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Steine, die mehr wert sind als Geld

Ein Steuerberater aus Cham sammelt Steine, die er am Weg seines Lebens findet. Sie erzählen Geschichten – von Menschen.
Von Ernst Fischer

  • Karl Bergbauer und Steine, die in seinem Leben im Weg lagen – irgendwo in aller Welt. Sie sind ein Symbol für seine Lebensphilosophie: „…nie abheben oder die Bodenhaftung verlieren!“ Foto: Tschannerl
  • Goldader? Der Stein ist nicht wirklich Gold wert: Es ist Katzengold in Quarz vom Pfahl. Foto: Tschannerl

„Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“

Johann Wolfgang von Goethe

Karl Bergbauer kennt seinen Goethe. Und er kann Geschichten davon erzählen, die nicht erdichtet sind. Man kann etwas machen – auch aus den größten Steinen, die einem in den Weg geworfen werden. Sogar aus der Katastrophe einer Atombombe auf Hiroshima! Und deshalb werden bald fünf Kraniche im Foyer seiner Steuerkanzlei in Cham-Süd schweben – aus Papier gefaltet. Aber dazu später.

Man(n) kann es zu etwas bringen im Leben, auch wenn der Weg von Anfang an nicht mit Gold gepflastert ist. Karl Bergbauer ist der beste Beweis dafür. Man kennt diesen Mann. In Cham-Süd betreibt er eine erfolgreiche Steuerberater-Kanzlei und engagiert sich für seinen Berufsstand in der Kammer bis in alle Welt.

Karl Bergbauer und Steine, die in seinem Leben im Weg lagen – irgendwo in aller Welt. Sie sind ein Symbol für seine Lebensphilosophie: „…nie abheben oder die Bodenhaftung verlieren!“
Karl Bergbauer und Steine, die in seinem Leben im Weg lagen – irgendwo in aller Welt. Sie sind ein Symbol für seine Lebensphilosophie: „…nie abheben oder die Bodenhaftung verlieren!“ Foto: Tschannerl

Was nicht viele wissen: Karl Bergbauer sammelt Steine. Nicht Gold, nicht Edelstein! Nichts was Geld wert wäre! Dieser Mann hebt gern Steine auf, die er am Wegrand findet, irgendwo in dieser Welt, wohin ihn das Leben führt. Was ihm was wert ist, das ist die Erinnerung – die Geschichten, die in jedem Stein stecken.

Die Steinhauer-Ahnen aus Blaibach

Versteinerte Asche vom Vesuv aus Pompeji
Versteinerte Asche vom Vesuv aus Pompeji Foto: Tschannerl

Die Steine, sie wurden ihm schon irgendwie in die Wiege gelegt. Blaibach, wo er aufgewachsen ist, war einmal ein Steinhauer-Dorf. Der Großvater war Steinmetz und der Vater auch. „Daher mein Faible“, sagt Karl Bergbauer und schmunzelt. In Wahrheit waren dem Buben die Steine eher unangenehme Arbeit. Die Eltern hatten auch eine kleine Landwirtschaft. Da mussten auch alle vier Kinder jedes Frühjahr mit hinaus aufs Feld – zum „Stoiglaum“. Und: „Das war nicht gerade die Lieblingsbeschäftigung“ des Jungen Karl.

Stein-Fund auf der griechischen Insel Santorin: Ist das ein Stück von Atlantis? Die sagenhafte Insel soll hier einmal untergegangen sein.
Stein-Fund auf der griechischen Insel Santorin: Ist das ein Stück von Atlantis? Die sagenhafte Insel soll hier einmal untergegangen sein. Foto: Tschannerl

Wie kam’s dann, dass er zum Steine-Sammler wurde? „Mei“, sagt er , so genau weiß er das gar nicht mehr: „Irgendwann habe ich mal einen schönen Stein gesehen – und ihn aufgehoben.“ Da wird er schon um die 30 Jahre alt gewesen sein. Kann sein, dass er vorher deshalb keinen Blick fürs Schöne am Wegrand hatte: Es gibt wichtigere Dinge, die ein Mann tun muss, wenn er aus einer Steinhauer-Familie zum Steuerfachmann werden will, der auch schon mal in Japan gerne unter Kollegen gehört wird.

