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Theresa Stangl hat das Machen im Blut

Die 23-jährige Rodingerin hat ein Hightech-Unternehmen gegründet, das den Sprung in die Zukunft wagt.
Von Michael Gruber

„Wenn es nötig ist, kann ich sehr direkt sein“ – als junge Frau verschafft sich Theresa Stangl mit ihrem Wissen über 3-D-Metallverarbeitung weltweit Gehör in einer Männerdomäne. Foto: Gruber
„Wenn es nötig ist, kann ich sehr direkt sein“ – als junge Frau verschafft sich Theresa Stangl mit ihrem Wissen über 3-D-Metallverarbeitung weltweit Gehör in einer Männerdomäne. Foto: Gruber

Roding.Wenn sich im Leben eine Tür schließt, dann öffnet sich eine andere. Im Fall von Theresa Stangl ist sie aus schwerem Stahl. Sie befindet sich am Ende eines kühlen Korridors und beherbergt ihren ganzen Stolz: Vier Meter breit und zwei Meter hoch ist das Hightech-Gerät, mit dem die junge Rodingerin einen großen Sprung gewagt hat.

Es ist Donnerstag, 9 Uhr, im Gewerbegebiet Altenkreith, in den Büros des Innovations- und Gründerzentrums brüht der Kaffee. Theresa Stangl hat sich schon durch die ersten Flipcharts gewälzt und den ersten Schwung Mails an einige Vorstände rausgeschickt. Als Chefin der Start-up-Firma Trovus Tech steht sie im ersten Geschäftsjahr unter Dauerstrom. Knapp eine Million hat sie in das Herzstück der Firma investiert. Mit einem 3-D-Laserdrucker der Firma Concept Laser, einem Tochterunternehmen des US-Riesen General Electrics, hat sie vor einem Jahr mit voller Kraft auf eine Technologie gesetzt, die aus Sicht einiger Experten die neue Dampfmaschine der digitalen Welt darstellt.

PS-Boliden statt Discokugeln

Mit 23 Jahren leitet Stangl das Hightech-Start-up Trovus Tech. Foto: Gruber
Mit 23 Jahren leitet Stangl das Hightech-Start-up Trovus Tech. Foto: Gruber

„Der 3-Druck ist heute kein Hype mehr, sondern längst Alltag, auch wenn viele Unternehmer sich damit noch schwer tun“, sagt die Unternehmensgründerin. „Aber das war in den Anfangszeiten des Computers auch so.“ In der kleinen Fabrikhalle steht sie im schwarzen Blazer und mit Piercing in der Nase vor dem Touchscreen, wischt übers Bedienfeld des Laserriesen, ihr Blick ist aufgeweckt, auch wenn Stangl nicht weiß, wie viel Schlaf sie heute abbekommen hat. „Mit Glück werden’s schon drei Stunden gewesen sein“, sagt sie. Andere Frauen in ihrem Alter schieben die Nachtschichten lieber auf der Disco-Tanzfläche, bummeln durchs Studium, verschieben das Leben auf den Feierabend. Theresa Stangls Augen beginnen zu leuchten, wenn sie wieder ein fertiges Pumpengehäuse aus dem Drucker zieht, die ihre Firma inzwischen an große deutsche Autobauer verkauft. Produkte, die in den PS-Boliden der DTM-Serie auf der Rennstrecke unterwegs sind und die nun auch die ersten Kunden aus den USA interessieren. 23 Jahre ist Theresa Stangl heute alt. 22 war sie, als sie mit ihrem Ehemann Jens Stangl im Januar 2017 mit Trovus Tech in die Selbstständigkeit gesprungen ist. Obwohl sie so ziemlich alles andere hätte tun können: sich vom Erbe ihrer Eltern ein bequemes Leben machen zum Beispiel, Jet-Setten von Kitzbühel nach Nizza, das Duckface mit der Prada-Tasche posten und irgendwann mal eine Kunst-Galerie aufmachen. So wie andere Töchter von reichen Unternehmern.

1988 hat ihr Vater Hans mit seinem Kollegen Stefan Kulzer den Grundstein für die Stangl & Kulzer Group geschaffen, die sich an die weltweite Spitze der Präzisionstechnik und des Prototypenbaus für die Autoindustrie katapultiert hat. 370 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen an den Standorten Roding und Waldmünchen, die auf eine vielversprechende Zukunft in einer Firma blicken, die von der Staatsregierung mehrfach zu Bayerns 50 besten Mittelständlern gekürt wurde.

