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Baukunst

Haus-Designer aus Hollywood

Sebastian Knorrs Häuser werden schon mal „Ikone der Moderne“ genannt. Lange lebte er in L.A., sein Stil: leicht und lässig.
Von Marianne Sperb

  • Architektur muss Leidenschaft auslösen, sagt Sebastian Knorr. Foto: Sperb
  • Hotel und Luxusapartments, designt von Sebastian Knorr und dem Büro tecArchitecture: die „Cloud No. 7“ in Stuttgart im Ausschnitt. Foto: ceo tecDESIGNstudioLA
  • Das Luxushotel Iberostar in Portals Nous auf Mallorca, entworfen von Sebastian Knorr Foto: Knorr
  • Am Western-/Wilshire Boulevard in Los Angeles: ein Beispiel für Billigneubau auf einer alten Bestandsparkgarage. Sebastian Knorr über seinen Entwurf: „Das Gebäude ist eine extrem reduzierte Box – billiger kann man die Struktur nicht bauen. Durch Farben, Formen, Licht – sprich: Design – wird es zu einem Stück städtischer moderner Architektur.“ Foto: Knorr
  • Wohnen in Regensburg: ein aktueller Entwurf von Sebastian Knorr Foto: Knorr

Regensburg. Regensburg. Sebastian Knorr rollt lautlos auf einem Elektroroller an. Der durchtrainierte 53-Jährige wirkt streng und sehr beschäftigt. Er hängt noch ein paar Minuten am Handy, bevor er sich setzt. Seine Platzwahl ist ungewöhnlich: mit dem Rücken zum großen Fenster, das auf die Gasse blickt. Die Gebäude des Architekten mit Büros in Los Angeles und der Schweiz stehen überall auf der Welt. Seine Häuser wirken leicht und lässig.

Herr Knorr, sind Sie Kalifornier oder Regensburger?

Hach, zwei Seelen! Ich besitze die doppelte Staatsbürgerschaft. 25 Jahre lang habe ich in Kalifornien gelebt, jetzt bin ich wieder mehr hier.

Auch vor dem Hintergrund, dass Ihre beiden Buben hier leben?

Ich wollte es nicht versäumen, meine Söhne aufwachsen zu sehen. Sie sind 13 und 15. Der eine spielt Fußball bei den Brunnenlöwen. Der andere ist fast so groß wie ich und spielt Basketball.

Wie groß sind Sie?

1,92 Meter. In L. A. war ich immer einer der Größten. Das ist hier anders.

Bei Gebäuden ist es umgekehrt: Die sind in den USA größer.

Ich arbeite nach wie vor mit Bauentwicklern drüben und die Gebäude sind tatsächlich sehr voluminös. Wir haben auch einiges im XXL-Format außerhalb der USA gebaut, wie die damals größte Halbleiterfabrik der Welt in Taipeh, 200 Meter lang, 30 Meter hoch und 80 Meter tief. Die wurde auch weltweit besprochen; ein italienisches Magazin schrieb dazu meinen Lieblingssatz zur Arbeit meiner Firma: „Ikone der Modernität“ und „Handwerkskunst des dritten Jahrtausends“. Früher haben wir viele Büros gebaut, heute liegt der Schwerpunkt bei Wohngebäuden. Das hat mit neuen Arbeits- und Kommunikationsformen zu tun. Home-Office wird wichtiger.

Von neuer Kommunikationstechnologie profitieren Sie. Sie arbeiten ja international.

Ja. Aber man braucht ein Büro vor Ort, das unser Design umsetzt. Es gibt ja jetzt Renderings, wie sagt man hier? Visualisierungen. Das ist ein messerscharfes Instrument, mit dem man bis ins kleinste Detail gehen kann. Entscheidend ist, dass das Haus am Ende so aussieht, wie es konzipiert wurde. Ich will nicht Zeichnungen produzieren, die am Ende mit dem Gebäude nichts mehr zu tun haben, und keine Gebäude bauen, die den Spirit vom Anfang nicht mehr in sich tragen. Wir haben ein Volumen von vielleicht drei Milliarden Dollar entworfen, und ich bin schon stolz, dass die Häuser so geworden sind, wie sie gedacht waren.

Ihre Gebäude sehen aus wie Skulpturen, urban, chic, voller Tempo. Aber da ist kein Markenzeichen, wie bei Pritzker-Preisträger Richard Meier, bei dem Sie 1990 gearbeitet haben.

Wir verwenden bewusst keine Sprache mit genauer Grammatik. Schauen Sie Herzog & De Meuron an: Deren Gebäude werden Sie nicht an Material oder Farbe identifizieren können; aber da ist ein spezieller Spirit. Das ist bei Richard Meier ganz anders. Der hat eine formale Wahrheit für sich festgelegt und erzeugt so seine Art von Spirit. Mir macht es Freude, Projekte immer wieder neu zu erfinden.

