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Region Kelheim
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Tradition

Schoppen wie vor 500 Jahren

Hans Raab baut im Kelheimer Fischerdörfl eine Holzzille – so wie er es beim Schwiegervater Josef Büglmeier gelernt hat.
Von Roland Kugler

In der Werkstatt von Hans Raab entsteht eine traditionelle Zille. Die Spitze ist aus Eichenholz. Foto: Kugler
In der Werkstatt von Hans Raab entsteht eine traditionelle Zille. Die Spitze ist aus Eichenholz. Foto: Kugler

Kelheim.In die Wiege gelegt wurde Hans Raab das Zillenbauen nicht. Er hat einige andere Stationen hinter sich: er ist gelernter Metzger und hat viele Jahre bei Kelheim Fibres beim Werkschutz und als Betriebssanitäter gearbeitet. 1977 hat er Gabi Büglmeier geheiratet. Das Haus ihrer Familie im Kelheimer Fischerdörfl besitzt seit mehr als 500 Jahren das Fischrecht. Hans Raabs Schwiegervater Josef Büglmeier war Kapitän bei der Kelheimer Personenschifffahrt und sein Leben lang Fischer und Zillenbauer. „So bin ich dazu gekommen“, erzählt Hans Raab.

Zu Beginn der Arbeiten an der Zille braucht es viele Hände. Foto: Kugler
Zu Beginn der Arbeiten an der Zille braucht es viele Hände. Foto: Kugler

„Ich bin mit ihm zum Fischen gefahren und hab‘ zugesehen und gelernt, wie es geht.“ Auf der Donau, mit Netzen, in einer selbstgebauten Zille. So wie seit Jahrhunderten, nur dass heute ein Außenborder die Fischer zu ihren Plätzen bringt. „Das Zillenbauen hab‘ ich mir auch von ihm abgeschaut. Ich hab‘ ihm immer dabei geholfen“, sagt Raab, als wäre es so einfach.

Die alte Zille wird morsch

2007 haben sie die letzte Zille zusammen gebaut. Sie wird jetzt langsam morsch. Im Sommer hat sie TÜV, das wird sie nicht mehr schaffen. Weil er nur eine Zille hat und die zum Fischen braucht, hat Hans Raab beschlossen, eine neue zu bauen. Seine erste alleine. Ohne Unterstützung des Schwiegervaters. Der ist 2009 gestorben.

In der Werkstatt von Hans Raab entsteht eine traditionelle Zille. Hier steht er vor seiner alten Zille an der Donau. Foto: Kugler
In der Werkstatt von Hans Raab entsteht eine traditionelle Zille. Hier steht er vor seiner alten Zille an der Donau. Foto: Kugler

Der Begriff Zille bezeichnet eine Familie von Booten mit flachem Boden, wie sie bevorzugt im deutschen und österreichischen Donauraum verwendet wird – beispielsweise zum Personentransport bei Weltenburg. Zillen gibt es in unterschiedlichen Größen mit unterschiedlichen Aufbauten. Hans Raabs Zille zählt zu den eher kleinen.

Das Holz ist mondphasengeschlagen. 60 Zentimeter Durchmesser hatte der Baum für das Boot. Fichte, drei Jahre gelagert, 30 Millimeter stark, wird noch auf etwa 26 Millimeter abgehobelt. 7,25 Meter wird die Zille lang, der Boden 93 Zentimeter breit. Die Seitenwände haben oben einen Abstand von 125 Zentimetern und sind 38 Zentimeter hoch. Möglichst astfrei sollen die Bretter sein, da braucht es schon einiges an Holz. Und Platz. Gut, dass Hans Raab so eine lange Werkstatt und Garage hat. Zur Zeit passt nichts anderes mehr hinein. Man kann beim Arbeiten gerade noch um das Boot herumgehen. Hans Raab macht alles selber – vom Zuschnitt der Bretter bis zum letzten Anstrich. Etwa fünf Wochen wird er daran arbeiten, „aber nicht jeden Tag“, sagt er.

