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Menschen

Der gute Nachbar aus Bagdad

Wenn der Scheichsohn Saad Almahmoud über die arabische Welt und das andere Denken spricht, ist es Wissen aus erster Hand.
Von Helmut Wanner

Eingewurzelt: Monika und Saad Almahmoud am Gartenzaun ihres Lappersdorfer Reihenhauses Foto: Wanner
Eingewurzelt: Monika und Saad Almahmoud am Gartenzaun ihres Lappersdorfer Reihenhauses Foto: Wanner

Regensburg.Almahmoud steht seit 1979 an der Türe seines Reihenhauses. In der Heimat wäre er jetzt Clan-Chef über 100 000. In Lappersdorf ist er der gute Nachbar von nebenan

Saad Abdullah Al Mahmoud El Mejied El Jasien El Jehesch lautet sein voller Name. Nach über 55 Jahren in Deutschland pflegt er immer noch ein paar Besonderheiten seiner orientalischen Heimat: Bei jedem neuen Auto legt er ein Ei unter jedes Rad, bevor er losfährt. Die Alpen mag er nicht („ich bin nicht schwindelfrei“), den deutschen Wald auch nicht („das gibt mir nichts“). Den Koran hat er um den Hals hängen – aber das eher als Glücksbringer. „Meine Mutter hat ihn mir geschenkt, als ich 12 Jahre alt war.“

Bilder aus dem blühenden Bagdad

Im Garten schliefen Leibwächter

Saad heißt übersetzt „der Glückliche“. Der Mann aus Bagdad bezeichnet sich als den bestintegrierten Iraker in Regensburg. Viele meinen, zu Recht. Der pensionierte Siemens-Ingenieur dolmetscht fürs Bundesamt für Migration (BAMF), ist Fachlehrer für interkulturelle Kompetenz an der Berufsschule II und gibt Sprachunterricht für Deutsche und Araber.

„Meine Frau Monika sagt immer, ich bin deutscher als die Deutschen.“

Saad Almahmoud

„Meine Frau Monika sagt immer, ich bin deutscher als die Deutschen.“ Er war beim Papstbesuch im September 2011 der einzige Moslem auf der Islinger Wiese, begleitet seine Frau bisweilen in die Kirche, aber kniet nicht. Er ist der Sohn eines Scheichs, aufgewachsen in einem großen Haus in Bagdad/Karrada. Im Garten schliefen die Leibwächter.

Im R 4 auf dem Weg in die Heimat Foto: Almahmoud
Im R 4 auf dem Weg in die Heimat Foto: Almahmoud

Der Mann, der sich vor niemandem niederkniet und Berggipfel meidet, wohnt seit 1979 in Lappersdorf ausgerechnet am Herrnberg, so will es die Ironie der Geschichte. Es ist ein Haus vom Typ „klein aber fein“, umweht von einem Hauch „1001 Nacht“. Ungezählte Kamele aus allen Materialien schmücken es. Das Bild über seinem Sofa zeigt ein Kamel in Blau. „Camel and falling stars“ heißt das Plakat.

Das Kamel ist ein Tier, das ihm imponiert, weil es eine dicke Haut hat. Kamele lieferten auch das Lebensmotto, das einmal in Deutsch und Arabisch auf seinem Grabstein am Unteren katholischen Friedhof stehen wird: „Wer geht, der kommt an.“ Er will sich auf seinem Regensburger Schwiegervater beerdigen lassen.

Im Scheichskostüm Foto: Almahmoud
Im Scheichskostüm Foto: Almahmoud

Saad Almahmoud trinkt Chai mit Minze aus einem Glas mit dem Auge der Fatima. Die soll vor Neid und allen seinen Nebenwirkungen schützen. Von seinen drei Kindern ist Sascha das bekannteste. Sein Stern ist vorübergehend gesunken. Sascha war der ungekrönte König des Nachtgeschäfts. Momentan begnügt er sich mit einem Tages-Café am Brückentor in Stadtamhof. Bruder Markus hat Down-Syndrom. Er arbeitet bei der Lebenshilfe Lappersdorf und singt im Werkstatt-Express. Schwester Sandra arbeitet bei der Caritas in der offenen Behindertenarbeit.

