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Bayern

Die Wiege vom Schmalzlerfranzl

Ein Stück echter Regensburger Industriegeschichte: Das document Schnupftabakfabrik spricht alle Sinne des Besuchers an.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Schnüff, schnüff! Der Historiker Matthias Freitag mit einer Prise „Pariser“ im document Schnupftabakfabrik Regensburg. „Schmalzlerfranzl“ wurde zur berühmtesten Marke der Gebrüder Bernard AG.Fotos: altrofoto.de
  • Fermentierungsfässer, die noch in Jahrzehnten duften werden
  • Sehr gewagt: die schnupfende Dame (kniefrei!) in den 20er Jahren
  • Zigarrenwickeltisch wie auf Kuba: Hier entstanden „Stühler Stumpen“.

Regensburg. Tausendmal ist man hier schon vorbeigelaufen: am mächtigen Häuserblock der einstigen Schnupftabakfabrik an der Gesandtenstraße. Lange Zeit dämmerte der mehr als 850 Jahre alte Komplex kalt und dunkelbraun leerstehend dahin, bis er als letzter, großer Sanierungsfall Regensburgs verkauft und denkmalgerecht umgebaut wurde. Mit dem Bezug der rd. 100 Wohnungen, der Büros und Cafés sind Behäbigkeit und Ruhe eingekehrt (und der Erotikshop ist auch längst wieder ausgezogen).

Seit 2008 beherbergt das alte Patrizierpalais das document Schnupftabakfabrik: In drei original erhaltenen Räumen erhält man einen sinnlichen Eindruck aus der Schnupftabakfabrik der Gebrüder Bernard, die hier fast 200 Jahre lang (1812 bis 1998) überwiegend Schnupftabak herstellen ließen. Der Duft, der einem aus diesen Gemäuern, Holzdecken und alten Fässern entgegenströmt, ist unvergleichlich – und er wird hier drin nie mehr vergehen: „Die Begeisterung der Besucher ist immer groß“, sagt der Historiker Matthias Freitag von den Museen der Stadt Regensburg, „das ist so, seitdem wir geöffnet haben. Ganz erstaunlich.“ Natürlich dürfen am Schluss des Rundgangs in der Alchemistenküche auch diverse Sorten probiert werden. Danach wundert’s kaum noch einen, dass es lange Zeit hieß: „Schnupftabak reinigt den Magen, vertreibt Zahnweh, verscheucht Läuse, heilt Geschwüre und schützt vor Pest.“

Nur die linke Hand zum Schnupfen

Die Schnupfkultur verbreitete sich im 18. Jahrhundert aus Adelskreisen durch ganz Europa und alle Stände: „Das Ende des massenhaften Schnupfens wurde erst durch das Aufkommen der Zigarette eingeläutet“, sagt Matthias Freitag. Aber auch noch heute kann man sich beim Schnupfen lächerlich machen: etwa durch zu lautes Niesen. Und nur der Dilettant nimmt die rechte Hand zum Schnupfen; kleiner Finger und Daumen sollten auch immer abgespreizt sein.

1812 gründete die Fürstl. Isenburgische Schnupftabaksfabrik zu Offenbach am Main eine Dependance in Regensburg – so konnten die Brüder Bernard die hohen Einfuhrzölle ins Königreich Bayern sparen. Mit den angebotenen großzügigen Räumlichkeiten in der Gesandtenstraßen waren die Bernards zufrieden; zuvor residierten hier Botschafter des Immerwährenden Reichstages und das Thurn-und-Taxis’sche Archiv. Für 10000 Gulden wechselte das Zanthaus den Eigentümer.

In dem mittelalterlichen Wohn- und Handelshaus wurden nun die erfolgreichen Tabaksorten Cardinal, Strasburger und Offenbacher produziert. Das Unternehmen gedieh prächtig. Richtig Musik in die Sache kam aber 1870, als die Bernards mit der Einführung der Brasiltabake („Aecht bayerischer Brasil“) und der selbstentwickelten Tabakveredelung begannen.

Zunächst wurden die Tabake mit Fett angemacht (Schmalzler), dann mit gereinigten (also haltbaren) Paraffinölen und diversen Aromastoffen aufgrund streng geheimer Familienrezepte. Die Schmalzler-Produkte wurden zum Verkaufshit schlechthin. Bald musste man das benachbarte Ingolstätterhaus dazukaufen, um die Produktionsflächen zu erweitern.

1894 wurde der Schmalzlerfranzl als geschütztes Markenzeichen No. 396 eingetragen – er ist bis heute das Flaggschiff des Hauses. Den Schmai bot man in vier Geschmacksrichtungen an: Feinst, Fresco, Goldaroma und Manila. Vor dem Ersten Weltkrieg produzierte man in der Gesandtenstraße mit 350 Mitarbeitern 40 Millionen (!) Kleinpäckchen im Jahr, die jeweils fünf oder zehn Pfennig kosteten.

Geschnupft wurde unaufhörlich, landauf, landab, vom Fürsten bis zum Knecht. In den 20er Jahren ließ Firmeninhaber Adolph Freiherr von Büsing-d’Orville die Zweigniederlassung Regensburg zum Hauptsitz der neuen Bernard AG aufwerten. In den 30er Jahren fabrizierte man mit 40 bis 60 Zentnern pro Tag etwa 40 Prozent des im Deutschen Reich hergestellten Schnupftabaks überhaupt.

Eine Marke wie Tempo oder Nutella

Die hygienischen Verhältnisse in den Produktionsanlagen, Betriebsklima und Altersversorgung bei der Firma Bernard sollen vorbildlich gewesen sein: „Schnupftabake von Gebr. Bernard Regensburg – das war ein Markenbegriff wie heute Tempo für Papiertaschentücher oder Nutella für Nuss-Nougat-Creme“, sagt Matthias Freitag. Bis 1958 fertigte man auch Zigarren und Stumpen; von den Schnupftabaken mehr als 60 (!) Sorten. Die traditionelle Herstellung, die aufwändigen, bewusst altmodischen Verfahren kann man im document Schnupftabakfabrik vorzüglich studieren: „Ein faszinierendes Stück Regensburger Industriekultur“, meint Matthias Freitag, „wir mussten hier nicht viel verändern. Das gehört alles noch zur Originalausstattung.“

Heute ist das Schnupfen weitgehend zur Liebhaberei geworden. Die Firma Bernard hat sich in den 90er Jahren nach Sinzing zurückgezogen und mag heute nicht mal mehr Besucher empfangen. Manche sammeln Schnupftabaksdosen oder -fläschchen. Aber der unvergleichliche Geruch dieser Räume ... bleibt einem in der Nase.

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