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Wirtschaft

Hohe Mieten: Haritun Sarik kapituliert

Das Feinkostgeschäft am Kassiansplatz gehört zu Regensburg wie der Dom. Nun macht es zu – und im April gegenüber wieder auf.
Von Helmut Wanner

Haritun Sarik zieht mit seinem Geschäft über die Gasse. Die neue Adresse lautet ab April Kassiansplatz 4. Foto: Wanner
Haritun Sarik zieht mit seinem Geschäft über die Gasse. Die neue Adresse lautet ab April Kassiansplatz 4. Foto: Wanner

Regensburg. 6434 Euro Miete zahlt Haritun Sarik. „Im Jahr?“ - „Nein, im Monat.“ Da muss eine armenische Familie viele Zwiebel schälen, um dies zu erwirtschaften.

Feinkost Sarik wirft am Standort im ehemaligen Café Rösch das Handtuch. Er zieht über die Straße, von Tür zu Tür und mitten hinein in die Vergangenheit, wo sein Vater Kirkor Sarik 1984 eröffnet und den Ruhm des „Türken“ am Kassiansplatz begründet hatte. Dort zahlt er künftig 1100 Euro und wird von den Kanonikern von St. Johann auch noch mit offenen Armen begrüßt.

„An Ostern“, freut sich Haritun Sarik, „ist Sariks Wiederauferstehung“. Nach dreimonatiger Umbauzeit. Im April wird er auch 60. Die Aktion, mit der er die Schließung und den Umzug kommuniziert hat, wirkt wie aus der Zeit gefallen: Haritun Sarik hat Linien auf ein Plakat gezeichnet und mit schöner Handschrift Buchstabe für Buchstabe an seine verehrten Kunden gemalt. „Wir schließen zum 26. 01. 19“ Der Brief hängt nun im Schaufenster seines Ladens am Kassiansplatz und schlägt Wellen.

Im Netz gibt es sarkastische Hurrarufe auf die aktuelle Stadtpolitik: „Mieten hoch, Parken teuer machen, Umweltzone einführen!“ Ein Kunde, der sich gerade 100 Gramm Fenchelsalami gekauft hatte, fragt: „Wo soll das noch hinführen? Überall Leerstände. Es gibt bald nur noch Ein-Euro-Läden und Friseurgeschäfte.“

Schließung verschoben

Haritun Sarik ist ein kleiner Mann. Auf seinen überraschend großen Füßen ist er immer zu Diensten. So hat er den Schließungstermin wegen einer alten Kundin um 10 Tage verschoben. Ruth Zündorf von Pax Christi braucht am 16. Januar noch Vorspeisenplatten für ihren runden Geburtstag, die will er liefern. Sechs Leute, inklusive Frau und Sohn, arbeiten hier. In der Küche werden Antipasti von Hand gemacht. Mediterranes Catering, Vorspeisen, Wurst und Schinken sind sein Hauptgeschäft. Sein Bruder „Uli“ (Karabit) führt den Großhandel in der Kulmbacher Straße in Haslbach. Die Sariks wohnen alle in einem Mehrgenerationenhaus in der Brandlberger Straße.

Dort ist am 28. November vergangenen Jahres das Familienoberhaupt gestorben. Was Haritun Sarik tröstete: Bei seinem Requiem in der orthodoxen Matthias-Kirche in der Ostengasse waren viele türkische Muslime, darunter der Imam der DITIP-Gemeinde Regensburg. Das war der versöhnliche Schlussstrich unter die Aufregung, die Sariks offenes Auftreten am 100. Jahrestag des Genozids an den Armeniern ausgelöst hatte. Kirkor Sarik, geboren am 10. Oktober 1934, wurde 84 Jahre alt. Sein Sohn Haritun wurde in Kayseri, dem biblischen Caesarea, 1959 geboren. Am Fuße des erloschenen Vulkanes Erciyes (3916 m), der mit seinen Ausbrüchen für die Tuffsteinschichten in Kappadokien verantwortlich war. In der ältesten Kirche der Stadt aus dem Jahr 1191 wurde Haritun getauft. Sein Vater hat aus diesem Anlass ein Aprikosenbäumchen gepflanzt. Die Familie Sarik lebte 150 Meter von der Kirche entfernt in der Straße der Armenier. 1965 ging Kirkor als einer der letzten Armenier aus Kayseri fort. Seine Familie ist auf ganz Europa verstreut. Die Tragik ist, dass sein Großvater, der in Istanbul blieb, nach 70 Jahren erfuhr, dass von seinen drei Brüdern doch einer überlebt hatte – in Lyon. Die beiden waren zu alt zum Reisen und konnten sich nicht mehr sehen.

Ein armenisches Schicksal

Erst zog Sarik nach Istanbul, zu Großvater und Onkel ins Armenierviertel Samatya, dann folgte er seinem Vater nach Regensburg, der hier seinen Handel mit Obst, Gemüse und Feinkost eröffnete. Den hat Haritun mit seinem Bruder Uli hochgebracht bis zum anerkannten Großhändler mit eigenen Marken. Seine „Dilek“-Produkte sind deutschlandweit im Kaufland und im Netto sortiert.

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