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Viertklässler

Statt G9 lieber die Realschule

Die Rückkehr zur Neunstufigkeit macht das Gymnasium für Kelheimer Familien offenbar bislang nicht attraktiver.
Von Martina Hutzler

Im Übertrittszeugnis gibt die Grundschule an, für welche Schulart der Viertklässler – den Noten und dem Verhalten nach – geeignet ist. Foto: Hutzler
Im Übertrittszeugnis gibt die Grundschule an, für welche Schulart der Viertklässler – den Noten und dem Verhalten nach – geeignet ist. Foto: Hutzler

Kelheim.Bayerns Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium, die im aktuellen Schuljahr erfolgte, macht diese Schulart bislang offenbar nicht attraktiver für Grundschüler und ihre Eltern im Kreis Kelheim: An den drei Gymnasien im Landkreis sanken die Anmeldungen von Viertklässlern fürs neue Schuljahr um insgesamt etwa eine Klassenstärke, auf insgesamt 269 (Vorjahr: 305). Deutlichen Zuwachs bekommen vier der fünf Realschulen, insbesondere Abensberg. Mainburg indes registriert mit Erstaunen einen gegenteiligen Trend. Unterm Strich starten im Herbst voraussichtlich 382 Viertklässler, 51 mehr als voriges Jahr, an den Realschulen. Für die zwölf Mittelschulen würde das einen leichten Rückgang beim Übertritt in den fünften Klassen bedeuten. Die Gesamtzahl der Viertklässler liegt laut Staatlichem Schulamt heuer bei 1095; voriges Jahr waren es 1025.

Im Übertrittszeugnis gibt die Grundschule an, für welche Schulart der Viertklässler – den Noten und dem Verhalten nach – geeignet ist. Foto: Hutzler
Im Übertrittszeugnis gibt die Grundschule an, für welche Schulart der Viertklässler – den Noten und dem Verhalten nach – geeignet ist. Foto: Hutzler

Die Grundschul-Anmeldung samt Probeunterricht ist zwar beendet. Aber die endgültigen Klassenstärken stehen noch nicht fest. Denn z.B. brauchen Mittelschul-Fünftklässler, die auf Realschule oder Gymnasium wechseln wollen, zum Anmelden erst ihr Jahreszeugnis, wie ein Schulleiter erklärt. Und durch Zu- und Wegzüge gibt es bis Herbst noch Änderungen. Aber in einer Pressemitteilung hat das Kelheimer Landratsamt schon eine erste Zwischenbilanz zum Übertrittsverhalten gezogen: Für Landrat Martin Neumeyer ist es unterm Strich „durchwegs wieder sehr erfreulich“. Der Landkreis ist Träger der Gymnasien Kelheim und Mainburg sowie der Realschulen in Abensberg, Riedenburg (Johann-Simon-Mayr) und Mainburg; das Johannes-Nepomuk-Gymnasium Rohr und die Mädchenrealschule St. Anna in Riedenburg haben kirchliche Träger. Für die Mittelschulen sind die Gemeinden zuständig.

Freud und Leid bei Schulleitern

In den Direktoraten der Realschulen herrscht Genugtuung darüber, dass so viele Eltern ihre Kinder dieser Schulart anvertrauen – oft auch dann, wenn die Viertklässler vom Notenschnitt her ebenso aufs Gymnasium wechseln könnten. „Die Realschule hat ein äußerst gutes Ansehen bei Schüler, Eltern, aber auch der Wirtschaft“, formuliert etwa Thomas Dachs, Direktor an der Johann-Simon-Mayr-Realschule Riedenburg, und sinngemäß bestätigen das seine Kollegen.

Am guten Ruf der Realschule im Allgemeinen und dem der Realschule Mainburg im Besonderen zweifelt auch deren Leiter Direktor Markus Bayerl keineswegs. Warum auch – dort sind fürs neue Schuljahr ja sage und schreibe 32 Viertklässler angemeldet, die laut Zeugnis auch fürs Gymnasium geeignet wären. Ihn erstaunt vielmehr, dass lediglich zwölf Kinder mit expliziter Realschul-Eignung an seiner Realschule angemeldet wurden – „im Vorjahr waren es noch ungefähr doppelt so viele“. Unterm Strich tummeln sich im Herbst voraussichtlich nur noch 45 Schüler in zwei fünften Klassen – 17 weniger als im jetzigen Schuljahr.

Fast genauso stark, von 116 auf 101, schrumpft die Einstiegsklasse am Kelheimer Donau-Gymnasium. Dessen Leiter Dr. Josef Schmid kann über die Ursachen nur rätseln. An der langjährigen Debatte über das achtjährige Gymnasium kann es seiner Meinung nach nicht mehr liegen: „Das Thema ist durch“. Schon die derzeitigen Fünftklässler werden wieder neun Jahre bis zum Abitur absolvieren; die Neuen fangen in diesem Herbst dann auch mit der offiziellen G9-Stundentafel an. Logistischen Aufwand der Rückkehr zum G9 erwarten die Gymnasial-Chefs im Landkreis erst in einigen Jahren.