Was muss Architektur leisten?

Leidenschaft auslösen! Der Autodesigner Sergio Scaglietti hat das schön formuliert: Es geht nicht nur um die Funktion einer Form, sondern auch um die Leidenschaft, die sie auslöst. Wenn es gelingt, mehr als eine funktionierende Hülle zu entwerfen, aus eins plus eins drei oder mehr zu machen, dann entsteht Leidenschaft.

In Stuttgart wird Ihre Cloud No. 7 gefeiert. Was ist der Clou?

Es ist gelungen, eine Landmark zu entwerfen, die Menschen beginnen, sich mit der Architektur zu identifizieren. Es ist ein ein Gebäude, von dem Menschen sagen: Das ist so irre, da will ich drin sein. Die Cloud ist ein Hybrid aus Hotel und 50 Luxusapartments. Die beiden Penthäuser mit je rund 450 Quadratmetern haben mehr als doppelt so viel erzielt, als jemals in Stuttgart pro Quadratmeter gezahlt wurde. Da spiegelt sich dieser Mehrwert, von dem ich gesprochen habe.

Regensburgs neue Wohnquartiere sind relativ monoton, oder?

I agree. Ich will’s mal so formulieren: Die Altstadt besitzt ihren wunderbaren Charakter, da bleibt wenig zu tun außer pflegen und erhalten. Aber in den Quartieren außerhalb der Altstadt sinkt die Qualität rapide ab. Die neuen Viertel leiden unter dem Marktdruck – obwohl der prinzipiell erst mal gut ist. Gut, dass die Stadt wächst. Aber man könnte interessanter bauen, trotz wirtschaftlicher Zwänge. US-Bauentwickler schauen viel mehr auf den Cent als Bauträger hier. Trotzdem sind Qualität und Ästhetik möglich. Da geht mehr, auch bei Oberflächen und Proportionen. Es gibt den Spruch: burning the midnight oil, also: weiter an der Sache arbeiten, auch nachts, auch wenn man denkt, man hat schon alles ausgereizt.

Niklas Maak hat mal beschrieben, wie Sie im Straßenkreuzer durch die USA rollen. Sind Autos Ihre Leidenschaft?

Ich denke, wir können viel von Designern lernen. Ich hab mal eine Yacht entworfen, die sogar einen Architekturpreis gewonnen hat. Architekten bauen zwar ständig Prototypen, aber sie können vom Produktdesign lernen. Ein Auto zum Beispiel: Wie hört es auf, wie fängt es an? Ist es wie eine abgeschnittene Wurst, so wie viele Gebäude, die auch 50 Meter länger sein könnten? Oder ist es wie die Cloud No. 7? Die funktioniert von allen Seiten.

Gefällt Ihnen das neue Bayern-Museum in Regensburg?

Man muss solchen Gebäuden Zeit geben, nicht nur bis das Gerüst weg ist, sondern bis es funktioniert und zu leben anfängt und man vielleicht die Abendsonne an der Donau erlebt. Wenn Sie im öffentlichen Raum bauen, erleben Sie ja immer öffentliche Gefühlsausbrüche. Das ist normal.

Sie entwerfen gerade ein paar sehr futuristische Häuser in Regensburg. Welche Idee leitet Sie?

Ich wohnte ja lange in den Hollywood Hills. Da wurden in den 1950ern, 1960ern günstige Familienhäuser entworfen, von Richard Neutra, von Pierre Koenig, John Lautner, alles meine Helden. Die Häuser sind fantastisch: nobel, offen, hell, voller positiver Stimmung. Leicht und lässig. Das sollen meine Häuser transportieren: ein Feeling zwischen Beachhaus und Stadtvilla.

Hier ein letzter Ball: Was ist Ihr Tipp für die Fußball-WM in Russland?

Am liebsten wäre mir ein Endspiel Deutschland gegen die USA. Das hat nicht geklappt. Aber vielleicht kommt es dazu einmal und dann wäre ich auf jeden Fall ein Gewinner.

Alles außer gewöhnlich

  • Die Serie:

    Es gibt Menschen, die einem auffallen: weil sie auf eine spezielle Weise leben oder die Dinge auf eine ganz eigene Art anpacken. Sie sind eben „alles außer gewöhnlich“.

  • Die Autorin:

    Marianne Sperb glaubt: Architektur ist kaum zu überschätzen, weil Menschen die Summe ihrer Einflüsse sind. Deshalb hat sie interessiert, was der Hausdesigner aus Hollywood denkt.

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