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MZ-Themenwoche

Viel mehr als nur ein Wahrzeichen

Ein Luxusprojekt, ein Meisterwerk und eine stete Quelle der Erkenntnis – Experten erklären, was die Brücke so wertvoll macht.
von Matthias Kelsch

Die Steinerne Brücke im Jahr 1967: Das Foto zeigt, wie die Tonnengewölbe nach dem Weltkrieg repariert wurden. Foto: Stadt Regensburg, Bilddokumentation
Die Steinerne Brücke im Jahr 1967: Das Foto zeigt, wie die Tonnengewölbe nach dem Weltkrieg repariert wurden. Foto: Stadt Regensburg, Bilddokumentation

Regensburg.Früher war die Steinerne Brücke eine wichtige Verkehrsader. Mittlerweile dürfen sie lediglich noch Fahrradfahrer und Fußgänger benutzen. Welche Bedeutung hat dieses Bauwerk denn heute überhaupt noch für Regensburg?

Josef Memminger: Zunächst einmal ist die Bedeutung der Steinernen Brücke für den Tourismus gar nicht zu überschätzen. Sie ist eines der Symbole für die Altstadt, für Regensburg, für das Welterbe. Man muss nur auf die Logos von lokalen Unternehmen schauen, überall springt einem die Silhouette der Steinernen Brücke entgegen. Es gibt keinen Touristen, der auch nur eine Stunde hier verbringt und nicht zur Steinernen Brücke geht. Das liegt natürlich auch daran, dass die Brücke etwas sehr Präsentables ist und sich gut vermarkten lässt. Außerdem war die Steinerne Brücke sicherlich einer von mehreren wichtigen Faktoren, die dazu geführt haben, dass der Regensburger Altstadt zusammen mit Stadtamhof der Titel Unesco-Weltkulturerbe verliehen wurde, gerade weil sie eine historische Verbindungslinie zwischen Regensburg und Stadtamhof darstellt.

Was bedeutet die Brücke den Regensburgern? Sehen Sie es in unserem Video

Umfrage: Was verbinden die Regensburger mit der St

Lediglich ein touristisches Highlight also? Eine Marke, mit der sich gut Geld verdienen lässt? Gibt es nicht noch etwas, woran sich der Wert der Steinernen zeigt?

Lutz Dallmeier ist Archäologe bei der Denkmalschutzbehörde. Foto : Kelsch
Lutz Dallmeier ist Archäologe bei der Denkmalschutzbehörde. Foto : Kelsch

Lutz Dallmeier: Die Bedeutung der Steinernen Brücke kann man in jeglicher Hinsicht gar nicht hoch genug bewerten. Sie zeigt uns die romanische Bautechnik, wie sie im frühen 12. Jahrhundert nach Regensburg gekommen ist. Sie zeigt uns, dass die unbekannten Erbauer im 12. Jahrhundert wieder in der Lage waren, Gewölbe zu bauen. Es gibt heute in der Altstadt eine ganze Landschaft von romanischen Gewölbekellern, die alle ungefähr gleichzeitig mit der Steinernen Brücke entstanden sind. Anfang des 12. Jahrhunderts hat man hier also wieder angefangen, mit Stein in den Boden hineinzubauen. Dafür war die Brücke der Startschuss.

Wie gut kennen Sie sich mit der Steinernen Brücke aus? Rätseln Sie mit bei unserem Quiz!

Die Steinerne Brücke ist also auch eine architektonische Meisterleistung. Was ist denn so besonders an diesem Bauwerk?

Dallmeier: Das eigentlich Revolutionäre an diesem Bau ist die verwendete Gewölbebautechnik. Das ist ursprünglich eine römische Technik, die aber über Jahrhunderte in Vergessenheit geraten war. Die Steinerne Brücke war dann der erste, noch dazu riesige, Gewölbebau nachrömischer Zeit nördlich der Alpen. Wie diese Technik Anfang des 12. Jahrhunderts plötzlich nach Regensburg kam, wissen wir nicht. Manche Kollegen spekulieren, dass italienische Baumeister beteiligt gewesen sein könnten. Das passt aber irgendwie nicht zusammen, weil man in Italien keine noch früher erbauten mittelalterlichen Brücken findet, die als Vorbilder gedient haben könnten.

