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„Des is wirkla a michads Moidl!“

Der Dialektforscher Ludwig Zehetner beantwortet die Fragen der MZ-Leser zu mundartlichen Redensarten und winterlichen Eigenschaftswörtern.

Von einem lieben Kind, das zum Gernhaben ist, sagt man, es ist „michad“. Foto: dpa

Pass auf, es is haal!

Bei winterlichen Verhältnissen auf Straßen und Wegen muss man auf der Hut sein, dass man auf Glatteis und Schnee nicht ausrutscht und stürzt. „Pass auf, dou is’s haal“, sagt man in der Oberpfalz. In Nieder- und Oberbayern, wo „l“ vokalisiert wird, lautet das Wort „hai“. Die Variante „hail“ als Mischung aus beiden Formen hört man in Regensburg. In seinem 1689 gedruckten „Glossarium Bavaricum“ verzeichnet der Regensburger Ratsherr, Dichter und Sprachforscher Johann Ludwig Prasch das Wort „häl“ und erklärt es mit dem lateinischen Begriff „lubricus“, d. h. ’glitschig, rutschig‘. Im mittelalterlichen Deutsch belegt ist „hæle“, was direkt zu schwäbisch „häl“ führt. In der deutschen Schriftsprache ist das Wort verloren gegangen, während es in anderen germanischen Sprachen fortlebt, so etwa mit schwedisch „hal“ und isländisch „hálur“, was dasselbe bedeutet wie bairisch „hàl, hai“, nämlich ‚(eis-) glatt, schlüpfrig‘.

Die Frage stellte Michael Mathes aus Hemau

Was ist ein „Gewappelter“?

Ein schlagfertiger, gewandter, raffinierter Mensch, der sozusagen mit allen Wassern gewaschen ist und alles zu seinem Vorteil zu wenden versteht, ist ein „Gwàppelter“. Älter ist die Bedeutung ’Mensch mit besonderen Privilegien‘. Und damit nähern wir uns bereits der Herkunft des Ausdrucks. Er hängt zusammen mit „Wappen“. Wer über ein Familienwappen verfügte, gehörte zu „den Besseren“. Damit hoben sich Adelige und wohlhabende Bürger als „Gewäppelte“ vom einfachen Volk ab. „Wappen“ ist die niederdeutsche Entsprechung von „Waffe“. Beide Wörter bezeichneten ursprünglich sowohl das Kampfgerät als auch das auf dem (Kampf-) Schild aufgebrachte Erkennungszeichen; heute differenzieren wir zwischen „Waffen“ und „Wappen“. Die alte Bedeutung ’sich bewaffnen‘ erkennt man im Verb „sich wappnen“. Eine andere Wortbildung, nämlich „-eln“ statt „-nen“, liegt im Bairischen vor, vertreten mit dem Adjektiv „gewàppelt, gwàpplt, gwàpped“. Am Rande erwähnt sei, dass „Wàpperl“ für ’Aufkleber, Vignette, Klebemarke‘ steht (wozu die Österreicher „Pickerl“ sagen): Steuer-, Stempel-, Wertmarke, Briefmarke sowie der „Kuckuck“, den der Gerichtsvollzieher bei einer Pfändung anbringt. Früher, als man für die Rentenversicherung noch Wertmarken auf eine Karte kleben musste, war das Verb „wàppeln“ sehr geläufig. „Die hod bloß a ganz a kloane Rentn“, hieß es, „weil sie hod erst recht spät zum Wàppln ogfangt.“

Dies wollte Manfred Döberl wissen

A ganz a O’drahda

„A o-dràhter Bàzi“ ist ein gewiefter, raffinierter, durchtriebener, skrupelloser Kerl. Österreichische Wörterbücher verzeichnen die verhochdeutschte Form „abgedreht“; der Duden kennt das Wort nicht. Es steht meist im Zusammenhang mit „Bàzi, Spitzbub, Halunke, Gauner“ usw. In „Agricola“, den Bauerngeschichten von Ludwig Thoma, heißt es: „Heute will ich lieber berichten, wie die zwei abgedrehten Spitzbuben eine Wallfahrt gemacht haben.“ Maximilian Schmidt gen. Waldschmidt lässt eine seiner Figuren sagen: „Herr Landrichter, ös sads halt gar an A’draahta!“ Eugen Oker spielt mit den Wortbestandteilen, wenn er schreibt: „Mit so einem abgedrehten Halunken lasst sich doch was drehn!“ „Abdrehen“ bezog sich wohl ursprünglich auf Milch, bei der man den Rahm „abgedreht“ hat. Damit wird klar, dass der Vorgang einer Reinigung, Verfeinerung, Läuterung zugrunde liegt, wie dies auch bei den einigermaßen gleichbedeutenden Ausdrücken „ausgekocht, mit allen Wassern gewaschen, raffiniert“ der Fall ist.

