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Wo der Kalte Krieg nie ganz abtaute

Von Camp Reed bei Rötz aus wachte die US-Army über den Eisernen Vorhang. Noch heute umgrenzt es ein Zaun. Wir waren dahinter.
Von Daniel Haslsteiner

Rötz.Es ist 1982. An der tschechischen Grenze fahren Armeefahrzeuge auf. Nato-Fernmelder am Hohenbogen und in Amberg schlagen Alarm. Und in ein Waldstück oberhalb von Rötz kommt Bewegung. Ein Hubschrauber steigt aus den Fichten und dreht nach Osten ab. Wenige Augenblicke später beben die Häuser im Süden von Rötz. Eine Kolonne US-Panzer und Jeeps kommt die Straße vom Berg herunter – auch sie wollen nach Osten zur Grenze: Präsenz zeigen.

Vier Jahrzehnte lang war die tödliche Bedrohung durch den Kalten Krieg in Rötz Alltag. Drei Kilometer vom Ort weg schlug die amerikanische Besatzungsmacht Anfang der 50er Jahre Quartier auf. 50 bis 60 Panzer-Kavalleristen hielten in Camp Reed, so der Name des fünf Hektar großen Grenzlagers, Stellung. Ihre Aufgabe: Die Grenze zum Ostblock sichern – von Waidhaus bis Lam. Täglich patrouillierten die Truppen aus Camp Reed mit Jeeps oder schwerem Gerät an den gut 140 Kilometern Eiserner Vorhang. Und huschten Flüchtlinge aus Osten durch ihn oder marschierten die Truppen des Warschauer Pakts verdächtig nahe an den Grenzstreifen, dann rückte ein Empfangskommando aus dem Camp an.

Erst renoviert, dann abgezogen

Wäre diese Aufnahme vor 30 Jahren entstanden, wären wohl US-Panzer vor der ehemaligen Garage von Camp Reed zu sehen gewesen.
Wäre diese Aufnahme vor 30 Jahren entstanden, wären wohl US-Panzer vor der ehemaligen Garage von Camp Reed zu sehen gewesen. Foto: Tschannerl

Der drei Meter hohe Stacheldraht, der das Camp an der Straße nach Neukirchen-Balbini seit seinem Bau 1953 umgibt, steht noch heute. Auch das grüne Metalltor ist noch immer geschlossen. Nur die alten Bewohner von der anderen Atlantik-Seite, die sind schon lange nicht mehr da. Doch was wurde aus dem Lager – und wie sieht es dort aus? Dieser Frage, lieber Leser, gehen wir heute gemeinsam nach – im neuen Teil unserer Serie „Geheime Orte“.

Nachdem die amerikanische Panzer-Kavallerie pünktlich zur ersten Irak-Invasion Anfang der 90er das Camp verlassen hat, stand es erst mal leer. Einen Mieter für eine ehemalige Armeeanlage finden – offenbar keine einfache Aufgabe. Doch dann gab es eine unerwartete Wende: Als die Zentrale Diensthundeschule der Bayerischen Polizei in Herzogau 2000 eröffnete, war mit dem ehemaligen Grenzlager schnell ein idealer Übungsplatz in nur 20 Kilometer Entfernung gefunden.

Wie perfekt Camp Reed für die Hundeausbildung ist, zeigt uns Wolfgang Karl, der stellvertretende Leiter der Diensthundeschule, vor Ort. 15 Gebäude stehen in dem umzäunten Areal. Gleich hinter dem Tor sind der ehemalige Platz für Panzer und Jeeps sowie eine Garage. Hier stehen jetzt ausgemusterte Polizeiwagen. „Die Hunde üben hier das Durchsuchen von Autos“, erklärt Karl.

