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Das verschwundene Dorf im Wald

Verlassene Orte: Wachsenberg war eine der flächenmäßig größten Gemeinden der Oberpfalz. Doch 1906 zog der letzte Bewohner nach Streitigkeiten fort.
Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

Wörth.Den Bauern und Ortsvorsteher Rauscher aus Wachsenberg hat ein schlimmes Schicksal ereilt. Mit der Heugabel haben sie ihn erschlagen. Es war das traurige Ende eines lange schwelenden Streits um das Fahrtrecht über eine Wiese. Zugetragen hat sich die Bluttat am 10. Juli 1839, so ist es im Fürther Tagblatt Nummer 113 nachzulesen. Der Wörther Heimatpfleger Fritz Jörgl hat die Meldung bei seinen Recherchen über die Wüstung Wachsenberg entdeckt. Es ist eines der wenigen Dokumente, die über das Dorf, tief in den Wäldern der Fürsten von Thurn und Taxis gelegen, erhalten sind. Ein Kreuz und ein Kellereingang erinnern noch daran, dass in der Abgeschiedenheit einmal drei Bauernhöfe und ein Gemeindehaus standen.

„Kerscher, Fürst und Rauscher“

Unter der Nummer D-3-6940-0125 Wüstung „Wachsenberg“ führt das Landesamt für Denkmalpflege den verlassenen Ort in seinen Archiven. Doch Fotos, wie es in dem Ort einst ausgesehen hat, gibt es nicht. „Das waren einfache Leute, die sicherlich nicht darüber nachdachten, noch Fotos zu machen, bevor sie Wachsenberg verließen“, sagt Heimatforscher Jörgl. Er hat jedoch eine historische Karte gefunden, die die Lage der Höfe markiert. An der Weggabelung breitet Jörgl die Arme aus und zeigt auf Wiesen und einen Lindenbaum. „Der Kerscher, der Fürst, der Rauscher “, zählt er die Bauern von Wachsenberg auf. „Der Letzte, der wegging, war der Fürst.“ Zuvor hat er noch ein Kreuz vor seinem Hof aufgestellt. „Zur Erinnerung unseres Abzuges am 24. August 1906 Josef Fürst“, steht darauf. Die Familie ist nach Sallach umgesiedelt. Heute kann man dort, wo ihr Hof stand, auf einer Bank vor dem Kreuz verweilen. Und wer einen Blick unter den jahrhundertealten Lindenbaum wirft, der entdeckt noch einen verfallenen Gewölbekeller, der von dem Bauernhof übriggeblieben ist. „Die Steinefundamente der Höfe hat man an anderer Stelle wieder verbaut“, ist sich Jörgl sicher. Die bewirtschafteten Felder und Wiesen wurden aufgeforstet. Auch deshalb ist von der Wüstung heute so gut wie nichts mehr zu sehen.

109 Einwohner im Jahr 1886

Wachsenberg hatte ursprünglich Hofmarks- also Niedergerichtsrechte. Im Jahre 1429 verkaufte Priorin und Konvent zu Prüll mit Zustimmung des Abtes das Dorf mit Gericht, Lehenschaft und Hofmarkrechten. 1477 ging es in den Besitz des Kloster Windberg über, von wo es später auf das Hochstift Regensburg und nun der Herrschaft Wörth übertragen wurde. Die Gemeinde gründete sich 1827/28. Bei der Gemeinderatswahl 1886 zählte man 109 Einwohner. Diese verteilten sich auf acht Einöden und Weiler: Augenthal, Baumschule, Breimbachmühle, Forstbrunn, Hub, Schiederhof und Wachsenber sowie das Wachthaus am Pflegerschlägen, dass 1886 schon unbewohnt war. Flächenmäßig zählte sie damals sogar zu den größten Gemeinden in der ganzen Oberpfalz. 2716 Hektar, davon 2385 Hektar Wald.

Die Kinder von Wachsenberg hatten einen weiten Schulweg, der sie auf Forstwegen nach Hofdorf führte. Vor allem im Winter muss das sehr beschwerlich gewesen sein. In der Abgeschiedenheit sei es auch immer wieder zu Auseinandersetzungen bis hin zu dem tödlichen Streit gekommen. Für die Kinder müssen diese Anfeindungen schlimm gewesen sein, da sie ja nur die Kinder am Ort als Spielkameraden hatten, mutmaßt Jörgl. Zudem war das Leben mitten in dem großen Waldgebiet sicherlich mit vielen Entbehrungen verbunden.

Gelebt wurde von dem, was Hof und Felder hergaben. Im Bayerischen Wald, wo die Menschen auch sehr arm waren, setzte damals, Ende des 19. Jahrhunderts, eine Auswanderungswelle ein. Viele wagten den Sprung in die neue Welt und versuchten ihr Glück in Amerika. So weit zog es die Wachsenberger nicht fort. Sie zogen den fruchtbaren Gäuboden vor und siedelten sich in Niederbayern an. Eine der letzten Aktivitäten in der Gemeinde dürfte die Gründung der Zimmerstutzengesellschaft „Schiederhof“ im Jahr 1901 gewesen sein. Eine Freiwillige Feuerwehr gab es in Wachsenberg nicht mehr. „Als sich anderenorts die Feuerwehren gründeten, war der Ort schon in der Auflösung“, sagt Jörgl. 1906 packte auch der letzte Bewohner resigniert seine Sache. Das Dorf Wachsenberg war dem Verfall preisgegeben.

In den 1930er Jahren wurde die Ortsbezeichnung Wachsenberg in der Gemeinde Höhenberg aufgelassen. Ab 1936/37 war die festgelegte Schreibweise für den Ort „Waxenberg“. Im Gasthaus Schiederhof, der seit der Gebietsreform 1972 zum Landkreis Straubing-Bogen gehört, erinnert noch eine Messingtafel an die Zugehörigkeit zur Gemeinde Wachsenberg.

Wachsenberg ist heute nur noch für Waldarbeiter und Wanderer über die Forstwege zu erreichen. Heimatforscher Jörgl hat auf die Wüstung ein Gedicht verfasst und führt interessierte Heimatinteressierte an den versteckt gelegenen Ort. Dort trägt er dann unter dem Lindenbaum vor: „Wo einst lief das Leben ganz verkehrt, da liegt die Ödung Wachsenberg.“


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