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Technik

Der „Doktor“ für Tonband und TV

Franz Baumgartner repariert Radios und Fernseher. Schon Vater und Großpapa tüftelten in der Werkstatt in Regensburg.
Von Ralf Strasser

Franz Baumgartner in seiner Werkstatt: Hier ist oft der Tüftler gefragt. Foto: Ralf Strasser
Franz Baumgartner in seiner Werkstatt: Hier ist oft der Tüftler gefragt. Foto: Ralf Strasser

Stadtamhof.Ja, es gibt sie noch. Plastik, zehn mal sechs Zentimeter, zwei Spulen, ein Band. Die Älteren unter uns kennen die Tonbandkassette noch. Für Franz Baumgartner ist sie immer noch Alltag, denn er haucht den Abspielgeräten neues Leben ein. Gerade sitzt er in seiner Werkstatt über einem Sony KA6ES, das nicht mehr so will, wie er soll. „Das kriegen wir hin“, meint er, „ein gutes Gerät, da lohnt es sich auf jeden Fall.“

Seit 90 Jahren das Geschäft in Regensburg

Baumgartner ist ein Tüftler. Einer, der gerne repariert. Es muss nicht immer gleich ein neues Gerät sein, findet er. Die Werkstatt ist sein heimliches Reich. Baumgartner ist Radio- und Fernsehtechnikermeister und Inhaber des gleichnamigen Geschäfts in Regensburg-Stadtamhof. Das gibt es mittlerweile 90 Jahre. „Irgendwie auch historisch“, sagt er ein wenig nachdenklich. Neun Jahrzehnte im Elektrohandel, drei Generationen, vom Großvater bis zum Enkel, aber ein Ende ist abzusehen. Die moderne Zeit der Schnelllebigkeit hat auch den Meisterbetrieb von Franz Baumgartner erreicht. Wenn er aufhört, wird es sehr wahrscheinlich auch das Geschäft nicht mehr geben.

„Wir sind eine Nische und eigentlich ein Auslaufmodell.“

Franz Baumgartner

Angefangen hat es 1928 in Reinhausen. Einer der Wegbegleiter für die Arber-Siedlung war Großvater Franz, der dort Elektroleitungen verlegte. Erste Radios, die sich damals als Weltempfänger bezeichneten, werden im Geschäft verkauft, Schallplattenspieler stehen in den Regalen, das Elektrogeschäft mausert sich zum Fachgeschäft. Umzug 1955 nach Stadtamhof. Drei Gesellen und fünf Lehrlinge kümmern sich mit dem Meister um die ersten Fernseher.

Das Geschäft boomt, Videorekorder, Plattenspieler, Kühlschränke und Kofferradios verkaufen sich prächtig. „Wir hatten eine gute Zeit“, erinnert sich Franz Baumgartner sen., der 1970 das Geschäft von seinem Vater übernahm. Heute ist Baumgartner einer der letzten seiner Zunft. „Wir sind eine Nische“, betont der Familienvater, „und eigentlich ein Auslaufmodell“. Dennoch: Netzwerkteile zur Spannungsversorgung gehen immer noch kaputt, Schalter wackeln, Satellitenanlagen sind stark gefragt und Fernbedienungen haben Kontaktprobleme.

Übers Fernsehen

  • Urform:

    1883 entwickelte der deutsche Erfinder Paul Nipkow ein „elektrisches Teleskop“, das Bilder mittels einer rotierenden, gelochten Scheibe in Hell-dunkel-Signale zerlegen und wieder zusammensetzen konnte – die Urform des Fernsehens, allerdings noch in mechanischer Form.

  • Radiowellen:

    Erst 1930 gelang es Manfred von Ardennen mit der von Ferdinand Braun entwickelten Kathodenstrahlröhre (auch Braunsche Röhre), vollelektronisches, von Radiowellen übertragenes Fernsehen zu zeigen.

In der kleinen, schmalen Werkstätte, gleich hinter dem Laden, der auf ein paar Quadratmeter geschrumpft ist, ist die Zeit nicht stehengeblieben. Und doch: Neben modernster Technik ist die Standbohrmaschine im Einsatz, die Lötkolben gibt es immer noch und ältere Prüfgeräte bevölkern die lange Werkbank. Moderne Flachbildschirme stehen neben Videogeräten und Röhrenfernsehern, Geräte, von denen die junge Generation nicht mehr ahnt, dass sie existieren.

Wertvoll wie seltene Briefmarken

Die Versorgung mit Ersatzteilen wird schwieriger, meint er. Bei aller Nostalgie für eine Zeit, in der die Geräte als „langlebig“ galten“, auch bei der modernsten Technik kann der Bildschirm dunkel bleiben. Man müsse mit der Zeit gehen, sagt Baumgartner jun. und zieht mit einer feinen Pinzette ein Transistorteilchen heraus, das mit bloßem Auge fast nicht zu sehen ist.

Der Meisterbetrieb hat mittlerweile historischen Status erreicht. „Es dürfte wohl das älteste Radio- und Fernsehgeschäft mit eigener Reparaturwerkstätte in Regensburg sein“, mutmaßt Baumgartner. Noch gibt es ihn und sein Geschäft am Stadtamhof, aber Geschäfte wie das von Baumgartner werden wohl aussterben.

Schon heute machen sie sich rar und könnten bald so wertvoll sein wie eine seltene Briefmarke. Etwa wenn sich der Konsument auf der Fernbedienung vertippt und in den Irrungen des Einstellungsmenüs verirrt oder wenn die gute alte Technik den Geist aufgibt und Neugeräte unerschwinglich sind.

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