Historiker Josef Memminger ist an der Uni Regensburg tätig.Foto: Kelsch
Historiker Josef Memminger ist an der Uni Regensburg tätig.Foto: Kelsch

Memminger: Stattdessen hatte die Steinerne Brücke aber Vorbildcharakter für spätere Brückenbauten in ganz Europa. Da ist zum Beispiel die Judithbrücke in Prag, ein Vorgängerbau der heutigen Karlsbrücke. Dort beruft man sich sogar auf einer Informationstafel explizit auf die Regensburger Brücke als Vorbild. Die Rhone-Brücke in Avignon und die alte London Bridge über die Themse würden mir daneben noch einfallen.

Meisterwerk des Mittelalters: Hier finden Sie die Geschichte des Regensburger Wahrzeichens in Zahlen und Bildern!

Lassen Sie uns eine Zeitreise ins 12. Jahrhundert unternehmen: Die Brücke steht bereits. Was machte das mit Regensburg?

Memminger: Die Brücke bedeutete einen fundamentalen Einschnitt in die Infrastruktur der damaligen Zeit, sie war ein richtiges Luxusbauwerk. Man konnte jetzt auf relativ sicherem und bequemem Wege Waren und Menschen über den Fluss transportieren. Das war wesentlich unkomplizierter, als eine Fähre zu benutzen. Allerdings wird in der Literatur darauf hingewiesen, dass der Warenverkehr in nordwestlicher Richtung nach Neumarkt und Nürnberg anfangs weiterhin über die Donaufähre des Klosters Prüfening abgewickelt wurde. Es war also kein abrupter Übergang, bei dem sich von einem Tag auf den anderen alles geändert hätte. Die Brücke aber hat sicher die Bedeutung Regensburgs erhöht und zu seinem Aufblühen im 12. und 13. Jahrhundert beigetragen.

Unsere Videoreporter haben das Bruckmandl auf die Brücke zurückbegleitet:

Wir haben das Bruckmandl auf seiner Reise begleite

Und was war es letzten Endes, das die Erbauer der Brücke ihren Plan fassen ließ, die Donauquerung zu errichten?

Dallmeier: Regensburg war ein ehemaliges römisches Legionslager. Diese Befestigung haben im Laufe der Jahrhunderte ganz verschiedene Leute genutzt, um darin zu leben. In der Zeit um 1100 saß darin eine Gruppe von Personen, die stinkreich waren und Handel mit dem Süden und dem Nordosten betrieben haben. Wenn ich von dieser Situation ausgehe, stellt sich mir allerdings die Frage: Brauche ich da eine Brücke in Richtung Norden über die Donau? Denkbar wäre nur, dass sich vielleicht ein neuer Handelsweg ergeben hat, der von Süden über Regensburg nach Böhmen führte. Vielleicht wurde dieser Handelsweg Anfang des 12. Jahrhunderts so wichtig, dass die Regensburger Bürger es sich leisteten, zur Erleichterung des Handels auf dieser Route einen festen, leicht benutzbaren Donauübergang zu bauen.

Ein Video mit Fakten zur Steinernen Brücke finden Sie hier.

Die Steinerne Brücke in Zahlen

Eine Brücke, die dem Handel diente und die Wirtschaft zum Blühen brachte. Allerdings waren längst nicht alle Regensburger reiche Händler. Was veränderte der Bau der Brücke im Leben der einfachen Menschen?

