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MZ-Serie

Pfliegers bescheidene bessere Hälfte

Philipp Pflieger musste viele Rückschläge verkraften. Mit der Unterstützung von Barbara Ferstl erfüllte er sich seinen Traum.
Von Alex Huber, MZ

Seit 2012 sind Barbara Ferstl und Philipp Pflieger ein Paar. Gemeinsam durchlebten sie schwere Rückschläge und erfüllten sich den großen Traum von den Olympischen Spielen. Foto: privat
Seit 2012 sind Barbara Ferstl und Philipp Pflieger ein Paar. Gemeinsam durchlebten sie schwere Rückschläge und erfüllten sich den großen Traum von den Olympischen Spielen. Foto: privat

Regensburg.Lange überlegen muss Barbara Ferstl nicht – „Frankfurt!“, erklärt die zierliche Niederbayerin und meint damit jenes Erlebnis, das ihr und ihrem Partner fast den Boden unter den Füßen wegzog. Gemeinsam mit Philipp Pflieger sitzt sie in einem Regensburger Café – und nicht nur der sonst so aufgeweckte Gute-Laune-Schwabe schlägt beim Blick zurück auf Frankfurt plötzlich ganz andere Töne an. Ferstl greift nach ihrem Glas und nimmt einen Schluck Wasser. Die ansonsten stets schlagfertige Hobbyläuferin geht einen Moment in sich und gesteht: Das missglückte Marathon-Debüt ihres Lebensgefährten habe auch ihr das Herz gebrochen.

Nach dem wohl bittersten Moment in Pfliegers Sportlerdasein schien der große Plan von den Olympischen Spielen den Bach hinunter zu gehen. Doch nach langer Krise und tiefer Lethargie kam der Wahl-Regensburger wieder auf die Beine – im wahrsten Sinne des Wortes. Und das nicht zuletzt durch den starken Rückhalt der Frau an seiner Seite und ihrer gemeinsamen großen Liebe für den Marathon. Denn: Auch die Paintnerin lebt für den Sport – und zwar mit großen Ambitionen.

Besonnenheit und Zurückhaltung

Dem Typus der klassischen Sportlerfrau – der wohl am häufigsten im Profi-Fußball vertreten ist – entspricht Ferstl so rein gar nicht. Das Rampenlicht liegt ihr fern. Sich vor laufende Kameras zu stellen oder sich in den Mittelpunkt zu drängen, kommt für Ferstl mit ihrem besonnenen Wesen auch gar nicht infrage. „Das kann man ja, zumindest einigermaßen, selbst steuern. Ich halte mich einfach gerne zurück“, erklärt sie mit einem vorsichtigen Grinsen. Sie sei schließlich eine „gelassene Niederbayerin“ – und nicht wie Pflieger ein „geschwätziger Schwabe“, wie sie humorvoll beschreibt. Manchmal gebe es aber dann doch Termine, bei denen ihre Anwesenheit für Pflieger einfach dazu gehöre. Für ihren Philipp springe sie dann eben über ihren Schatten, gesteht Ferstl – und ihr Partner dankt es ihr: „Ich weiß, dass das Teil des Spiels ist und einfach auch dazu gehört. Ich kann das aber total akzeptieren, wenn meine Freundin das nicht will.“

Von Barbara Ferstl erhält Philipp Pflieger viel Unterstützung. Die 30-Jährige Hobbyläuferin ist aber auch selbst ambitionierte Sportlerin. Foto: privat
Von Barbara Ferstl erhält Philipp Pflieger viel Unterstützung. Die 30-Jährige Hobbyläuferin ist aber auch selbst ambitionierte Sportlerin. Foto: privat

Sport – das ist das große Stichwort in Ferstls und Pfliegers gemeinsamen Leben. Und auch bei ihrem Kennenlernen 2012 spielte das eine entscheidende Rolle. Schon bevor Ferstl zu erzählen beginnt, muss sie lachen. Ihre Schwester trainierte bei der LG Telis Finanz einst in derselben Gruppe wie Pflieger, was auch der Grund dafür war, dass der gebürtige Sindelfinger eine Einladung zu deren Geburtstagsparty erhielt. „Es war quasi eine nichtsportliche Veranstaltung mit sportlichem Hintergrund“, sagt Ferstl und grinst jetzt bis über beide Ohren. Wirklich unterhalten hätten sich die beiden auf der Feier aber eigentlich garn nicht, wie sie weiter erzählt. „Und trotzdem hat sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen“, fügt Pflieger prompt an und lacht in Richtung seiner Barbara. Weil er gleich am nächsten Tag ins Trainingslager nach Italien reiste und danach noch einen Besuch bei seinen Eltern dranhängte, vergingen ein paar Wochen, doch die beiden fanden zueinander. Für Ferstl bedeutet die Beziehung mit einem der heute besten deutschen Marathonläufer aber vor allem eines: Verzicht.

