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Historie

Als die Trabis in Roding anrollten

Bürger der DDR kamen 1989 über Ungarn in ihre neue Heimat. Das Hilfskrankenhaus in Roding war eine der Übergangslösungen.
Von Peter Nicklas

  • Kräfte des THW versorgten die Gäste aus dem Osten Deutschlands damals aus seiner „Feldküche“.
  • Der Bericht vom 8. November 1989 im Bayerwald-Echo Repros: Nicklas

Roding.„25 Jahre Grenzöffnung“: Auf allen Kanälen berichtet das Fernsehen über dieses „Jubiläum“, Zeitgeschichte wird lebendig und neu ins Bewusstsein gebracht. Auch Roding wurde vor einem Vierteljahrhundert von den Geschehnissen unmittelbar berührt – zunächst schon im August 1989, als Bewohner der DDR, die über Ungarn in den Westen gekommen waren, hier eine erste Bleibe fanden.

Eine wahre Lawine von Trabis

Das Hilfskrankenhaus, einst Mitte der 1960er Jahre zum Schutz vor Katastrophen unter der Realschule errichtet, wurde zur Notunterkunft. Hier waren Betten vorhanden, der Ortsverband Roding des Technischen Hilfswerks (THW) sorgte für Verpflegung. In Aufrufen an die Bevölkerung wurde um Unterstützung gebeten.

Volker Wittmann, der Leiter des THW-Ortsverbandes Roding, erinnert sich noch gut an diese Aktion: „Um drei Uhr früh haben sie uns aus den Federn geholt“. Im Hilfskrankenhaus waren zwar die Betten vorhanden, aber verpackt und nicht zusammengebaut. Sie mussten für die „Ossis“, die ab 10 Uhr mit ihren Zweitakter-Trabis in wahren Auto-Schlangen ankamen, fertig sein.

Kein Brot und keine Semmeln mehr

Auch für Essen war zu sorgen. „An diesem Tag gab es nach unserer Beschaffungsaktion kein Brot und keine Semmeln mehr in Roding“, erinnert sich Volker Wittmann an damals. Im Hilfskrankenhaus befanden sich zwar zwei Küchen, aber in ihnen war es nicht einfach, Speisen zuzubereiten. Deshalb wurde zusätzlich draußen eine Art Feldküche aufgestellt. Später wurde zentral in einem Großmarkt in Regensburg eingekauft, täglich waren zwei Lkw unterwegs und transportierten die benötigten Lebensmittel von dort nach Roding.

Nicht vergessen werden sollte auch der Einsatz weiterer Hilfsorganisationen. So waren die Helfer des Roten Kreuzes tagelang im Einsatz nicht nur für den Sanitätsdienst, sondern auch darüber hinaus überall dort, wo Not am Mann oder an der Frau war.

Das war damals noch die Zeit, bevor die Mauer fiel. Über Tschechien und Ungarn kamen die Botschaftsflüchtlinge nach Deutschland und Roding war damals eine Art „Übergangslager“. Bis zu 800 oder gar 1000 Personen hielten sich hier auf, es gab auch eine große Fluktuation. So wurden innerhalb der nächsten Wochen insgesamt rund 3000 Personen „durchgeschleust“, sie wurden registriert, erhielten ihr „Begrüßungsgeld“ und verteilten sich dann. Viele fuhren zu Verwandten, suchten sich Wohnungen und Arbeit in den größeren Städten und anderen Teilen ihres neuen „Vaterlandes“.

Unterkunft in der Kaserne

Eine zweite Welle rollte dann Anfang November auf Roding zu, diesmal wurde das Durchgangslager in der Arnulf-Kaserne eingerichtet. „Das kleine Mädchen drückt seine Puppe eng an die Brust. Es ist das einzige Mitbringsel, das es mit herübernehmen durfte in die Freiheit“ – so begann damals der Bericht im Bayerwald-Echo. Es waren zum Großteil Familien, für die das Nachtlager in der Turnhalle aufgeschlagen worden war.

„Die Soldaten des Panzeraufklärungsbataillons waren rührend besorgt um die Neuankömmlinge und versuchten, ihre Wünsche zu erfüllen. Sie machten die Nacht zum Tag, hielten warmes Essen bereit und sorgten auch sonst für das Nötigste“, hieß es in dem Bericht weiter. Über das Rote Kreuz wurden Babynahrung und Windeln bezogen, denn „die haben wir beim besten Willen nicht vorrätig“, so der damalige Kommandeur von Maltzahn. Er sagte auch: „Wir wollen den Leuten ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich gestalten, sie sollen Roding als ihre erste Station in der Bundesrepublik in guter Erinnerung behalten“.

Interessant ist auch, was das Bayerwald-Echo bzw. der Schreiber dieser Zeilen damals über die Beweggründe dieser Leute herausfand: „Im Gespräch mit den Leuten wird sehr schnell deutlich, was sie bewogen hat, ihrer Heimat den Rücken zu kehren und Hals über Kopf den Weg in die Freiheit zu suchen“. Sie erhofften sich wenig Wandel von den neuen Führungskräften, denn „es sind ja doch wieder die Gleichen in der Partei“.

Weiter heißt es in dem Bericht: „Wer drüben tüchtig zulangte, konnte sicher einen gewissen Lebensstandard erreichen. Doch viel wichtiger ist ihnen das Gefühl, nicht mehr überwacht zu werden, reisen zu können, nicht mehr in den Läden anstehen zu müssen für Dinge, die es bei uns im Überfluss gibt. Allen gemeinsam ist der Wille, bald Arbeit und Wohnung zu finden“. Und als Schlusssatz wird zitiert: „Wir hoffen, dass es uns hier besser geht“.

Das Hilfskrankenhaus

  • Schutz bei Angriffen

    Als zu Beginn der 1960er Jahre die Rodinger „Mittelschule“, wie sie damals noch hieß, erbaut wurde, ergab sich bei den Bodenuntersuchungen ein recht schwieriger Untergrund. Franz Sackmann war damals Rodinger Landrat und er bekam mit, dass der Bund in Deutschland ein Programm für Hilfskrankenhäuser aufgelegt hatte. Sie sollten bei einem Bombenangriff, damals war Kalter Krieg und der Osten bedrohlicher denn je, zumindest einen Teil der Bevölkerung bei einem ABC-Alarm (Atomare, Biologische oder Chemische Kampfstoffe) schützen.

  • Jod-Tabletten

    Das Hilfskrankenhaus wurde so ausgestattet, dass hier Menschen längere Zeit ohne einen Kontakt mit der Außenwelt überleben hätten können. Es hatte eine eigene Versorgung mit Atemluft über Filteranlagen, Küchen und sogar Operationsräume. Die Räume erstreckten sich über das gesamte Untergeschoss des Mittelschulgebäudes und auch einen Teil des Kreissportfeldes. Vor einigen Jahren wurden hier Jod-Tabletten eingelagert, die bei einem Atomunfall in einem Kernkraftwerk an die Bevölkerung ausgegeben werden sollen. Ob solche jetzt noch eingelagert sind und für den Bedarfsfall bereitgehalten werden, war nicht zu erfahren.

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