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Dokumentation

Was vom Provokateur Phettberg übrigblieb

„Der Papst ist kein Jeansboy“ zeigt den einsamen Mann, der früher die gewichtige Kunst- und Kultfigur Hermes Phettberg war.
Von Fred Filkorn, MZ

Hermes Phettberg ist krank, aber er kämpft.
Hermes Phettberg ist krank, aber er kämpft.Foto: Stadtkino Filmverleih

Berlin.Es gab eine Zeit, da war Hermes Phettberg ein Medienstar. Harald Schmidt und Sandra Maischberger luden ihn in ihre Talkshows ein. Phettberg avancierte mit seiner „Nette Leit Show“, die im ORF und auf 3sat ausgestrahlt wurde, zur Kultfigur. Inszeniert wurde sie von Kurt Palm, der mit seiner Theatergruppe „Sparverein Die Unz-Ertrennlichen“ in Österreich ebenfalls Kultstatus genoss. Ihre Show war anders, weil der Moderator Persönlichstes von sich preisgab – eigene Schwächen, sexuelle Vorlieben.

Drei Schlaganfälle, ein Herzinfarkt

Zuvor hatte der homosexuelle Phettberg von sich Reden gemacht, weil er mit seinen masochistischen Inszenierungen die Körper- und Lustfeindlichkeit der katholischen Kirche konfrontierte. In der öffentlich zur Schau gestellten Demütigung spiegelte sich die Selbstkasteiung im stillen Kämmerlein. Und das war durchaus nicht despektierlich gemeint. Als ehemaliger Pastoralassistent der Erzdiözese Wien hatte er die Kirche von innen kennen gelernt.

Hermes Phettberg früher: prominent, provokant und geradezu grotesk fettleibig
Hermes Phettberg früher: prominent, provokant und geradezu grotesk fettleibig Foto: dpa

20 Jahre später ist vom Ruhm wenig geblieben. Phettbergs unkonventionelle Shows sind im Internetfernsehen verschwunden. Drei Schlaganfälle und ein Herzinfarkt machten Josef Fenz, so sein bürgerlicher Name, zum halben Pflegefall. Sarkastisch bezeichnet er sich als „Österreichs bekanntesten Sozialhilfeempfänger.“ Einzig seine Kolumne „Phettbergs Predigtdienst“ im Wiener Stadtmagazin Falter ist ihm noch geblieben. Phettberg ist ein Mann, der einen tiefen Popularitätssturz erlebt hat und heute einsam und verlassen im 6. Wiener Bezirk in einer Altbauwohnung lebt.

Sprechen kann er kaum noch

Der Berliner Regisseur und Krimiautor Sobo Swobodnik („Silentium – Ein Leben im Kloster“) hat Phettberg 2011 eine Woche lang besucht. Die Schwarz-Weiß-Bilder seines Dokumentarfilms „Der Papst ist kein Jeansboy“ sind so existenziell wie Phettbergs Situation. Reden kann der ehemalige Moderator nicht mehr so richtig. Er bringt keine zwei Sätze am Stück heraus, wiederholt sich zwanghaft. Mit Trippelschritten bewegt sich das vormalige Wiener Gesamtkunstwerk durch die geräumige Wohnung mit den Stuckverzierungen. Die Wohnung befindet sich im Frühstadium eines Messies, ist jedoch nicht ungemütlich. Topfpflanzen stehen vor großen Fenstern, ein Che-Guevara-Plakat hängt an der Wand, das Thomas-Bernhard-Buch liegt aufgeschlagen auf einem Tisch.

Phettbergs Körper ist nach den Schlaganfällen und dem enormen Gewichtsverlust grotesk verformt. Sein Rücken ist krumm, das Kinn liegt auf dem Brustbein. Die Haut des einstmals auf 170 Kilo aufgeblasenen Oberkörpers schwabbelt wie zwei riesige Hängebrüste über dem Gürtel. Das lange Haar zersaust, der Bart ungepflegt, das graue T-Shirt voller Flecken: Phettberg ist ein Häufchen Elend.

