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Samstag, 26. Mai 2018 28° 2

Personenschutz

Interview: Der Bodyguard der Promis

Werner Wittek beschützte Rudolph Moshammer jahrelang. Heute ist er unter anderem an der Seite von Michael „Bully“ Herbig.
Von Susanne Wolf

Werner Wittek führt seit 30 Jahren das Münchner Sicherheitsunternehmen PSD. Foto: Wolf

Gibt es Leute, die keinen Personenschutz bräuchten, aber denken, dass sie ihn brauchen?

Natürlich. Es gibt Leute, die sich mit dem Personenschutz nach außen darstellen. Im Prinzip brauchen sie ihn nicht – es ist mehr wie ein Showakt. Ich mache sowas ungern: Wenn der Personenschützer bekannter wird, als der, auf den er aufpasst, dann wird das schwierig. Bei Rudolph Moshammer war das ein ganz schöner Rummel... Orlando Bloom und Dustin Hoffman können natürlich nicht durch München gehen, ohne dass sie erkannt und belagert werden. Da geht es nicht um die Gefahr ums Leben, sondern um den Schutz ihrer Privatsphäre.

Wie oft ist das Leben einer Person wirklich in Gefahr?

Ganz selten. Wir hatten bisher einen Fall: Da ist ein Mann mit einem Messer auf Mosi losgegangen. Er war psychisch krank und hätte jeden Promi attackiert, den er in diesem Moment erwischt hätte. In den seltensten Fällen ist es lebensbedrohlich. Ansonsten sind es Situationen von Stalking oder Ähnlichem. Miranda Kerr wurde beispielsweise von der Presse regelrecht gestalkt, als sie schwanger war. Da hatte ich zu tun, damit sie nicht überrannt wird.

Stalking spielt heutzutage eine wichtige Rolle?

Ja. Früher war das eher ein „Promi-Bonus“. Mittlerweile ist das durch Beziehungsprobleme und vieles mehr zu einem Jedermannsproblem geworden.

„Bei Orlando Bloom war es echt krass: Da sind uns Leute von der einen Stadt in die andere nachgereist“

Werner Wittek, Personenschützer

Bei Orlando Bloom war es echt krass: Da sind uns Leute von der einen Stadt in die andere nachgereist.

Wie viele Leute braucht man zum Schutz eines Promis?

Allein ist es schwierig: Du kannst dich entweder um den Promi oder um den Stalker kümmern. Vor allem bei Events und Filmpremieren brauchst du mehrere Leute. Man muss die Räumlichkeiten und das vorgesehene Programm anschauen. Wo kann man eine Autogrammstunde abhalten? Wo sind Flucht- und Rettungswege? Wer sind die Ansprechpartner? Wo sind die Angestellten? Wer trifft auf uns? Man muss vorher das Umfeld gut abklopfen.

Haben Sie Feierabend, wenn die Termine der Schutzperson vorbei sind?

Eher nicht. Das gibt es zwar auch – speziell in der Wirtschaft. Da gibt’s Personenschutzaufträge, wenn Leute kurzzeitig bedroht werden wie beim Dieselskandal. Da sind es normale Arbeitszeiten. Dabei bezieht sich der Personenschutz auf kurz vor dem Event, das Event und kurz danach. Bei Filmproduktionen gibt es keine feste Arbeitszeit. Da gibt es so viele Einflüsse, die das bestimmen. Hier muss man extrem flexibel sein. Du bist voll gebucht: von dem Moment, wenn der Promi aus dem Flieger aussteigt, bis zu dem Zeitpunkt, wenn er wieder einsteigt.

Herrn Moshammer haben Sie über zehn Jahre betreut. Wie trennt man Berufliches von Privatem?

Das ist sehr schwierig, weil man das ganze Privatleben mitbekommt. In irgendeiner Form findet man ja Drähte zueinander – mal positiv, mal negativ. Es ist schwer, da die Person am Ende des Tages ja immer noch der Auftraggeber ist. Du solltest immer eine gewisse Distanz dazwischen lassen. Natürlich entstehen auch engere Verhältnisse. Man vertraut sich ja und als Personenschützer bekommt man vieles aus dem Privatleben mit, was die Öffentlichkeit ja nicht so mitbekommt. Dann merkt die Person, dass man sich auf einen verlassen kann und nichts nach außen dringt. Man ist wie ein Schatten... Oftmals ist es schwierig, weil man demjenigen privat gerne sagen würde: „Mach das nicht!“ Trotzdem ist es dein Chef... Man muss wissen, wann man sich zurückhält.