Ein Vulkan hat diese beiden Steine miteinander verbacken – gefunden auf der Kanaren-Insel La Palma.
Ein Vulkan hat diese beiden Steine miteinander verbacken – gefunden auf der Kanaren-Insel La Palma. Foto: Tschannerl

Soviel erzählt er selbst dazu: Sein „Traumberuf“ wäre eigentlich Architekt gewesen. Aber: Das konnten sich die Eltern mit vier Kindern nicht leisten. Und so hat Karl Bergbauer die harte Tour zur Karriere gemacht: Realschule, Finanzamt bis zur Selbstständigkeit. Keine Zeit für schöne Steine am Wegrand. Es war bestimmt ein Kieselstein, den er zum ersten Mal aufgehoben hat, …aus einem Bergbach in Südtirol. Soviel weiß er noch. Ja, es gibt ihn bestimmt noch, diesen ersten Stein seiner Sammlung. Aber wo? Irgendwo unter den anderen 500 Exemplaren, die sich inzwischen angesammelt haben. Die meisten liegen daheim in Blaibach – ungesehen in Schachteln. Nicht, dass er sie nicht wertschätzen würde! „Irgendwann“, so hat er sich vorgenommen, „möchte ich sie alle mal katalogisieren.“ Auf Fotos hat er die meisten schon gebannt – auf Festplatte im Laptop, der auf seinem Schreibtisch steht.

Zur Person

  • Herkunft

    Karl Bergbauer ist 1951 in Miltach geboren (Mutter Therese, geb. Brey). Aufgewachsen ist er mit drei Geschwistern in Blaibach: Vater Karl Bergbauer war Steinmetz, ebenso Großvater Wolfgang.

  • Ausbildung und Beruf:

    Realschule in Viechtach und Kötzting, fünf Jahre Finanzamt Kötzting, Straubing, München, 1972 Abschluss für gehobenen Dienst, Bundeswehr, dann Ausbildung zum Steuerberater.

  • Beruf

    Eine eigene Kanzlei gründete er 1978 im Turm des K+B-Gebäudes am Steinmarkt in Cham, dann Übernahme der Kanzlei Zeitler Am Bahngraben, ab 1981 in Siechen. 2002 baute er seine jetzige Kanzlei an der Rodinger Straße in Cham-Süd. Heute arbeiten hier 45 Mitarbeiter, davon sieben Auszubildende.

  • Familie

    Drei Söhne (33, 37 und 40 Jahre) sind in der Kanzlei integriert Privat lebt Karl Bergbauer mit Frau im Heimatdorf Blaibach, wo er sich auch als Gemeinderat engagierte.

  • Die Sammlung

    Etwa 500 Steine hat Karl Bergbauer meist selbst zusammengetragen, direkt vor der Haustür, aber auch bei Reisen in alle Welt. Einige Exemplare hat er von Freunden und Bekannten geschenkt bekommen. Karl Bergbauer ist kein klassischer Sammler, der seine Steine wie bei einer Ausstellung präsentieren möchte. Er hat keine Vitrinen, wo sie alle versammelt sind. Die Steine „leben“ mit ihm in seinem Büro und daheim im Haus in Blaibach und erinnern an Geschichten, die er damit verbindet.

  • Sammeltouren

    Spezielle Exkursionen zum Steinesammeln macht Bergbauer nicht. Aber es gibt einen Ort, den er seine „Goldquelle“ nennt. Im Binn-Tal bei Zermatt kann man 200 verschiedene Gesteinsarten finden. Und jeder darf dort sammeln. Karl Bergbauer hat beim ersten Mal 80 Kilo Steine mitgebracht.

  • Besondere Exemplare: Aus dem vom Vesuv zerstörten Pompeji stammt ein Lava-Brocken. Von der Felsenstadt Petra in Jordanien hat er einen bunten Sandstein mitgebracht. Beide Exemplare hat er gekauft, einen für acht Euro, den anderen für 50 Cent. Einen Stein von einer Kulturstätte würde er nie einfach so mitnehmen.