Noch immer ein guter Beobachter

Wenn er sich auch verbal nicht mehr artikulieren kann, so ist er doch ein scharfsichtiger Beobachter unserer Zeit geblieben. Im Film spricht Josef Hader Phettbergs Tagebuch-Einträge ein. In seinen „Gestionen“ spricht der Wiener über die Nützlichkeit des Internets für die nordafrikanischen Demokratiebewegungen. Penibel hält er fest, was ihm Essen-auf-Rädern zum Mittagessen brachte. Phettberg schöpft seine philosophischen Betrachtungen aus dem Lebensalltag. Immer wieder betont er, dass er kein Studierter ist. Gute alte Freunde berichten, wie sie ihn damals kennenlernten. Gerade so, als hätte er schon das Zeitliche gesegnet. Sie erinnern sich seiner weichen Stimme, seines warmen Händedrucks, seiner außerordentlichen Menschenfreundlichkeit. Ein mobiler Pflegehelfer berichtet, wie er Phettberg einst aus dem Krankenhaus abholte, ihn zur Burgtheater-Aufführung von Christoph Schlingensiefs „Mea Culpa“ brachte, und es dort zu einer berührenden Abschiedsszene der beiden Todgeweihten kam.

Ganz sanft ausgepeitscht

Nicht minder bewegend war die Vorpremiere von Swobodniks Film in einem Nebengebäude des legendären Berliner Technoclubs Berghain. Der „Schlackekeller“ ist normalerweise der Ort für tabulose schwule Mottoparties. Eine gewisse Sensationslüsternheit schwang bei der Filmpremiere mit. Konnte man sich doch kaum vorstellen, dass Phettberg überhaupt noch lebte, so weit war der körperliche Verfall im Film schon fortgeschritten. Doch bei einer anschließenden Inszenierung von Antonin Artauds Text „Heliogabal oder der Anarchist auf dem Thron“ stellte Phettberg den lippenstiftverschmierten König dar, der von vier Jeansboys auf einem Rollstuhl herein geschoben wurde. Auf der Bühne wurde er dann sanft ausgepeitscht. Das war ganz nach Phettbergs Geschmack: Die enge Jeanshose ist sein Fetisch.

Fast der Alte: Für eine kleine kunstvolle Auspeitschung nimmt Phettberg sogar die Reise von Wien nach Berlin auf sich.
Fast der Alte: Für eine kleine kunstvolle Auspeitschung nimmt Phettberg sogar die Reise von Wien nach Berlin auf sich. Foto: w-film

Nachdem er spielerisch-ironisch zunächst „fester, fester“ gefordert hatte, setzte er dem weihrauchgeschwängerten Spuk mit einem „Das reicht“ ein abruptes Ende. Der „Verfügungspermanenz“ – ein Phettberg-Begriff – folgte die „Auferstehungsfeier“ an der Bar. Dass sich Phettberg eigens für die Premiere des Filmes nach Berlin begeben hat, belegt vor allem eines: seinen unbändigen Willen, weiterzumachen.

Das Kunstwerk Hermes Phettberg

  • Der Mensch:

    Hermes Phettberg wurde am 5. Oktober 1952 als Josef Fenz geboren. Er wuchs als Sohn von Weinbauern auf, arbeitete als Bankangestellter, Pastoralassistent und Kanzlist. Öffentlich bekannt wurde er durch sadomasochistische Kunstaktionen wie die „Verfügungspermanenz“ 1993 in Zürich.

  • Der Film:

    Die Dokumentation „Der Papst ist kein Jeansboy“ läuft am 9. Juli und vom 13. bis 15. Juli in der Regensburger Filmgalerie im Leeren Beutel.

  • Ende Juli ist der Film außerdem im Erlanger Manhattan und im Münchner Werkstattkino zu sehen (dort auch schon am 1. Juli als Preview).

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