In den Baracken waren die Zentrale des Camps und die Offiziers-Unterkünfte. Noch Ende der 80er wurde renoviert.
In den Baracken waren die Zentrale des Camps und die Offiziers-Unterkünfte. Noch Ende der 80er wurde renoviert. Foto: Tschannerl

Hundert Meter weiter den Berg hinauf stehen Unterkunftsbaracken, eine Turnhalle, ein großes Casino, Verwaltungsgebäude und eine über die Jahre verfallene Holzkirche. Im Gegensatz zur Gotteshaus-Ruine ist der Rest des Camps bemerkenswert gut in Schuss. Kein Wunder, erklärt uns Wolfgang Karl: „Die Amerikaner haben das noch Ende der 80er komplett renoviert. Die neuen Plastikfenster oder die Zentralheizung stammen etwa aus der Zeit. Da hat wohl keiner damit gerechnet, dass sie schon wenige Jahre später abziehen.“

Das ganze Camp wirkt so, als hätten sich die Amerikaner auf einen längeren Aufenthalt oberhalb von Rötz eingerichtet. Schauen Sie sich die Holzkassetten-Decken und hochwertigen Klinkermauern an – und da, sogar eine Bar mit Kühlaggregaten. So sieht kein notdürftiger Unterstand an einer potenziellen Front aus.

Jugendliche steigen öfter mal ein

Sichtbare Reste der US-Army: der ehemalige Funkraum im „Operations Center“ von Camp Reed
Sichtbare Reste der US-Army: der ehemalige Funkraum im „Operations Center“ von Camp Reed Foto: Tschannerl

Vom ursprünglichen Mobiliar ist kaum mehr etwas da. Im Operations Center, der Einsatzzentrale, steht noch der hölzerne Konsolentisch der Funker, in den Unterkünften finden wir den typisch amerikanischen Trinkwasser-Spender. Wo früher die GIs in Stockbetten geschlafen haben, stehen jetzt alte Sessel und Regale. „Die haben wir hergebracht“, erklärt Karl. Das seien gute Hindernisse oder Versteckmöglichkeiten für die Suchhundeausbildung. Bis zu zwölf Polizeihunde üben hier jeden Tag. Darum ist das Areal noch immer abgesperrt. „Wir wollen niemanden gefährden“, erklärt der Erste Polizeihauptkommissar Karl. So wäre es für ungebetene Gäste eine unangenehme Überraschung, wenn während einer Aufspürübung der Schäferhund plötzlich vor ihnen stünde. Darum, liebe Leser, nicht selbst über den Zaun klettern: Das ist strafbar, betont die Polizei.

Die Polizeihunde-Ausbildung

  • Zentrale:

    Die Polizeihunde und ihre Führer werden in Herzogau aus- und regelmäßig fortgebildet.

  • Ausbildung:

    Bis ein Polizeihund eingesetzt werden kann, vergehen ein bis zwei Jahre Ausbildungszeit.

  • Bereiche:

    Die Hunde werden in der Suche nach Brandmitteln, Sprengstoff, Banknoten und Menschen sowie im Personenschutz ausgebildet.

  • Einsatz:

    Ein Polizeihund „arbeitet“ bis er circa 10 Jahre ist. In der Zeit und im „Ruhestand“ lebt er beim Hundeführer. Das Tier bekommt später eine Pension.

In der Kantine von Camp Reed üben Polizeihunde zum Beispiel die Suche nach Drogen. Das Mobiliar ist „neu“ und dient als Hürde oder Versteck.
In der Kantine von Camp Reed üben Polizeihunde zum Beispiel die Suche nach Drogen. Das Mobiliar ist „neu“ und dient als Hürde oder Versteck. Foto: Tschannerl

Dass Jugendliche den Zaun trotz Verbot überwinden, ist natürlich nicht völlig unverständlich. Zu verlockend scheint die Militär-Geisterstadt aus dem Kalten Krieg oben auf dem Berg – dieses Historien-Gruselkabinett aus einer anderen Zeit. Und doch hat sich hier der Wind seit dem Abzug der Amerikaner gedreht. Wo einst die Nato-Speerspitze auf den Einmarsch der östlichen Armeen lauerte, trainieren heute immer wieder auch Polizeihunde des früheren Erzfeinds. „Nächstes Jahr bilden wir hier zum Beispiel einen Polizeihund für unsere rumänischen Kollegen aus“, erklärt Karl. So zeigt sich heute ausgerechnet im Camp der kalten Krieger, wie Europa zusammengewachsen ist.

Hier finden Sie alle Teile unserer Reihe „Geheime Orte“

Lesen Sie hier: Im Camp Reed bei Rötz trainieren Polizisten mit ihren Hunden, die Benzin riechen, auch wenn es verbrannt ist.

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Geheime Orte: Das US-Grenzlager Camp Reed bei Rötz

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