Zur Person: Werner Wittek

  • Von Straubing nach München:

    Geboren ist Werner Wittek am 22. Juli 1962 in Straubing. Vor rund 40 Jahren zieht er mit seinen Eltern nach München. Er macht eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker. Nach seinem Meistertitel stellt er fest, dass „es nicht das ist, was ich will“.

  • In Miami gearbeitet: Wittek probiert sich aus und eröffnet ein Fitnessstudio. Dann nimmt er einen Job in der Sicherheitsbranche an. Die Arbeit gefällt ihm so gut, dass er sich bald als Ein-Mann-Betrieb selbstständig macht und sogar für einige Zeit in Miami als Securitymanager in einem Hotel und in Kairo bei einer Hotelkette als Head of Security für ganz Ägypten arbeitet. Da es einen immer größeren Bedarf an Sicherheit gibt, baut er – zurück in Deutschland – seine Firma PSD aus, ganz nach amerikanischem Vorbild. Viel bekanntes Klientel:

    Heute ist Wittek seit 30 Jahren erfolgreich in der Branche tätig und hat rund 100 Mitarbeiter angestellt. Zu seinem Klientel gehören neben Prominenten und Politikern auch Unternehmer und Vorstandsvorsitzende sowie Privatpersonen. Mit seiner Lebensgefährtin hat er eine Tochter.

Entwickelt sich da eine Freundschaft?

Vertrauen ist das A und O. Freundschaft (überlegt)... Herr Moshammer war nicht so einfach. Er war teilweise sehr introvertiert. Ich bin ein Mensch, der einen Plan hat, was auch mein Beruf mit sich bringt. Der Mosi war ein Paradiesvogel. Er hatte teilweise Ideen, die sich nicht mit meinen Vorstellungen gedeckt haben. Das ist dann schwierig, weil du trotzdem deinen Job machen musst. Das ist dieser Spagat, den du hast – gerade beim Langzeitpersonenschutz. Beim Kurzzeitpersonenschutz denke ich mir: „Das ist eine Spinnerei. Wenn er das will, dann mache ich das mit.“ Bei Leuten wie Mosi, die sehr in der Öffentlichkeit polarisieren, wird es sehr schwer.

Das ist aber dann auch ein sehr abwechslungsreicher Job?

(lacht) Total. Ich habe hier in München mal Daniela Katzenberger beschützt. Das ist etwas komplett anderes, wie wenn du einen Vorstandsvorsitzenden beschützt. Dazwischen sind Universen. Meist hören die Leute aber auf mich.

„Ich habe hier in München mal Daniela Katzenberger beschützt. Das ist etwas komplett anderes, wie wenn du einen Vorstandsvorsitzenden beschützt“

Werner Wittek, Personenschützer

Bei Moshammer war es am Ende meist so, dass er sich an mir orientiert hat. Trotzdem hat er sein Privatleben komplett entgegengesetzt der Sicherheit gelebt. Ich habe ihm zehnmal erklärt, wie ich es machen würde. Er hat mir zehnmal erklärt, dass das sein Privatleben ist... Ich habe ihn natürlich auch gefragt, wieso ich sechs Stunden bei einer Veranstaltung mit ihm dastehe, er dann aber nachts alleine rausgeht. Das war eine Kluft, wo ich oft dachte, dass ich mich bei einer Veranstaltung „wichtig mache“ und er dann alleine unterwegs ist.

Wie fühlt es sich an, dass Sie genau in dem Moment, wo es nötig gewesen wäre, Rudolph Moshammer nicht helfen konnten – nur weil er das nicht wollte?

Es war mir eine Lehre, weil das genau diese Szenen sind, die sich ständig in deinem Kopf abspielen. Ich spiele Szenen durch, wenn ich einen Personenschutz annehme, was passieren könnte. So war das bei Mosi auch. Wenn ich ihm eine Gefahrenanalyse dargestellt habe, waren die Spitzen hier immer genau bei 100 Prozent. Ich habe gesagt, dass das nicht geht, dass wir ihn abends heimfahren, das Auto in die Garage stellen, uns verabschieden und am nächsten Morgen sind hundert Kilometer mehr am Tacho. Aber er hat sich das nicht nehmen lassen... Manchmal hatte er Minuten, wo er mir zugestimmt hat.

Aber genau dieses Bedürfnis nach Privatsphäre ist ihm dann zum Verhängnis geworden...

Genau... Es wusste eh jeder. Man hat ihn gekannt und natürlich auch gesehen, wenn er unterwegs war. Mosi war eben einer, der sich unglaublich engagiert hat – für Obdachlose und vieles mehr. Heute würde diese Geschichte – in Zeiten des Internets – ganz andere Wellen schmeißen. In München waren seine Neigungen bekannt. Deswegen wollten wir nicht, dass er alleine unterwegs ist... Ich habe ihm auch ein Notsignalgerät – ähnlich wie im Pflegedienst – vorgeschlagen. Das wollte er aber nicht. Das hätte ihn wahrscheinlich davor bewahrt...