Hier in seinem Büro in Cham-Süd, da bekommen Besucher auch echte Steine zu Gesicht. Keine Vitrinen! Sie liegen irgendwie rum – in Regalen, in Schalen, auf Seitentischen. Irgendwie zufällig. So wie auf dem Weg, wie Karl Bergbauer sie einmal gefunden hat. Hier in der Welt um seinen Schreibtisch herum, da weiß dieser Mann von jedem Stein, wo er liegt. Und wenn er mal ins Erzählen kommt…

Der Lava-Stein vom Fujiyama

Sandstein aus der Felsenstadt Petra in Jordanien
Sandstein aus der Felsenstadt Petra in Jordanien Foto: Tschannerl

Nein, alle Geschichten von 500 Steinen, die er bis heute aufgeklaubt hat irgendwo in der Welt, die können wir hier nicht erzählen. Aber vielleicht die von dem scheinbar Unscheinbarsten, der direkt vor ihm auf dem Schreibtisch liegt: ein Feldspat, schaut aus wie eine große Kartoffel. Nichts wert! In Geld!! Karl Bergbauer hat ihn von einem Betriebsprüfer des Finanzamtes geschenkt bekommen, der ihn beim Wandern gefunden hat. Da hat einer an einen anderen gedacht, über den Beruf hinaus. – Das ist was wert!

Lavastein vom Fujiyama – ein Geschenk vom Präsidenten der Steuerberaterkammer in Japan
Lavastein vom Fujiyama – ein Geschenk vom Präsidenten der Steuerberaterkammer in Japan Foto: Tschannerl

Gibt es einen Stein, der ihm am meisten bedeutet? Karl Bergbauer legt ein runzeliges grüngraues Gebilde auf den Tisch. Versteinerte Lava vom Fujiyama. Der Präsident der japanischen Steuerberaterkammer hat ihm dieses Andenken mal mitgegeben. Karl Bergbauer hat ihm einen Quarz von unserem Pfahl geschickt. Nein, Steine haben kein Leben! Und dieser Mann ist kein Esoteriker: „Steine sind Teil unseres Lebens“, sagt er: „Man kann etwas mit ihnen gestalten.“ Goethe lässt grüßen.

Karl Bergbauer kann die Sache mit der Steinesammlerei noch viel einfacher sehen: „Es gibt Menschen, die schauen nur nach oben in der Luft herum, wenn sie durch die Welt gehen, ich schaue, ob ich unten irgendwo einen schönen Stein sehe.“ Übersetzt in seine Lebensphilosophie heißt das: „…möglichst nicht abheben, die Bodenhaftung nicht verlieren!“

Ein Papier-Kranich aus Japan

Ein Zeichen des Friedens für die Welt. Kranich, gefaltet aus Papier – ein japanischer Brauch, den einmal ein 15-jähriges Mädchen begründet hat. Sie wollte damit die Hiroshima-Bombe überleben.
Ein Zeichen des Friedens für die Welt. Kranich, gefaltet aus Papier – ein japanischer Brauch, den einmal ein 15-jähriges Mädchen begründet hat. Sie wollte damit die Hiroshima-Bombe überleben. Foto: Tschannerl

Was nicht heißt, dass so ein Mann nicht vom Himmel träumen könnte. Drüben auf einem Sideboard in einer Schale mit Steinen liegt ein Papier-Flieger. Das ist ein Kranich, erklärt Bergbauer. Ein 15-jähriges Mädchen aus Hiroshima hat einmal 1000 solcher Kraniche gefaltet. Weil sie glaubte, so dem Strahlentod nach der Atombombe zu entkommen. Das Mädchen ist gestorben. Aber der Brauch des Kranichfaltens hat sich in Japan erhalten. Karl Bergbauer hat sich fünf solche Kraniche schicken lassen. Und er wird sie im Foyer seiner Kanzlei aufhängen – „als mein Zeichen für den Frieden in der Welt.“

Lesen Sie hier alle Teile unserer Sammler-Serie

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