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„Eine engere Vernetzung ist wichtig“

Harry Fesser, Geschäftsführer DG Press, über die künftige Rolle und Entwicklung der Presse-Logistik für Zeitungsverlage

Harry Fesser, Geschäftsführer DG Press: Weniger Auflage, weniger Gewicht und weniger Anlieferstellen – dieser Spagat wird immer schwieriger.
Harry Fesser, Geschäftsführer DG Press: Weniger Auflage, weniger Gewicht und weniger Anlieferstellen – dieser Spagat wird immer schwieriger. (Foto: DG XPres)

Regensburg.Sie transportieren Zeitungen und Magazine und würden, wenn möglich, das Internet gerne abschalten, oder?

Sagen wir es mal so. Unser Verhältnis zum Internet ist indifferent, wenn man das Internet als Contentlieferant für kostenfreie Informationen versteht, das den haptischen Markt substituiert. Auf der einen Seite brauchen wir das Internet für mobile Services wie Apps im Bereich Transport und Zustellung, auf der anderen Seite sind wir als Marktteilnehmer im Printgeschäft direkt vom Erfolg der Verlage mit gedruckten Produkten abhängig. Die Konsequenzen, die man aus der aktuellen Entwicklung ziehen muss: Eine gewisse Größe als Dienstleister ist für die Wirtschaftlichkeit unabdingbar, da die Durchschnittsmarge für uns tendenziell immer weiter sinkt, die Serviceansprüche aber steigen. Daher ist der Verkauf der DG Service GmbH an die Ohl Gruppe, ein Marktführer im Bereich Presse-Logistik, auch der richtige Schritt in Richtung Generalist mit Spezialisierungs-Know-how.

Was bedeutet das für Zeitungsverlage?

Zunächst einmal gar nichts. Die Ohl Gruppe kann sich mit DG noch intensiver um die alltäglichen Herausforderungen kümmern und die notwendigen strategischen Schritte einleiten, die der Markt in Zukunft braucht. Da geht es zunächst um die Auslastung der Fahrzeuge und Optimierung der Zustellung im Abo-Geschäft sowie den Ausbau des länderübergreifenden Geschäfts.

Sie sind ja schon lange im Printlogistik-Geschäft. Wie hat sich vor allem der deutsche Markt verändert?

Ich möchte aufgrund der sinkenden Auflagen überhaupt nicht in das Jammer-Horn stoßen, denn noch ist das Niveau im deutschsprachigen Markt so, dass es für alle Beteiligten reicht. Für die Zukunft möchte ich allerdings nicht die Hand ins Feuer legen. Im Grunde besteht für Logistiker die Aufgabe, sowohl das Massengeschäft als auch die Sondervertriebswege abdecken zu können. Weniger Auflage, weniger Gewicht und weniger Anlieferstellen – dieser Spagat wird immer schwieriger. Logistikern, deren Systeme nicht ausreichend flexibel sind, bereiten die Marktveränderungen zunehmend Probleme. Die Konsolidierungseffekte wirken sich bereits aus. Daher haben wir frühzeitig auf diese Anforderungen reagiert und können als Spezialist für kreative Logistiklösungen vor allem jetzt unsere Erfahrung im internationalen Markt ausspielen. Somit gestaltet sich auch der deutsche Markt trotz der aktuellen Kennzahlen für uns positiv. Wir können im Interesse der Verlage hierbei eine tragende Rolle spielen, was von Verlagen zum richtigen Zeitpunkt sehr gut wahrgenommen wird. Fest steht: Die entscheidende Phase in der Tageszeitungs-Print-Logistik kommt erst noch. Wie das ausgeht, ist kaum abzuschätzen. Sicher ist, dass wir es mitgestalten werden.

Wie reagieren Sie als Logistiker konkret auf die durchschnittlich sinkenden Auflagenzahlen im Zeitungsgeschäft?