Wenn er das als Auftraggeber so will...

Klar. Dann muss ich das akzeptieren. Sonst bin ja ich am Ende des Tages der Stalker.

Vor acht Jahren haben Sie in einem SZ-Interview gesagt, dass Sie nicht wissen, ob Sie jemals nochmal einen Promi betreuen werden, weil Ihnen das mit Herrn Moshammer so nahegegangen ist...

Ich persönlich würde wahrscheinlich nicht mehr für sowas zur Verfügung stehen. Also dass ich mein komplettes Leben einer Person oder einem Auftrag derart unterordne. Eine wichtige Person ist Bully (Anm. d. Red.: Michael „Bully“ Herbig für mich.

as passende Geschenk: Michael „Bully“ Herbig (l.) verewigte seinen Personenschützer Werner Wittek (r.) und sich in einer Fotomontage des „The Bodyguard“-Kinoplakats. Foto: Wolf

Ihn kenne ich schon so lange und wir haben schon viel miteinander gemacht. Bei ihm geht es nicht um Leben und Tod, sondern darum, die Diskretion und die Privatsphäre zu erhalten. Da hängst du auch mit Gefühlen drin, weil ich seine Frau und seinen Sohn sehr gut kenne. Ansonsten kann man mich für so ein Thema nicht mehr so einfangen. Kurzzeitaufträge gehen: Da kommt man sich nicht näher.

Sie begeben sich teilweise auch selbst in Gefahr...

Du bist eigentlich in permanenter Gefahr. Du bist der erste Punkt vor der Zielperson. Es geht nicht immer um Lebensgefahr, aber es macht halt auch keinen Spaß, wenn dein Anzug zerrissen wird, weil du Leute von etwas abhalten willst. Wenn du in der Vorbereitung Fehler gemacht hast, dann büßt du das in der Veranstaltung. Man weiß ja nicht, ob die Person einen Kugelschreiber in der Hand hat oder etwas anderes. Die Zeit, zu fragen, hast du nicht. Du musst entscheiden: Wie nehme ich den? Ist das ein normaler Autogrammjäger oder ein Stalker? Du bist immer in einem gewissen angespannten Gefahrenlevel.

Da Sie der „Prellbock“ sind: Machen Sie sich Gedanken darüber, dass es Sie auch einmal selbst erwischen kann?

Nachher. Vorher versuchst du, deine Herausforderung zu meistern und das Beste daraus zu machen. Währenddem hast du keine Zeit für solche Gedanken, da du hochkonzentriert sein musst. Danach ist es manchmal so, dass man denkt: „Das hätte schiefgehen können!“ Ich will das dann fürs nächste Mal ausschließen. Es sind immer andere Leute und Orte, sodass nicht alles genau vorhersehbar ist.

Was sind potenzielle Gefahrenquellen?

Ich sehe beide Seiten. Bei einer Autogrammstunde beispielsweise will ich meine Schutzperson wieder heil aus der Situation herausbringen, habe aber auch Interesse daran, dass sich keine Besucher verletzen. Der Auftrag war dann gut, wenn meiner Schutzperson nichts passiert ist, aber auch alles andere gut war. Vorher musst du schauen, für wen du arbeitest. Dafür recherchiere ich im Internet, ob es potenzielle Gefahren durch Drohungen oder Hasskommentare gibt. In manchen Fällen sprechen wir uns mit der Polizei ab, wenn eine Parallelveranstaltung ist. Die Vorbereitung ist sehr umfangreich. Der Auftrag ist relativ schnell abgewickelt.

Sie wägen spontan ab, ob Waffen nötig sind?

Ja, ich versuche, das vorher zu analysieren. Das ist das Problem in der Branche. Der Personenschutz ist nicht nur: einfach mal schnell auftrainieren und dann nebenherlaufen, grimmig schauen und jeden weghauen, der daherkommt.

„Personenschutz bedeutet, im Vorfeld eine Sicherheitsanalyse zu erstellen. Je unauffälliger alles abläuft, desto besser“

Werner Wittek, Personenschützer

Personenschutz bedeutet, im Vorfeld eine Sicherheitsanalyse zu erstellen. Je unauffälliger alles abläuft, desto besser.

Haben Sie in den 30 Jahren schon mal von Ihrer Schusswaffe Gebrauch gemacht?

Gott sei Dank nicht. Bisher ist es immer ohne gegangen. Darum habe ich sie auch noch(lacht)...

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