Dallmeier: Die Steinerne Brücke hat die Topographie des Donauufers an dieser Stelle verändert. Noch um das Jahr 1000 lag das Donauufer mindestens zwanzig Meter weiter südlich als heute. Außerdem war es bei weitem nicht so dicht bebaut. Die heutige Jahninsel existierte damals noch gar nicht, dieser Bereich sah völlig anders aus. Für die einfachen Leute damals hatte sie aber sonst keine wesentlichen Folgen. Der Durchschnittsbürger hatte gar keinen Grund, die Stadt zu verlassen. Der Markt fand ja in der Stadt statt. Wenn Waren irgendwo anders hingebracht werden sollten, wurden Kaufleute dazwischengeschaltet, die den Transport abwickelten. Ich denke, der Symbolwert der Brücke war mindestens ebenso entscheidend wie ihr Wert als Verkehrsweg. Die Regensburger Bürger wollten sich mit ihr, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Denkmal setzen.

Memminger: Stimmt. Architektur ist immer auch eine gute Möglichkeit, Macht zu zeigen. Sicherlich haben rein funktionale Überlegungen eine wichtige Rolle gespielt, aber es ging dem Bürgertum schon darum, zu zeigen: „Wir können das.“

Welche Menschen treffen jeden Tag auf der Steinernen Brücke aufeinander? Klicken Sie sich durch unsere interaktive Geschichte

Ein großes Symbol, ein Repräsentationsbau. Sicherlich waren die Regensburger damals stolz auf ihre Brücke. Macht sich dieser Stolz auf die Steinerne bei den Regensburgern auch heutzutage noch bemerkbar?

Memminger: Ich glaube schon, dass die Regensburger ganz besonders stolz sind auf das historische Umfeld, in dem sie leben. Auf diesen lokalen Stolz und das damit verbundene Identitätsbewusstsein sollte man aber schon etwas relativierend schauen. In Amerika oder China kennt nicht jeder die Steinerne Brücke.

Wir haben noch weitere Impressionen vom Bruckmandl. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie

Die Rückkehr des Bruckmandls

Gehen wir noch einmal ein Stück in die Vergangenheit: 1945 sprengten deutsche Soldaten Brückenpfeiler, um den Vormarsch der Amerikaner zu verzögern. Warum hat man sich nach Kriegsende entschlossen, die Steinerne Brücke zunächst provisorisch, später dauerhaft wiederherzustellen?

Memminger: Damals stand mit Sicherheit noch nicht der touristische Aspekt im Vordergrund. Ich denke, das hatte nicht zuletzt pragmatische Gründe. Die Brücke war nur zu einem kleinen Anteil zerstört und das ließ sich vorerst provisorisch reparieren. Die endgültige Wiederherstellung dauerte aber bis zum Jahr 1967. Es wäre interessant, einmal zu spekulieren, was geschehen wäre, wenn die Brücke zur Hälfte oder mehr weggesprengt worden wäre. Womöglich hätte man im Sinne pragmatischer Stadtgestaltung dann lieber eine moderne, praktischere Brücke gebaut, statt sich um dieses alte Denkmal zu kümmern. Man darf nicht vergessen, dass das Bewusstsein für Denkmalpflege und Altstadtsanierung nach dem Zweiten Weltkrieg nicht automatisch da war, sondern erst in den 70er Jahren richtig Fahrt aufgenommen hat. Für Regensburg war es in gewisser Weise auch Glück, dass die Stadt in der Nachkriegszeit nicht im Geld schwamm und man sich auf die alte Bausubstanz zurückziehen musste. Es gibt Beispiele aus anderen Städten, wo die Altstadt platt gemacht worden ist, um praktischer und autofreundlicher zu werden. Das hätte Regensburg auch blühen können.

Der berühmte Merian-Stich von der Steinernen Brücke Repro: Museen der Stadt Regensburg
Der berühmte Merian-Stich von der Steinernen Brücke Repro: Museen der Stadt Regensburg

Dallmeier: Diese Rekonstruktion damals war schlicht und ergreifend eine lebenserhaltende Maßnahme. Es ging darum, wieder einen festen Donauübergang zu schaffen. Der Eiserne Steg war gesprengt, die Nibelungenbrücke in desolatem Zustand. Da war es am einfachsten, die Steinerne Brücke wieder zu aktivieren.