Normalerweise müsste die Logistik-Branche insgesamt die Preise erhöhen, aber das ist in der Regel nicht möglich. Grundsätzlich ist es so, dass kaum eine Auflage zu niedrig ist, um sie nicht professionell innerhalb unseres Netzwerks ausliefern zu können. Daher auch die große Herausforderung, immer weiter an der kundenorientierten Flexibiliät zu arbeiten. Wir müssen noch effizienter werden, was unter anderem Bündelungseffekte und Optimierungspotenziale im Bereich Kapazitätsauslastung, die weitere Vernetzung von Angeboten sowie die Portfolioerweiterung betrifft. Darüber hinaus ist die gesamte Branche dabei,Alternativen zur Presse-Logistik aufzubauen. Im Non-Press-Bereich gibt es eine Menge Bewegung. Das Thema „alternative Lieferstationen“ wie Kofferräume in Privatfahrzeugen sind ja bereits durch die Presse gegangen. Hier gilt es mehr denn je, die Zuverlässigkeit zu beweisen, die im Logistikgeschäft über allem steht.

Wie wirkt sich hierbei die Digitalisierung des Marktes im Tagesgeschäft aus?

Zur Optimierung der Zustellung führt an mobilen Devices kein Weg vorbei. Beispielsweise setzen wir eine Zeitungs-App zur Kontrolle der Zeitenmeldung bei den Anlieferstellen ein. Die Daten gehen gleichzeitig beim Verlag ein, so dass die Kundenbindungsmaßnahmen sofort greifen können. Zudem gibt es eine App, die die Zeitfensterbelieferung von Lebensmittelboxen von HelloFresh abdeckt, die Tourenplanung und Navigation integriert und Hilfestellung gibt, wenn der Kunde nicht da ist.

Welche Rolle spielen in Zukunft Sondervertriebswege?

Deren Bedeutung ist zumindest nicht rückläufig, wobei wir als Logistiker auf vernünftige Preise für die Belieferung und Bestückung achten müssen. Parteitage, Messen und Firmenevents sind durchaus interessante Vertriebskanäle. Auch die Nachfrage der Agenturen ist stabil. Für die Vertriebsabteilung der jeweiligen Medien stellt sich dabei natürlich immer die Frage, ob sich die Zustellung eines Exemplars bis zum Waldrand lohnt. Doch wenn ein Verlag nur 500 Magazine verkauft, sind 50 bis 80 Exemplare im Sondervertrieb natürlich entscheidend dafür, ob es den Titel in Zukunft noch gibt. Wir sind uns dieser Verantwortung natürlich bewusst. Auch aus Eigennutz, denn die großen Verlagshäuser bringen vor allem im Magazinbereich immer mehr Special-Interest-Titel auf den Markt. Es muss jedoch klar sein: Bei Sondervertriebswegen ist die Preisspirale nach unten nicht mehr möglich.

Ihre Wünsche an die Verlagshäuser sehen daher wie folgt aus?

Das Umfeld wir schwieriger. Und um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern, ist eine engere Vernetzung und Verzahnung aller Marktbeteiligten äußerst wichtig. Es gilt, Schnittstellen in die Verlage zu bringen, wodurch eine vorausschauende Planung möglich wird. Die Verlage sind bereits dabei, ihre Logistikkompetenz auszubauen, insofern sind wir auf dem richtigen Weg.

Haben Sie – sozusagen als eine Variante der Bezeichnung Zusteller – direkte Probleme mit dem Mindestlohn und wie lösen sie diese?

Natürlich sind wir direkt betroffen und können so manche Aushilfe im Lager nicht mehr beschäftigen. Es sind enorme zusätzliche Kosten entstanden, die wir nur teilweise an die Verlage weitergeben konnten. Ich frage mich, ob denjenigen, die jetzt gar nicht mehr beschäftigt werden können, wirklich geholfen ist – zudem ist die Administration trotz der Vereinfachung der Dokumentationspflicht immer noch aufwändig. Aber wir teilen dieses Schicksal ja mit den Verlagen.

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