Leichter Rückgang an FOS/BOS

Als etabliert darf (auch) im Kreis Kelheim mittlerweile die Alternativroute zur Hochschulreife gelten: der Weg über Fach- oder Berufsoberschule (FOS / BOS), beides am Beruflichen Schulzentrum Kelheim angesiedelt. Wie das Landratssamt mitteilt, sind dort die Anmeldezahlen insgesamt zwar leicht gesunken, nämlich von 503 auf heuer 484 Schüler. Ein Großteil dieses Minus’ betrifft jedoch die sogenannten Vorklassen. Vor allem an der FOS werden sich dort ab Herbst nur noch halb so viel Schüler (17) wie heuer auf den eigentlichen FOS-Besuch vorbereiten. Das erklärt sich laut Landratsamt damit, dass in den vergangenen beiden Schuljahren überdurchschnittlich viele Asylbewerber in die Vorklassen gingen, um dort ihren Mittlere-Reife-Bildungsstand nachzuweisen. Dies ist heuer nicht mehr der Fall, so die Kreisverwaltung. Unterm Strich stellen FOS und BOS „für alle Schüler mit mittlerem Schulabschluss ein passgenaues Anschlussangebot dar, das sich in den vergangenen Jahren bestens bewährt hat“, bilanziert Landrat Neumeyer.

Er wertet die Anmeldezahlen und den Umstand, dass mehr Gastschüler in den Landkreis ein- als aus ihm herauspendeln als Beleg dafür, dass die Millionen-Investitionen des Landkreises in seine weiterführenden Schulen berechtigt waren: Damit seien in den letzten Jahren Schulstrukturen aufgebaut worden, die „nun weitgehend den Bedürfnissen der Kinder, Jugendlichen und Eltern entsprechen“. Ein Satz, den man mancherorts mit Interesse lesen dürfte.

Als langjähriger Schulleiter des Johannes-Nepomuk-Gymnasiums Rohr beobachtet Franz Lang die Veränderungen im Übertrittsverhalten genau. Foto: Archiv/  T. Daffner
Als langjähriger Schulleiter des Johannes-Nepomuk-Gymnasiums Rohr beobachtet Franz Lang die Veränderungen im Übertrittsverhalten genau. Foto: Archiv/ T. Daffner

Im Interview mit der Mittelbayerischen sucht der Rohrer Gymnasiums-Leiter Franz Lang nach Gründen für die sinkenden Anmeldezahlen:

In Rohr starten im Herbst wohl 59 Fünftklässler – acht weniger als heuer: Wird‘s kritisch?
Überhaupt nicht! Wir bewegen uns immer so um die 60 herum. Freilich würden uns 70 bis 75 viel besser gefallen – das ergäbe drei Klassen; jetzt schaut’s eher nach zwei Klassen aus.

Wie haben Sie das Hin und Her zwischen G8 und G9 erlebt?

Wie Sie sagen: als Hin und Her. Das G8 wurde sehr kurzfristig eingeführt; treibende Kraft war wohl die Wirtschaft. Aber wirklich hochschul-reif sind Abiturienten nach acht Jahren nicht. Ich bin froh über die Rückkehr zum G9!

Die Wirtschaft wohl nicht so…

Meiner Einschätzung nach wird die Schule nicht mehr so sehr unter dem Aspekt Wirtschaftstauglichkeit betrachtet wie noch vor etwa 15 Jahren. Ich denke, man besinnt sich wieder mehr auf den Bildungsbegriff: Was fördert das Denken, das strukturierte Arbeiten, einen Überblick, gesellschaftlich und geschichtlich. Eine Gesellschaft, die sich vernünftig entwickeln will, braucht diese Werte auch!

Bayern wirbt mit der Durchlässigkeit seines Schulsystems; dass man auch via FOS und BOS Hochschulreife erlangt. Zurecht?

Durchlässigkeit ist grundsätzlich positiv. Aber es sollte nicht der Eindruck erweckt werden, dass der Weg über FOS oder BOS der leichtere Weg zum selben Ziel wäre. Auf ein Hochschul-Studium bereitet das Gymnasium trotz allem besser vor. Das zeigt eine DZHW-Studie von 2017. Demnach haben Studierende mit Abitur einen deutlich höheren Studienerfolg als Studierende, die ihre Hochschulreife auf anderem Wege erlangt haben. (hu)

Eine Analyse zu den einzelnen Schularten lesen Sie hier! !

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