Unser Kollege Heinz Klein beschreibt die Aufstellaktion aus Bruckmandl-Sicht:

Der Bruckmandl-Dreh: Dahoam is dahoam

Wir haben jetzt schon sehr viel über die Steinerne Brücke erfahren. Liefert sie denn heute noch neue wissenschaftliche Erkenntnisse? Oder ist sie mittlerweile komplett erforscht?

Dallmeier: Nein, auf keinen Fall. Wir haben während der Sanierung jede Menge neuer Erkenntnisse gewinnen können. Zum Beispiel ist die Brücke durch unsere Forschungen in den letzten zehn Jahren quasi gewachsen. Bis jetzt hieß es, die Brücke sei ursprünglich etwa 330 oder 340 Meter lang gewesen. Sichtbar sind ja sowieso nur um die 315 Meter. Wir haben jetzt den Boden auf der Süd- und auf der Nordseite ein bisschen weiter aufgemacht und archäologisch befundet. Und siehe da: Nach dem jetzigen Erkenntnisstand ist die Steinerne Brücke ursprünglich ganze 380 Meter lang gewesen. Die 400 wird also bald geknackt (lacht). Außerdem haben wir herausgefunden, dass der Schwarze Turm, der bis 1810 am Stadtamhofer Ende der Brücke stand, wohl erst 1246 in die schon fertige Brücke hineingebrochen worden ist. Die größte Sensation aus unseren Grabungen ist für mich aber, dass wir zu den bis jetzt bekannten drei Brückentürmen wohl noch zwei weitere hinzuzählen müssen. Sowohl auf der Süd- als auch auf der Nordseite haben wir Fundamente gefunden, die wir als Teile von romanischen Kammertoren beziehungsweise von Türmen deuten. Weil der gleiche Mörtel verwendet wurde, müssen sie gleichzeitig mit der Brücke selbst gebaut worden sein.

Hier Sehen Sie unbekannte Fakten zur Steinernen Brücke:

So viel Gutes über ein einziges Bauwerk. Bringt oder brachte die Brücke vielleicht auch negative Auswirkungen auf Regensburg mit sich?

Memminger: Für mich ist schon die Frage, ob nicht die Bedeutung der Steinernen Brücke in ihrer touristischen Vermarktung heutzutage ein bisschen ausgeschlachtet oder überbetont wird. Tourismus und Geschichtsmarketing sind immer auf der Suche nach dem Superlativ. Wir haben in Burghausen die größte Burg der Welt, in Bamberg den größten unversehrten Stadtkern und so weiter. Jede Kommune sucht sich ihren Superlativ, mit dem sie dann wuchern kann. Ich möchte hier nicht zu sehr den Spielverderber geben, aber man muss darauf ein bisschen analytisch schauen und erkennen, dass es ein typischer Mechanismus des Tourismus ist, das Superlativische und die Einzigartigkeit besonders hervorzuheben. In Regensburg steht die Steinerne Brücke deshalb vielleicht manchmal ein bisschen extrem im Mittelpunkt. Das ist historisch und denkmalpflegerisch sicher berechtigt. Aber man sollte schon sehen, dass es in Regensburg auch Dinge neben der Steinernen Brücke gibt, die historisch ganz bedeutsam sind. Eine andere negative Auswirkung sind natürlich die gefährlichen Donaustrudel, die schon manchem zum Verhängnis wurden und durch das Volkslied „Als wir jüngst in Regensburg waren“ in ganz Deutschland bekannt sind. Diese Verwirbelungen werden, soweit ich weiß, durch die Brückenbeschlächte verursacht.

Die Geschichte der Steinernen Brücke sehen Sie in unserer Timeline:

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