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Der Zirkus ist seine Medizin

Hans-Jürgen Moser ist Arzt von Beruf, doch seine Berufung ist die Manege: Auf Hausbesuch beim Direktor eines Mini-Zirkus
Von Michael Gruber

Ein neuer Tag mit neuen Farben: In seinem Atelier in Chammünster bringt Dr. Hans-Jürgen Moser seine Ideen mit dem Pinsel auf Papier. Die Malerei ist nur eines von zahllosen Hobbys, denen der Arzt in seiner Freizeit nachgeht. Das Herzstück seiner Arbeit ist eine Miniaturanlage des Circus Krone im Maßstab 1:16. Doch die hat jetzt ein Reise in den Untergang angetreten. Foto: Gruber
Ein neuer Tag mit neuen Farben: In seinem Atelier in Chammünster bringt Dr. Hans-Jürgen Moser seine Ideen mit dem Pinsel auf Papier. Die Malerei ist nur eines von zahllosen Hobbys, denen der Arzt in seiner Freizeit nachgeht. Das Herzstück seiner Arbeit ist eine Miniaturanlage des Circus Krone im Maßstab 1:16. Doch die hat jetzt ein Reise in den Untergang angetreten. Foto: Gruber

Cham.Hereinspaziert, meine Damen und Herren, in den schillernde Welt von Clowns, Drahtseilartisten und gefährlichen Raubtieren! Ein Ort, wo die kühnsten Kindheitsträume war werden, weil es unter dem Zeltdach keine Altersbeschränkung gibt. Staunen sie über das Feuerwerk eines Lebenskünstlers, der das Publikum mit exotischen Hobbys erheitert, der die Medizin des Lachens seit Jahrzehnten praktiziert und in dessen Kosmos erlaubt ist, was Spaß macht und Tabus Hausverbot haben.

Manege frei für Dr. Hans-Jürgen Moser! Nur der Trommelwirbel fehlt, als uns der 71-jährige vor seinem Haus in Chammünster empfängt, um uns ein Einblick in das Leben des wohl schillerndsten Arztes im ganzen Landkreis zu geben. Seit bald 40 Jahren behandel Moser seine Patienten in seiner Praxis am Steinmarkt. Doch ist er den meisten nicht nur wegen seines Engagements im Arztkittel bekannt.

Vor 30 Millionen Jahren ...

Die Liste seiner Ehrenämter und Hobbys ist rekordverdächtig: Stadtrat, Kulturreferent, Schirmherr der Minstracher Feuerwehr. Leiter der keltischen Ausgrabungen am Lamberg, Chef des FC Chammünster, Maler und nicht zu vergessen: Schöpfer einer der größten Miniaturzirkusanlagen in ganz Deutschland. Erste Schwindelgefühle? Fangen wir von vorne an. Am besten im Bayerischen Wald, vor ungefähr 30 Millionen Jahren.

Schon in seinen Teenagerjahren konnte sich Moser für das Sammeln von Mineralien begeistern. Inzwischen zählt seine Sammlung über 30 000 Exemplare. Foto: Moser
Schon in seinen Teenagerjahren konnte sich Moser für das Sammeln von Mineralien begeistern. Inzwischen zählt seine Sammlung über 30 000 Exemplare. Foto: Moser

„So alt sind die alle ungefähr“, sagt Moser und fährt mit den Fingern über einen Quarzstein, „den hier habe ich aus einer Steinspalte am Viechtacher Pfahl gezogen, begraben unter einer dicken Lehmschicht.“ Verteilt auf knapp 80 Glasvitrinen geht es im Erdgeschoss seiner Wohnung vorbei an seltenen Mineralien, Smaragden, Erzen und anderem Gestein, das Moser über die letzten Jahrzehnte im Bayerischen Wald gesammelt hat. 30 000 Exemplare zählt er heute in seinem kleinen Privatmuseum, das auch eine Blick unter die Erde des Fichtelgebirges oder der oberbayerischen Alpen wirft. Was ihn an dem alten Gestein derartig fasziniert? „Das Finden“, sagt Moser.

Lesen Sie hier alle Teile der Porträt-Serie „Köpfe aus dem Woid“

Am Wochenende geht es für ihn rein in den Jeep und raus an die frische Luft. Im Gepäck hat er Pickel, Haken, im Mundwinkel seine Pfeife, aus der englische Tabak qualmt. Die Begeisterung fürs Urgestein hat er in frühen Jahren von seinem Großvater geerbt, der Chef eines Naturkundemuseums war. „Die Vorbereitung und die Wanderung durch die Natur macht am meisten Spaß“, sagt der Sammler, „ außerdem gibts nichts besseres wie mit einem Kreuzotterbiss zurückzukommen.“Biss musste auch er zeigen, als er nach dem Abitur in die Fußstapfen seines Vaters Hans Moser treten sollte, der am Steinmarkt eine Arztpraxis betrieb. Eigentlich wolle er Geologe werden, erinnert sich Moser, nur riet ihm ein Professor davon dringendst ab: „Der hat gesagt, in Deutschland gebe es pro Jahr ungefähr 200 Absolventen und einer wird gebraucht, der Rest geht in den Kongo oder sonst wo hin.“