Für Ferstl kein Grund zum Ärgern

Im vergangenen Sommer feierte die Paintnerin ihren 30. Geburtstag – und zwar ohne Pflieger. Der befand sich zu diesem Zeitpunkt erneut im Trainingslager in St. Moritz. Für Ferstl ein Grund zum Ärgern? Nein! „Ich bin nicht sauer auf ihn. Ich weiß ja, woher das kommt und dass Philipp das nicht mit Absicht macht. Ich habe die Katze ja nicht im Sack gekauft und habe zumindest erahnen können, worauf ich mich einlasse“, erzählt Ferstl und nimmt noch einmal einen Schluck von ihrem Wasser. Pflieger plagt da noch immer ab und an das schlechte Gewissen: „Es ist nicht so, dass ich da sage: Das ist mir völlig Wurst. Natürlich ist das Scheiße.“

„Wer hat schon ein solches Lebensziel, auf das er 20Jahre hinarbeitet? Ich glaube nicht, dass es da viele Menschen gibt.“

Barbara Ferstl

Für Ferstl war es hingegen nur eines von vielen Malen, an denen sie für das große Ziel ihres Partners zurückstecken musste. „Doch wer hat schon ein solches Lebensziel, auf das er 20Jahre hinarbeitet? Ich glaube nicht, dass es da viele Menschen gibt“, macht die 30-Jährige deutlich. Doch auch für Ferstl, für die der Sport durch den Einfluss ihrer Familie schon von klein auf eine große Rolle spielte, war schnell klar: „Ich will selbst einen Marathon laufen.“ Gesagt, getan. Im Frühjahr 2016 dachte sie sich schließlich, sie wolle es einmal probieren – und lief den Berlin-Marathon in famosen 3:03 Stunden. Dafür gab es sogar Lob vom Profi: „Für eine Frau, die das nebenbei als reines Hobby betreibt, ist das richtig gut“, sagt Pflieger und schickt ihr ein breites Grinsen über den Tisch. Ferstl setzte sich prompt ein höheres Ziel: Beim nächsten Mal die Drei-Stunden-Schallmauer knacken.

„Aber manchmal ist es einfach besser, auch mal die Klappe zu halten.“

Barbara Ferstl

Zurück zum Vorfall in Frankfurt: Pflieger kollabierte nach gut 35 Kilometern – und das frühzeitige Aus bei seinem Marathon-Debüt habe auch der Beziehung nicht gut getan, da sind sich die beiden 30-Jährigen einig. „Die Phase danach war schwierig, weil Philipp mit sich selbst nicht mehr im Reinen war“, erzählt Ferstl mit ernstem Blick. Dass der Marathon in Sachen Anspruch und Schmerz alles bisherige überstieg, musste Pflieger auf die harte Tour lernen. „Es hing ja mehr oder weniger seine Existenz davon ab. Ich weiß, wie schwer das seelisch für ihn war“, erzählt Ferstl weiter. „Ich habe versucht, für Philipp da zu sein und ihn zu unterstützen. Aber manchmal ist es einfach besser, auch mal die Klappe zu halten.“ Pflieger ist seiner Barbara bis heute für ihren Beistand dankbar: „Ich wusste immer, dass sie da ist – und das werde ich auch nie vergessen!“

Mit Ferstl an seiner Seite tastete sich Pflieger wieder Schritt für Schritt zurück in die Erfolgsspur. 2015 folgte schließlich die endgültige Rehabilitation des heute 30-Jährigen. „Das war ein Bombenjahr“, erinnert sich Ferstl. Nach Bestzeit und deutschem Meistertitel im Halbmarathon bewies sich Pflieger selbst, dass er auch die „Champions League des Laufens“ kann – und qualifizierte sich beim Berlin-Marathon für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro. „Außerdem hat mich Berlin zum zweitschnellsten deutschen Marathonläufer dieses Jahrtausends gemacht“, sagt Pflieger stolz, während ihn Ferstl noch ein kleines Stück stolzer ansieht.

Das besondere Privileg in Rio

Für Pflieger ging es ein Jahr später nach Rio, wo auch seiner Barbara ein Privileg zuteil wurde, an das sie sich wohl ihr Leben lang erinnern wird: „Ich durfte ins Olympische Dorf.“ Für ihren Partner stand wenig später der Wettkampf an, nach dem er sich ein Leben lang gesehnt hatte – und Pflieger beendete den Marathon in Rio als schnellster Deutscher. Gemeinsam mit den Eltern des Olympioniken stand Ferstl nur wenige Meter vom Zielbereich entfernt und erinnert sich: „Bis wir zu Philipp konnten, haben wir fast eine Stunde gewartet. Und ich habe einfach die ganze Zeit geheult. Wenn ich da zurück denke, bekomme ich noch heute Gänsehaut.“

Für Philipp Pflieger wurde der Traum von den Olympischen Spielen wahr. 2016 kürte er sich in Rio de Janeiro zum schnellsten deutschen Läufer. Foto: dpa
Für Philipp Pflieger wurde der Traum von den Olympischen Spielen wahr. 2016 kürte er sich in Rio de Janeiro zum schnellsten deutschen Läufer. Foto: dpa

Pflieger hatte sich seinen Lebenstraum erfüllt – auch dank der Unterstützung seiner Partnerin. Und das weiß der „geschwätzige Schwabe“ zu schätzen: „Barbara ist einer der intelligentesten Menschen, die ich kenne. Sie ist eine weise Ratgeberin und meine mahnende Stimme.“ Handelt er zu impulsiv, tritt sie behutsam auf die Bremse. Bei „elementaren Entscheidungen“ werde Pflieger seine Barbara deshalb immer um ihre Meinung bitten. Und auch in Zukunft wollen die beiden ihre große Leidenschaft für den Sport – solange es ihnen möglich ist – voll ausreizen, da sind sich beide einig.

Ach ja, Ferstls erklärtes Ziel, den Berlin-Marathon unter drei Stunden zu absolvieren: Den lief sie in diesem Jahr übrigens in 2:54:38.

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