘. Von einem Besoffenen sagt man: „Der hod d’Fotzn voller Rausch.“ Warnend droht man: „Halt dei Fotzn! Sonst kriagst a Fotzn.“ Auch die ‚Ohrfeige, Maulschelle‘ wird als „Fotzn“ bezeichnet (Ziel des Schlags ist die Fotzen, das Gesicht); daher das Verb „fotzen, abfotzen“ (ohrfeigen). Ein besonders kräftiger Schlag ins Gesicht ist eine „Bockfotzen (Boogfotzn)“. Ferner zu erwähnen ist die einsilbige Form „(der) Fotz (Fooz)“ – etwa wenn es heißt: „Do bleibt dir der Fooz sauber“, womit gemeint ist: ‚Du bekommst nichts, gehst leer aus‘ – sowie die humoristische Bezeichnung „Fotzhobel (Foozhowe)“ für ‚Mundharmonika‘. Etymologische Nachschlagewerke erwähnen ‚dicke Lippe‘ als eine der anzunehmenden Bedeutungen des zugrunde liegenden germanischen Wortstamms „pud-“, woraus im Laufe der Sprachgeschichte die deutschen Wörter „Fut, Fud“ (Hintern, Vulva) und „Fotze(n), Fotz“ entstanden.

So wird verständlich, wenn im Süden des deutschen Sprachraums damit die Lippen des Mundes bezeichnet werden, im Norden hingegen die Schamlippen – einmal oben bei Weiblein wie Männlein, einmal unten nur bei weiblichen Menschen. Wer das Bairische liebt und dessen Daseinsberechtigung verteidigt, wird die mutige Entscheidung der Zahnärztin begrüßen, die mit „Fotznspanglerei“ zwei kern-bairische Wörter in Schriftform an die Öffentlichkeit befördert hat: „Fotzn“ und „Spàngler“ (statt ‚Klempner, Blechschmied, Flaschner, Installateur‘).

Aus dem Fremdsprachen-Unterricht kennt man die sogenannten „falsche Freunde“ (englisch „false friends“, französisch „faux amis“). Man versteht darunter die trügerische Ähnlichkeit von Wörtern, die sich in ihrer Bedeutung jedoch unterscheiden. Ein Buch mit einer Sammlung von deutsch/englischen Fällen solcher lexikalischen Interferenzen trägt den Titel „Can I become a beefsteak?“, und das heißt eben nicht „Kann ich ein Beefsteak bekommen?“, sondern „Kann ich ein Beefsteak werden?“ Auch binnensprachlich gibt es – außer „Fotze(n)“ – eine Reihe von falschen Freunden, also Fälle, wo sich Schriftsprache und Dialekt nicht decken. Zu Missverständnissen führen kann das Verb „sich vergehen“. „Der Opa hat sich im Wald vergangen.“ Ist er etwa ein Kinderschänder? Nein, er hat nicht mehr heim gefunden. Hochsprachlich müsste es heißen: „Er hat sich verlaufen“.

Nach bairischem Sprachverständnis drückt „laufen“ die rasche Beinbewegung aus, für die normale Fortbewegung zu Fuß aber steht „gehen“. Wenn einer nach seiner Hüftoperation gefragt wird, ob er jetzt wieder „laufen“ könne, so antwortet er: „Nàà, min‘ Làffa is’s no nix. I bin froh, dàß i wieder geh ko.“ In der Schriftsprache bedeutet „vergeben“ eindeutig ‚verzeihen‘, im Bairischen wird das Wort aber auch für ‚vergiften‘ gebraucht: „Ratzn hamma etz nimma, dene hamma vogem.“ Aus aktuellem Anlass

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