Brückenbauer Foto: Wanner
Brückenbauer Foto: Wanner

Die Familie Al Mahmoud gehörte zur „High Society“ von Bagdad. Sein Vater war Scheich des Stammes „El Jehesch“, der ungefähr so viele Mitglieder hat wie Regensburg Einwohner. Heute führt der Cousin den Clan. Er sitzt in der Regierung. Saad Almamoud blättert im Bagdad-Album. Die heutigen Fernsehbilder wirken gegen diese Fotos wie eine Zeitreise zurück in die Steinzeit. Bagdad blühte. Frauen mit Kopftuch gab es kaum. Dafür Clubs mit westlicher Musik und Schwimmbäder. 2001 hat Monika Al Mahmoud die Geburtsstadt ihres Mannes gesehen. Es war das erste und wahrscheinlich letzte Mal.

In großer Pose: Der junge Saad Almahmoud Foto: Almahmoud
In großer Pose: Der junge Saad Almahmoud Foto: Almahmoud

Saad Almahmoud ist eines von zehn Kindern. Für jedes ließen die Eltern ein Haus bauen. Saad besuchte das Bagdad-College, eine amerikanische Jesuitenschule, Father Edward war Klassenleiter. Mit einem Stipendium des irakischen Staates (600 Mark plus Spesen) wurde Saad zum Studieren geschickt. Er war einer von zehn, die es im Irak bekamen. „Und ich war der Beste.“ Sein Vater entschied, dass er nach Deutschland ging, um Maschinenbau zu studieren. Am 17. Oktober 1962 hatte er deutschen Boden betreten. Im Goethe-Institut in Arolsen bei Kassel hat er erstmal Deutsch gelernt. Saad Almahmoud kennt noch die damaligen Benzinpreise. „Der Liter Normalbenzin kostete 47 Pfennig.“ Er war der einzige Student, der mit Krawatte zum Studieren ins Polytechnikum in der Prüfeninger Straße ging.

Glückliche Pigmentstörungen! In Regensburg ging er wegen eines Farbfehlers zum Hautarzt. Dort sah er das frisch entlassene Englische Fräulein Monika Gruber, Tochter des Direktors der Spedition Schenker und Enkelin des Mitbegründers der OTM (Ostbayerische Tisch und Möbelfabrik). Sie war 17, klein und schwarzhaarig, als es zwischen Empfang und Behandlungszimmer zwischen ihnen funkte.

Im R 4 zurück in die Heimat

Saad Almahmoud mit seiner Frau Monika im Biergarten. Die beiden sind seit 1970 verheiratet.
Saad Almahmoud mit seiner Frau Monika im Biergarten. Die beiden sind seit 1970 verheiratet.

Als er 1968 mit dem Ingenieur-Studium fertig war und schon einen Job bei Siemens hatte, geschah das aus heutiger Sicht Unfassbare: „Der deutsche Staat hat mich zurückgeschickt. Die Begründung war: Wir sind kein Einwanderungsland.“ Der frischgebackene Ingenieur kaufte sich einen weißen Renault R 4 mit Anhänger-Kupplung und fuhr auf dem Landweg in seine Heimat. Dort war inzwischen das ganze System weit nach links gerückt, hatte die Immobilien enteignet und erkannte das Diplom des Jung-Ingenieurs nicht an. „Da bin ich wieder abgehauen.“ Mit dem Flieger ging es über Kairo zurück nach München. Dort bekam er aber wieder Probleme mit der Ausländerbehörde. „Obwohl mich Siemens einstellte und ich eine Wohnung hatte, musste ich nach Zirndorf.“

Der Stress ist lang vorbei. Saad Almahmoud wird am 25. Mai 75 Jahre alt. Der Geburtstag fällt dieses Jahr in den Ramadan. Der Jubilar, ein Sonderfall geglückter Integration, feiert im „Goldenen Hirschen“ in Prüfening. Die Gäste können wählen zwischen Schweinsbraten, Zwiebelrostbraten und Schnitzel. In Bagdad, meint er, würde das die Sittenpolizei verhindern.

Blühendes Bagdad

  • Album:

    Ein Blick auf Bagdad auf Fotos, die Saad Almahmoud in den 60er-Jahren machte, ist wie eine umgekehrte Zeitreise. Die Bilder einer boomenden Metropole zwischen Euphrat und Tigris stehen im schreienden Kontrast zu den Fernsehbildern aus einem rückwärtsgewandten Orient von heute.

  • Bedeutung:

    Bagdad, die Hauptstadt des Iraks, ist mit 5,4 Millionen Einwohnern eine der größten Städte im Nahen Osten.

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