Geschichte
Liebesbriefe zum Abschreiben

Ein wollüstiger Brief diente 1384 als Vorlage für Schreibübungen. Adressiert war er an eine Regensburger Stiftsdame.

02.07.2018 | Stand 16.09.2023, 6:09 Uhr |
Angelika Lukesch

Dr. Bernhard Lübbers zeigt eine Liste mit den Todesstrafen von Georg Sigismund Hamann (16./17.Jahrhundert). Foto: Lukesch

„Daz ir nicht enpfenkleich enpfenkleich seit flew fleischleicher flei flaischleicher flaisse flaisleich flaischleicher flaischleicher wollvst“… Als der Oberpfälzer Geschichtsforscher und Offizier, Joseph Rudolph Schuegraf, diese Worte Mitte des 19. Jahrhunderts in einem Rechnungsbuch des Reichsstiftes Niedermünster in Regensburg aus dem späten 14. Jahrhundert las, war er sicherlich verblüfft. Dieser Satz stammte ganz offensichtlich aus einem Brief, in dem der Schreiber geradezu um Liebe bettelt. Doch wieso diese mehrfachen Wort-Wiederholungen? War es eine junge Schülerin des Damenstifts, die ihren Liebesqualen Ausdruck verlieh?

War es eine Liebeständelei?

Schuegraf hatte 1850 dazu eine wesentlich profanere Meinung. Er notierte auf der Archivale: „Eine seltene alte Getreide-Rechnung des Reichs-Stiftes Niedermünster vom Jahre 1384. Diese Rechnung ist aber insonderheitlich durch die darin enthaltenen brieflichen Aufsätze, die wahrlich etwas blödsinnig lauten, umso merkwürdiger, als sie zugleich von wollüstigen Gefühlen geschwängert sind.“ An anderer Stelle schreibt er: „Sieht dieß keinem Liebesbriefe einer Stiftsdame gleich? Oder soll es eine Liebeständelei seyn?“ Der Leiter der Staatlichen Bibliothek Regensburg, Dr. Bernhard Lübbers, geht davon aus, dass echte Liebesbriefe (vermutlich von einem Mönch an eine Stiftsdame) als Schreib-Vorlage für eine Schülerin verwendet worden waren. Dafür spricht auch die mehrmalige Wiederholung einzelner Worte: „So pit ich evch vm alle di lieb vnd trew die mein natvrleich natvrlich hertz zv evch hat.“ Diese besonderen Liebes-Schreibübungen sind Teil der Ausstellung „Verkauft – Vernichtet – Verstreut“, die in der Staatlichen Bibliothek sowie im Stadtarchiv Regensburg zu sehen ist. Den Leitern beider Institutionen, Dr. Bernhard Lübbers und Lorenz Baibl, geht es darum, der Öffentlichkeit zu zeigen, welche schriftlichen Zeugnisse aus der Geschichte Regensburgs noch erhalten sind, auch wenn sie nicht mehr alle in der Stadt lagern. „Zwar waren die Straßen nicht mit Büchern gepflastert …, dennoch kam es im Laufe des 19. Jahrhunderts mehrfach zu erheblichen Verlusten der schriftlichen Überlieferung der Domstadt. So verschwanden beispielsweise erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts große Teile wichtiger Geschichtsquellen“, sagt Lübbers.

Der reichsstädtische Archivar spielte eine besondere Rolle

Ein Teil der noch erhaltenen Quellen ist in dieser Ausstellung zu bewundern. Eine besondere Rolle spielt dabei der reichstädtische Archivar Karl Theodor Gemeiner (1756 bis 1823). Gemeiner hatte an einer mehrbändigen Regensburger Chronik gearbeitet. Die Regensburger Archivalien, die er dazu nutzte, hatten bis zu seinem Tod 1823 mehr als 600 Jahre lang weitgehend unbeschadet und vollständig überdauert. Nach dem Tod des Archivars wurden die Bestände in kurzer Zeit auseinandergerissen, verkauft oder vernichtet. Wesentlich dazu beigetragen hatte die Tatsache, dass Regensburg 1810 an das Königreich Bayern fiel.

Als Gemeiner Ende November 1823 starb, „stand das Regensburger Archiv Konservatorium unmittelbar vor der Auflösung. Im Juni 1824 kam der Reichsarchivdirektor von Samet nach Regensburg, um gemeinsam mit den staatlichen Registratoren die ’Ausscheidung dieser größtenteils mit staubbedeckten Archivs Akten’ vorzunehmen“, schreibt Baibl im Begleitband zur Ausstellung. Viele Urkunden, Pläne und Druckschriften wurden nach München abtransportiert.

Archivalien wurden zu Makulatur

Altes Regensburger Schriftgut ging verloren oder wurde als Makulatur verkauft. Hier tritt Joseph Rudolph Schuegraf, ein pensionierter Oberleutnant und Lokalhistoriker, auf den Plan. Schuegraf kaufte wertvolle Archivalien auf, unter anderem auch einige Dombau-Rechnungen aus dem Jahre 1459, die in der Staatlichen Bibliothek zu bewundern sind. 1851 wurde er offiziell beauftragt, die noch vorhandenen Archivalien zu ordnen. Er schreibt damals: „Nicht nur waren sie mit 50-jährigem Staub bedeckt oder halb vermodert ohne Titelumschlag und Bindfaden, weil sie eben solange auf bloßem oft durch Windgewebe oder Regen feucht gewordenen Boden gelegen sind, sondern sogar mit zwei Finger dick im Unflatte der in den Winternächten sich darauf gelagerten Dohlen oder dem der Katzen und Ratten verunreinigt!“

Unter dem „Unflatte“ fand sich 1851 unter anderem ein Brief Dr. Martin Luthers an den Rat der Reichsstadt Regensburg vom 27. November 1542. Auch diese Handschrift ist in der Ausstellung zu sehen, ebenso wie der „Codex Aureus“, das „Goldene Buch“ von St. Emmeram.

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