Daraufhin suchte er sein Glück auf einen Gutshof nach Sünching mit 500 Tagewerk Holz, 20 Schleppern und 10 000 Legehennen, wo er nach einem Jahr seinen Abschluss als Landwirtschaftlicher Baumeister ablegte. Das sollte die Eintrittskarte zu einem Landwirtschaftsstudium bei München werden – eigentlich.

Anfang der 1980er Jahre stellte Hans-Jürgen Moser seinen ersten Mini-Zirkus im Garten aus. Foto: Moser
Anfang der 1980er Jahre stellte Hans-Jürgen Moser seinen ersten Mini-Zirkus im Garten aus. Foto: Moser

Das Machtwort seines Vaters lenkte die Bahnen woanders hin: Zuerst in den Regensburger Hörsaal, wo es für den angehenden Arzt über Stationen in München, Rosenheim und Amberg zurück an den Steinmarkt Cham gehen sollte. Und dort schlug das Schicksal für den jungen Familienvaters gleich mehrmals zu: Sein Vater erlitt in der Antrittswoche des Filius einen Herzinfarkt, die erste Ehe ging zu Bruch. „In solchen Situationen neigen viele dazu, zum Trinken anzufangen oder sie nehmen Drogen. Ich habe mich in meine Hobbys gestürzt, in meinen Beruf und in die Dorfgemeinschaft in Chammünster“, erinnert sich Moser.

2003 stellte Hans-Jürgen Moser seinen Miniaturnachbau der Circus Krone in Chammünster aus. Foto: Moser
2003 stellte Hans-Jürgen Moser seinen Miniaturnachbau der Circus Krone in Chammünster aus. Foto: Moser

Das Ergebnis durften die Chamer im Oktober 2013 auf einer Wiese in Janahof erleben: Der Circus Krone gastierte hier erstmals mit seinem legendären Aufgebot an Tieren und Zirkusartisten und mitten im Publikum saß ein Mann, der diesen Moment am liebsten in Stein gemeißelt hätte: „Als die Bürgermeisterin bei ihrer Ansprache im Zelt ihren Dank an meinen Einsatz gerichtet hat und Tausende Menschen applaudierten, wurd's schon feucht in den Augen“, erinnert sich Moser. Als damaliger Kulturreferent hatte er den Traum aus seiner Hobbywerkstatt in Katzbach in die Wirklichkeit geholt.

Der Zirkus mit dem Zirkus

Zehn auf 20 Meter misst sein detailgetreues Miniaturmodell des Circus Krone im Maßstab 1:16, mitsamt 300 Wägen und Zirkustieren – sogar das Fleisch für die Löwen hat Moser in Handarbeit aus Knetmasse geformt. Sein Meisterwerk ging vor zwei Jahren auf Reise ins Badische: Die Anlage steht heute in einem Seerosengarten in Balingen, beherbergt von einer Dompteursfamilie aus dem Dunstkreis des echten Circus Krone. In sie hat Moser sein Modell im Jahr 2016 verschenkt. Sein Gedanke damals war es, einen würdigen Erben für diese Herzensangelegenheit zu finden.

Angefangen hat alles mit einem Artikel über die Zirkuswelt in der Kinderzeitschrift „Rasselbande“. Bis heute begeistert sich der 71-jährige für die bunte Welt der Artisten. Foto: Moser
Angefangen hat alles mit einem Artikel über die Zirkuswelt in der Kinderzeitschrift „Rasselbande“. Bis heute begeistert sich der 71-jährige für die bunte Welt der Artisten. Foto: Moser

Umso heftiger war der Stich in die Brust bei seiner letzten Stippvisite: „Die Hälfte des Fuhrparks ist durch Regen, Schnee und Wind zerstört. Überlebt hat nur, was aus Metal war“, sagt Moser. Inzwischen hat der 71-Jährige aber gelernt, warum das Leben nichts anderes ist als ein Tanz auf dem Drahtseil: „Gedanken wie ‚ich mag nicht mehr‘, hab ich aus meinem Wortschatz verbannt,“ sagt Moser. „Das Geheimnis ist, positiv zu bleiben. Und wenns draußen regnet, dann mal ich halt ein Bild oder schau mir Rambo im Fernsehen an.“ Außerdem bastelt der Doktor schon an seinem nächsten Mini-Zirkus in Katzbach. Der Name: Circus Moser....

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