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MZ-Serie

Brigitte Hobmeier: Die bayerische Venus

Die 42-Jährige ist eine der fesselndsten Schauspielerinnen Deutschlands. Aufgewachsen ist sie in der Münchner Vorstadt.
von Christine Straßer

Geierwally, Hebamme oder Leni Riefenstahl – Brigitte Hobmeier ist eine Schauspielerin, die in fast jeder Rolle in Erinnerung bleibt. Foto: Barbara Gindl/dpa

München.Diese Haare. Lang, rot und lockig. Die blauen und durchdringenden Augen. Das herzförmige Gesicht – Wer versucht, Brigitte Hobmeier zu beschreiben, landet schnell beim Äußeren dieser Schauspielerin, die in ihre Rollen so viel Leidenschaft legt. Sie war über Jahre Münchens ungekrönte Theaterkönigin. Das Publikum war gebannt und begeistert von der Wucht, mit der sie, die einen so zierlichen Körper hat, spielte. Bei aller Stärke umflirrte sie immer auch das Mädchenhafte, das Verletzliche. Zu dem irisierenden Erscheinungsbild kommt bei ihr eine Innerlichkeit, die den Zuschauer geradezu erschüttern kann.

Als Susn aus dem Bayerischen Wald lehnte sie sich im Stück von Herbert Achternbusch gegen die Zwänge ihrer Welt auf – und scheitert. Als Maria Braun, wieder unter der Regie von Thomas Ostermeier, gibt sie die Diva und Hure, die auch ein kindliches Antlitz und etwas Unnahbares hat. Brigitte Hobmeier vereint Widersprüche. So vollkommen wie sie kann das keine Zweite. Fast zwangsläufig regnete es Preise. Für die Rolle der Elisabeth in „Glaube Liebe Hoffnung“ von Ödön von Horváth gewann sie zum Beispiel 2007 den deutschen Theaterpreis „Der Faust“ als beste Schauspielerin.

Abschied schlug Wellen

Umso größer war das Beben, als Hobmeier Ende 2016 bei den Münchner Kammerspielen kündigte und im Sommer 2017 tatsächlich aus dem Ensemble ausschied. Hobmeier hatte dem Haus seit 2005 angehört. Sie wollte nie viele Worte über diesen Schritt verlieren. Dass sie „schweren Herzens“ gehe, ließ sie damals lediglich wissen, schließlich empfinde sie die Kammerspiele als ihre „künstlerische Heimat“. Doch unter dem Intendanten Matthias Lilienthal spielt sie kaum noch. Tat sie es doch einmal, etwa als Nadia in „Rocco und seine Brüder“, brillierte sie.

Wenn Hobmeier im Fernsehen oder im Kino auftaucht, sieht man oft auch Berge, Wald und Höfe. Sie trägt dann schlichte Kleider aus Baumwolle und spricht ein tiefes Bayerisch. In Marcus H. Rosenmüllers Wilderer-Drama Räuber Kneißl zum Beispiel, oder in Bettina Oberlis Bauernhof-Krimi Tannöd, im von Dagmar Hirtz inszenierten Film „Die Hebamme“ und in dem Spielfilm „Ende der Schonzeit“ der Regisseurin Franziska Schlotterer, in dem es um eine Dreiecksbeziehung um ein Bauernpaar im Schwarzwald und einen versteckten jüdischen Flüchtling geht. Das sind typische Hobmeier-Rollen. Die 42-Jährige kennt sich aus mit dem Gefühl, in einer beengten Welt zu leben und den Mühen, sich daraus zu befreien. Aufgewachsen ist sie im Münchner Vorort Ismaning, aber ihre Familie kommt eigentlich aus Niederbayern.

Sehen Sie hier den Trailer zu „Ende der Schonzeit“:

Die Großeltern hatten eine Bäckerei. Der Vater war Heizungsinstallateur. Die Mutter führte eine Reinigung. Wie bringt man diesen Eltern bei, dass man Schauspielerin werden will? Hobmeier sagte zunächst einmal gar nicht. Als sie zum Vorsprechen nach Essen fuhr, verschwieg sie das ihrer Familie. Sie wollte nicht schon vorher streiten. Erst als sie an der renommierten Folkwangschule angenommen war, rückte sie damit heraus. Um ihren Traum zu verwirklichen, musste sie kämpfen. Ihr Studium finanzierte sie sich unter anderem als Herzerlverkäuferin auf dem Oktoberfest. Uneitel und bodenständig – Diese Wörter charakterisieren Hobmeier und ihr Spiel gleichermaßen. Bekannt wurde sie am Münchner Volkstheater, durch das Christian Stückl damals einen frischen Wind blies. Die junge Schauspielerin fand hier Anfang der 2000er Jahre das für sie richtige Biotop, um sich auszuprobieren. Es heißt, wer Hobmeier damals als Geierwally gesehen hat, der kann sich keine andere Schauspielerin mehr in dieser urbayerischen Rolle vorstellen. Schon bald wurde sie als bayerische Venus gefeiert, die wirkt, als wäre sie dem Renaissance-Maler Sandro Botticelli aus der Leinwand gefallen.

Unfassbare Duelle

In Salzburg spielte Brigitte Hobmeier die Buhlschaft. Foto: Barbara Grindl/dpa

Hobmeier kann aber auch noch einmal ganz anders. Sie war Leni Riefenstahl in einem Luis-Trenker-Film und in Salzburg trat sie drei Sommer lang als Buhlschaft im Jedermann auf. Unfassbare Duelle lieferte sie sich in dem Familiendrama „Ein Teil von uns“ mit der legendären Jutta Hoffmann. Tochter und Mutter, eine obdachlose Alkoholikerin, kämpfen in diesem tieftraurigen Film miteinander. Hofmann betrinkt sich, schreit, kotzt, schlägt um sich. Hobmeier ist der stumme, hilflose Gegenpol. Als überforderte Tochter sucht sie verzweifelt nach einer Lösung, die es nicht gibt. Es gibt Momente, da will sie fliehen und dann kümmert sie sich doch. Stets ist sie am Rande eines Zusammenbruchs. Hobmeiers Spiel ist so intensiv, dass der Zuschauer wie gebannt vor dem Bildschirm sitzt.

Im Frühjahr stand Brigitte Hobmeier für einen der berühmtesten Kriminalfälle der Filmgeschichte vor der Kamera. In Wien drehte David Schalko die sechsteilige Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ nach der stilprägenden Vorlage von Fritz Lang. Wieder geht es um einen Kindsmord. 130 Sprechrollen vergaben die Macher, eine ganze Riege an Stars tritt auf. Es ist abzusehen, dass die Szenen mit Hobmeier besonders werden. Weil sie immer meint, was sie spielt. Im nächsten Jahr soll die Serie ausgestrahlt werden.

Und die Bühne? Noch ist nichts über ein neues Engagement bekannt.

In einer Serie stellt die MZ auf dieser Seite bayerische Künstler vor. Hier gibt es mehr Teile!

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