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Aus Zwetschgen werden Hutzlmandl

Zum Monatsende gibt es wieder Wissenswertes rund um den Dialekt. Ludwig Zehetner beschäftigt sich diesmal unter anderem mit dem „Kletzen-Beni“.

Zwetschgenmandl bestehen aus zusammengesteckten Kletzen.
Zwetschgenmandl bestehen aus zusammengesteckten Kletzen. Foto: dpa

„Des hànd bloß Spuchtn“, sagt der Bayerwäldler

Für „Marotten, Vorwände, Ausflüchte, Fisimatenten, Launen, Grillen“ kennt die Mundart unter anderem Ausdrücke wie „Litzen, Mucken“ und „Spuchten“; es sind allesamt Pluralformen. „Spuchten“ ist nur in Ostbayern geläufig, zumal im Bayerischen Wald, wie bereits Johann Andreas Schmeller in seinem „Bayerischen Wörterbuch“ richtig vermerkt (Band II, Spalte 656). Daher fehlt ein diesbezüglicher Eintrag im „Neuen Bayerischen Wörterbuch“ von Franz Ringseis (München) sowie in den Wörtersammlungen von Rupert Frank (Wolfratshausen), Hans Müller (Rupertiwinkel), Alfred Hofstetter (Hallertau). Hingegen listet es Michael Kollmer für den Bayerischen Wald und dessen weiteres Umland; er gibt als Bedeutungen ergänzend an: ‚Narreteien, Einbildungen‚ Trugbilder, Täuschungen, Einfälle‘: „Wos der Mensch für Spuchtn in sich hat. Geh, des hànd bloß Spuchtn!“ Nadine Kilgert hat „Spuchten“ in Regensburg aufgezeichnet und definiert das Wort so: 1. dumme Angewohnheit, Unsitte; 2. Hirngespinste; 3. Ausfallerscheinungen. Für letztere Bedeutung zitiert sie den Satz „Die Kistn macht scho wieder Spuchtn – das Auto springt nicht an.“ Mittlerweile veraltet dürfte das Eigenschaftswort „spuchtig“ sein, das Schmeller umschreibt mit ‚bedenklich, gefährlich‘. Er bringt auch „Spucht“ als Bezeichnung für einen kleinen, schmächtigen Kerl. Eine lautliche Spielart davon dürfte „Spux“ sein. Kollmer führt zusätzlich „Spuchtl“ auf als abfälligen Ausdruck für eine weibliche Person.

Die Frage stellte Katrin Plewka

„D’Mamma geht in’ Ladn nei, und du wartst daweil“

Das Wort „Zeit“ findet sich in bestimmten Fällen ersetzt durch „Weil(e)“: „Dees hod a Weil dauert.“ Statt „Ich hab Zeit. Lass dir Zeit“ hört man mundartlich: „I ho dawei / dawàl. Lou da dawàl“ (= „lass dir derweil, der Weil“). Eine merkwürdige Lautvariante dazu scheint vorzuliegen mit gleichbedeutend „Lou da dahoi“. Die Artikelform „der“ weist aus, dass es sich um eine Genitivfügung handelt. Gemeint ist also nicht ‚die Weile = die Zeit‘ schlechthin, sondern eine Teilmenge, quasi „von der Zeit“. Ebenfalls genitivisch ist „allerweil, ollawei, -wàl“ (immer). – „Weillang“ bedeutet dasselbe wie „Zeitlang“, nämlich: a) eine gewisse Zeit lang; b) Langweile; c) Sehnsucht, Verlangen; d) Heimweh. „I wüsst net, wo ein und wo aus vor Weillang, wenn du mir davongehn tätst“ (Emerenz Meier). – Das Wort „weil“ wird heute fast ausschließlich als Konjunktion gebraucht vor der Angabe eines Grundes. Älter ist die Verwendung im Sinne von ‚während, solang‘ oder ‚seit‘: „Man muss das Eisen schmieden, weil es warm ist. Der Baum steht schon da, weil ich denk.“ Unterschiedliche Bedeutung hat auch „derweil“. Es wird anstelle von ‚inzwischen, mittlerweile, währenddessen‘ verwendet: „D’Mamma geht in’ Ladn nei, und du wartst daweil heraußt.“ Ferner kann es einen Gegensatz zum Ausdruck bringen: „Gibt er o wia-r a Steign voll Affn, daweil hod a koan Knopf Geld im Sack.“ – Eine gemütliche gesellige Zusammenkunft zum Plaudern, oft mit Musik und Gesang, kann „Sitzweil“ heißen, anderswo sagt man dazu „Heimgart(en), Rockenreis(e), Hutzen“ (in‘ Hoagart / Hoagascht, auf d’Rockaroas geh, Huza gäih). Die paar freien Tage, die ehedem den bäuerlichen Dienstboten nach Mariä Lichtmess zustanden, hat man „Schlenkel-, Schlànklweil“ genannt.