Die Familie hilft mit

Manchmal geht ihm seine Familie zur Hand, wenn er jemanden braucht. Sein Sohn Johannes hatte auch schon beim Großvater mitgeholfen, an der letzten Zille haben drei Generationen zusammengearbeitet. Auch Raabs Tochter, Ariane Braun, und der Schwiegersohn Richard helfen, wenn es mehrere Hände braucht. Oder das über sieben Meter lange und etwa 300 Kilo schwere Ungetüm umgedreht werden muss. „Als Erstes werden die drei Bodenbretter zusammengewunden“, erklärt er. Zur Stabilisierung werden sie mit Querbrettern vernagelt, die kommen am Schluss wieder weg. Dann kommen die Seitenwände, hier müssen die Bretter zur Spitze hingebogen werden, denn es soll eine spitz zulaufende Zille werden. „Die ist zwar schwieriger, zu bauen, sieht aber schöner aus“, sagt Hans und leimt eine Leiste an.

Mit Schöppel und Schlegel wird das Moos fest in die Fugen der Bretter zum Abdichten geklopft. Foto: Kugler
Mit Schöppel und Schlegel wird das Moos fest in die Fugen der Bretter zum Abdichten geklopft. Foto: Kugler

Am Heck ist sie sowieso breit, da kommt später der Außenborder hin. Der leistet 30 PS und wiegt 78 Kilo. Das Ganze muss also stabil und sicher sein, um die Zille gegen die Strömung und durch die Dampferwellen flussaufwärts zu bringen. Josef Büglmeier hatte nur einen Nachkommen, Tochter Gabi. Deshalb freute es ihn, dass sein Schwiegersohn Hans die Familientradition weiterführt. Zum Zillenbau gehört nämlich einiges an Spezialkenntnissen, die noch fern jeder Fabrik- oder Computerarbeit sind. Zum Beispiel das Schoppen. Das ist das Abdichten der Fugen zwischen den Brettern, das heute wie damals mit Moos aus dem Wald geschieht. Hans weiß einen guten Platz bei Essing. Denn man braucht nicht nur ein paar Handvoll wie fürs Weihnachtskripperl oder Osternest, „sondern schon drei Körbe voll“. Er hat es im Herbst gesammelt, damit es über den Winter richtig trocknet.

Donaufischerei einst und heute

  • Rückblick

    Früher war Donaufischer ein geläufiger Beruf, jahrhundertelang lebten viele Familien in der Stadt Kelheim und anderen Städten am Fluss davon. Zahlreiche Familien-, Straßen- und Ortsnamen mit Fisch oder Fischer zeugen noch davon. Heutzutage gibt es kaum mehr Berufsfischer und Zillenbauer. Auch Fassmacher, Besenbinder, Schmied, Wagner, Weber, Gerber und viele andere alte Traditionen fallen immer mehr der modernen Technik zum Opfer.

  • Familientradition

    Bei Hans Raab könnte die Familientradition fortbestehen, Sohn Johannes hilft ihm oft beim Fischen oder Bootsbau. Er fährt ein bis zweimal im Monat zum Fischen. DeDer Fischfang mit Netz ist hauptsächlich für den Eigenbedarf von Familie und Freunden. Er isst selbst gerne typischen Donaufisch. „Weißfische haben zwar mehr Gräten, schmecken aber sehr gut“, sagt er. Raab mag sie gerne gebraten, mit Öl, Knoblauch und Zwiebeln, macht aber auch Fischwürst oder Essigfisch.

Zum Schoppen feuchtet er es etwas an. Nimmt eine Handvoll Moos, dreht es streng zusammen und klopft es mit Schöppel und Schlegel in die Fuge. Anschließend hämmert er mit Klammern eine Leiste drüber, fertig. Kein Harz, Lack, Silikon oder sonst was Künstliches. „Moos dichtet immer noch am Besten.“ Auch gestrichen wird die Zille mit einer ganz normalen Holzlasur. Zweimal wenn sie fertig ist. „Ich möchte sie einen ganzen Monat trocknen lassen, dann hält die Farbe länger“, sagt der Zillenbauer. Die Nägel, die er verwendet, sind 80er, spitz zulaufende, geschmiedete Spezialnägel. Sie halten besser als normale, und man kann sie ersetzen. Im Gegensatz zu Schrauben, da dreht man zu viel Holz mit raus. Wenn er am Schluss die Querbretter wieder entfernt, schließt er die Löcher mit selbstgeschnitzten Holznägeln. Es dauert noch etwas, bis seine selbstgebaute Zille fertig ist. Doch er freut sich schon, wenn er mit ihr zum ersten Mal die Donau hochfährt.

Hans Raab zeigt, worauf es beim Zillenbau ankommt.

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