Die Frage stellte Anton Strehler

A michads Kind

Von einem lieben Kind, das zum Gernhaben ist, sagt man, es ist „michad“. So jedenfalls lautet das Wort in der Oberpfalz. Anderswo hört man „migad“ oder „megad“. Es handelt sich um eine Ableitung von mittelhochdeutsch „mügen“ bzw. neuhochdeutsch „mögen“ im Sinne von ’gernhaben‘. Wie lautgesetzlich zu erwarten, steht „i“ für „ü“ bzw. „e“ für „ö“ (Umlaut-Entrundung), und im Nordbairischen erscheint zwischenvokalisches „g“ als „ch“ (Spirantisierung). Falsch wäre es, ein Perfekt-Partizip „mögend“ anzusetzen, denn es ist ja nicht das Kind, das mag, sondern es wird gemocht. Demnach haben wir es mit dem bairischen Adjektiv-Suffix „-ad“ zu tun, das meist als „-ert“ verschriftet wird, obwohl historisch „-icht“ zugrunde liegt wie in hochdeutsch „töricht“ (zu „Tor“ = Narr). Wie nahe sich die beiden Endungen „-end“ und „-ert“ stehen, lässt sich zeigen mit „(g)stinkad, (g)spinnad“, wo sehr wohl die Partizipien „stinkend, spinnend“ angesetzt werden können. Bei „rothorad, deppad (rothaarert, deppert)“ hingegen trifft dies nicht zu; denn Verben wie „rothaaren, deppen“ existieren nicht. Demnach liegt bei Letzteren das Suffix „-ad“ vor anstelle von hochsprachlich „-ig“. Wollte man mundartlich „megad, michad“ in die Hochsprache transponieren, käme „mögig“ heraus.

Die Frage stellte Beate Amberger aus Cham

Die „Ratschkathl“ ist nicht lateinisch

Nicht nur Altphilologen haben ihre Freude daran, dass eine große Zahl von deutschen Wörtern aus dem Lateinischen kommt, so etwa „Wein, Mauer, Straße, Pfeiler, Pfeffer, Ziegel, Küche“ von lateinisch „vin(um), mur(us), (via) strata, pil(a), piper, tegul(a), coci(na)“ und viele weitere. Bei der schrittweisen Eindeutschung im Laufe der Jahrhunderte traten die bekannten Lautgesetze in Kraft: Die Konsonanten „p, t, k“ entwickelten sich zu „pf, ff; z, ss; ch“ (sog. 2. oder althochdeutsche Lautverschiebung), die Vokale lang „i, u“ zu „ei, au“ (neuhochdeutsche Diphthongierung). Falsch wäre es aber, „Vater, Mutter, Bruder“ von lateinisch „pater, mater, frater“ herzuleiten. Hier liegen keine Entlehnungen vor, sondern gemeinsame indogermanische (indoeuropäische) Wurzeln. Das Wort „Bub“ klingt zwar so ähnlich wie lateinisch „puer“, aber es ist sicher nicht entlehnt. Gleiches gilt für den Namen der „Bayern“, der nicht mit „pagus“ (Gau) zusammenhängt. Würde es sich um Entlehnungen handeln, wären „Pfub, Pfaiern“ zu erwarten. Witzig ist es durchaus zu behaupten, bairisch „Odel“, gesprochen „Ool“ (Jauche), käme von lateinisch „olere“ (stinken), oder nordbairisch „Moidl, Moil“ von „(iuvenis) mulier“ (junge Frau). Die lautliche Ähnlichkeit ist zufällig. Beide Male handelt es sich um deutsche Wortstämme. Dass „Moidl“ ebenso wie „Màdl, Maid“ und „Mädchen“ von mittelhochdeutsch „maged(lîn)“ kommen, liegt auf der Hand („maged- › maid- › màd- bzw. mäd-“). Ebenso unhaltbar ist die Behauptung, „Ràtschkàthl“ hänge zusammen mit lateinisch „ratio“ und „catalecta“ (Erklärungen sammeln), und „Waggerl, Waggala“ mit „vac(are) (leer stehen) und dem Wortstamm „gal-“ (was immer der bedeuten mochte). Aus solchen Erwägungen den Schluss zu ziehen, die Bevölkerung innerhalb des Limes hätte keinen germanischen Dialekt gesprochen, sondern einen lateinischen, ist abwegig.

Den Anlass hierfür gab Rupert Stadler aus Eichstätt

Es wird scho glei dumpa

Das bairische Eigenschaftswort „dumper“ kennt man vom Anfang des weihnachtlichen Liedes „Es wird scho glei dumpa“. Die Bedeutung ist ’dunkel, düster‘, auch ’dumpf‘. Wenn die Haare oder das Fell glanzlos und stumpf wirken oder eine glatte Oberfläche matt, so bezeichnet man diesen Zustand in manchen Gegenden als „dimper“, wohl eine lautliche Variante von „dumper“. Ein selten werdendes mundartliches Verb ist „bsàlinga, bsailinga“. Das Wort ist anzusetzen als „besaligen, besäligen“. Gemeint ist damit in erster Linie ’unansehnlich machen, beschmutzen, besudeln‘, in übertragenem Sinne auch ’beschlafen, begatten‘. Stärker verblasst erscheint die Bedeutung, wenn das Wort verwendet wird für ’sich beschäftigen, kümmern‘.

Diese Wörter lieferte Edith Stierstorfer aus Alteglofsheim

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Regelmäßig beantwortet Sprachwissenschaftler Ludwig Zehetner Dialekt-Fragen der MZ-Leser. Die Serie erscheint am letzten Freitag im Monat.

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