Die Frage stellte Ruth Königsberger

Liegt scho draußt wia a bräida Brooz

In Weihern, Tümpeln und langsam fließenden Gewässern setzen Froschlurche ihren Laich ab: die Frösche in traubenartigen Klumpen, die Kröten in langen Doppelschnüren. Bald schlüpfen die „Kaulquappen“. Der Wortteil „Kaul-“ geht zurück auf mittelhochdeutsch „kûle“, eine Zusammenziehung von „kugele“ (Kugel), „Quappe“ bezeichnet etwas Weiches, Schwabbeliges. Mit ihrem eiförmigen fußlosen Körper und dem schmalen Ruderschwanz ähneln Kaulquappen von der Gestalt her einem „Kochlöffel“, und tatsächlich nennt man sie so: in Nieder- und Oberbayern „Kooleffe“, in der nördlichen Oberpfalz „Kouleffala“. Bei anderen regionalen Bezeichnung spielt der Vergleich der Lurchlarven mit einem „Schlegel“ eine Rolle: „Dockaschlegala“ heißen sie in der mittleren Oberpfalz, „Binderschlegel“ im niederbayerischen Rottal. Dem Benennungsmotiv nach gehört auch „Froosch-Bleierl“ hierher; denn „Bleuel“ ist ein anderes Wort für ‚Schlegel, Keule‘, abgeleitet vom Verb „bleuen“ (= schlagen); man denke an „verbleuen“ (= verprügeln). Die mit der Neuregelung der Orthographie eingeführte Schreibung „(ein-, ver-) bläuen“ ist irreführend und verschleiert die Herkunft. Es mag zwar sein, dass jemand grün und blau geschlagen wird, aber mit der Farbe „blau“ hat das Verb nichts zu tun. Durch die unetymologische „äu“-Schreibung geht der Zusammenhang mit „Pleuel“ verloren. Die Umsetzung einer Drehbewegung in stoßende Bewegung erfolgte zuerst bei wassergetriebenen Stampfmühlen. „Bleuen“ ist ein altes Wort für ‚schlagen‘ (althhochdeutsch „bliuwan“; vgl. englisch „blow“ = Schlag). Altmundartlich tritt es auf als „bluin, bloin“ und bedeutet ‚prügeln, verhauen‘.

Recht unterschiedlich sind die mundartlichen Bezeichnungen für Kröten (Bufonidae). Außer „Krot“ hört man „Kroten (Gron), Kroterer (Grodara), Griat(erer)“. Weit verbreitet ist „Protz (Brooz)“. Bekannt ist der Regensburger Straßenname „Am Protzenweiher“, was nichts anderes bedeutet als ‚am Krötenteich‘. Die hochsprachlichen Wörter „Protz, protzig, protzen“ haben ihren Ursprung im bairischen Dialekt. Weil „Broozn“ sich aufblähen, um größer zu erscheinen als sie sind, wurde das Wort auf menschliches Gehabe übertragen. Von einer Person, die regungslos, bewegungsunfähig, fassungslos, benommen, handlungsunfähig wirkt, sagt man, sie liegt da „wie ein geprellter Protz“. Diese Redensart erklärt sich aus einem grausamen Vergnügen böser Buben: Kröten setzte man auf ein Brett und schleuderte sie damit in die Höhe, so dass sie schwer verletzt oder tot auf dem Boden landeten. In Ludwig Thomas Einakter „Erster Klasse“ kommentiert der Landtagsabgeordnete Filser den Sturz seiner Frau, die vom bereits anrollenden Zug abgesprungen ist: „Liegt scho draußt wia a bräida Brooz“ (geprellter Protz).

Für Kröten gibt es weitere Bezeichnungen, so etwa „Breitling (Broadlen)“, ferner „Heppen, Heppin, Heppern“ oder „Hädsch, Hädschern, Hiedsch, Hiedscherweibl (-wawl)“ und andere. Originell mutet „Mouma“ an, die nordbairische Lautung von „Muhme“ (mittelhochdeutsch „muome“ = Schwester der Mutter, Tante).

Die Anregung lieferte Walter John aus Lappersdorf

Da „Kletzen-Beni“ ist ein langweiliger Zauderer

Für ‚Dörrobst, getrocknete Früchte‘ gibt es die Bezeichnungen „Hutzeln (Huzln)“ und „Kletzen (Gläzn)“. Eine exakte Differenzierung, welches der beiden Wörter für getrocknete Birnen, welches für getrocknete Zwetschgen gilt, ist nicht möglich. „Hutzeln“ kommt daher, dass die Früchte „verhutzeln“, d. h. einschrumpfen. Man spricht ja auch von einem „verhutzelten“ Menschen, und „Hutzelweiberl“ nennt man eine schmächtige, abgemagerte alte Frau. Da sich „Kletzen“ vom altdeutschen Verb „klœzen“ = ‚spalten‘ herleitet, wurden damit ursprünglich gedörrte Birnen bezeichnet, die ja vor dem Trocknen in Spalten, „Schnitz“ geschnitten werden müssen; Zwetschgen hingegen werden als ganze getrocknet. Heute jedoch versteht man unter „Kletzen“ nicht nur gedörrte Birnen-„Schnitz“, sondern auch Dörrzwetschgen. Ins „Kletzenbrot“, in den „Kletzenweck(en)“ sind allerlei Trockenfrüchte eingebacken: Zwetschgen, Birnen, Feigen, Rosinen usw. Ein „Kletzentauch“ kann ein Kompott aus Dörrbirnen oder -zwetschgen sein. Gleiches gilt für „Hutzelbrüh (Huzlbriah, -bräih)“. Als „Zwetschgenmàndl“ bezeichnet man eine aus gedörrten Zwetschgen mittels Holzstäbchen zusammengesteckte menschenähnliche Figur, im übertragenen Sinne einen kleinen und schwächlichen, verkümmerten Kerl. Ein unmännlicher Feigling, ein langweiliger Zauderer wird im Bairischen verächtlich gemacht als „Kletzen, Kletzenkopf, Kletzen-Beni, -Beppi, -Sepp, -Sepperl“.

Die Frage stellte Dorothea Holzer aus Ihrlerstein

Noch mehr Bayerisch mit dem Dialektpapst Prof. Dr. Ludwig Zehetner gibt es in unserem Podcast „Basst scho!“.

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