Warum Theresa Stangl da steht, wo sie heute ist, hat mit einem Instinkt zu tun, der sie als Realschülerin in einer Druckgießerei das erste Mal überkam. „Eigentlich wollte ich Sportlerin werden oder Polizistin. An meinem Vater habe ich gesehen, wie sehr ihn dieser Job vereinnahmt hat“, erinnert sich Stangl. „Dann habe ich da das Aluminium gerochen und den Dampf gesehen, der über den Maschinen aufstieg. Das war für mich ein Stück Kindheit. Da wusste ich, in welche Richtung es für mich geht.“

Von Beginn an sei sie mit ihren beiden älteren Geschwistern von den Eltern zu Arbeit und Fleiß erzogen worden. Früh musste Stangl beim Ausschank im familieneigenen Wirtshaus Hand anlegen. Am Wochenende ging es raus zum Holzhacken mit ihrem Vater, der sie schnell daran gewöhnt hat, als Stangl nicht aus „Gold und Zucker“ zu sein. Und genau das kommt ihr heute als junge Unternehmerin zu Gute, die bei Terminen in der Vorstandsetage nicht selten vor grauhaarigen Männern mit erstaunten Blicken steht. „Was ich gelernt habe: Selbst wenn der Kaiser von China vor mir steht, sind wir alle nur Menschen. Egal ob Du eine Fendt-Jacke anhast oder einen Gucci-Anzug“, sagt Stangl.

Unstillbarer Wissensdurst

Klar sei es eine Herausforderung, sich als 23-jährige Frau Gehör in der Welt der Technik zu verschaffen. Manchmal helfe da nur, die Ellbogen auszustrecken, und für Stangl heißt das, mit knallharten Argumenten zu überzeugen. „Wenn es nötig ist, kann ich sehr direkt sein. Durch meine Erfahrung kann ich Betriebsprozesse ziemlich schnell analysieren und lege diese Fakten dann auf den Tisch, auch wenn das manchmal unbequem sein kann.“ Worauf es bei den Abläufen in der Produktion in der Metallindustrie bis zum weltweiten Vertrieb von Präzisionsteilen ankommt, hat Stangl bei ihrer Ausbildung als Industriekauffrau in der Firma PD Roding gelernt, einer Aluminium-Druckgießerei für die Automobilbranche, die heute von der Schweizer Group betrieben wird. Als „Tochter vom Chef“ in den Betrieb des Vaters zu gehen, sei für sie nicht in Frage gekommen. Genauso wenig stand es für die junge Azubine zur Debatte, ihrem großen Wissensdurst nachzugeben.

Lesen Sie hier alle Teile der Porträt-Serie „Köpfe aus dem Woid“

Parallel zur Ausbildung schloss sie die Prüfung zur Energiewirtin an der Technikerschule Waldmünchen ab, sattelte daraufhin eine Weiterbildung zur „Online-Marketing-Managerin“ auf, nachdem ihr der Job als festangestellte Industriekauffrau mit der Zeit nicht mehr das gab, wonach sie suchte: „Wenn ich einen Job mache, dann möchte ich mit Herzblut dahinterstehen“, sagt Stangl. Ihr Ehemann Jens, 27, hatte als Mikrotechnologe einen sicheren Arbeitsplatz mit Top-Bezahlung. Für das Wagnis Start-up zogen beide die Reißleine. Für ihre 3-D-Druckerei brennen die beiden nun, als würden sie ein Baby umsorgen. „Manchmal stehen wir nachts um 3 vor dem Drucker, um die fertigen Teile herauszuholen“, sagt Stangl. Wie mit einem Babyphon sind sie über eine App mit der Maschine verbunden. Als wäre das nicht schon genug, engagiert sich Theresa Stangl seit zwei Jahren im Vorstand der Wirtschaftsjunioren, kooperiert als zertifizierte Technologiemanagerin mit der IHK und saß bis vor wenigen Jahren noch im Bezirksvorstand der Freien Wähler. Wenn es ums Machen geht, ist die 23-jährige wie eine Marathonläuferin, die zu Höchstleistungen fähig ist, wenn sie mit dem Herzen bei der Sache ist. Doch genau dorthin zielte der Stich, den Stangl im Dezember 2017 vom Schicksal auferlegt bekam.

Kraft schöpfen aus dem Positiven

Wenige Tage vor Heiligabend erlag ihr Vater Hans Stangl seinem schweren Krebsleiden.Der ganze Landkreis trauerte um einen Mann, der in seiner Heimat als Mensch und Unternehmer große Fußstapfen hinterlassen hat. Theresa Stangl erinnert sich noch gut an den Tag, als ihr Vater wenige Monate zuvor aus dem Krankenhaus kam und sie um einen Gefallen gebeten hatte. Im Rollstuhl sollte sie ihren Vater zu jedem Mitarbeiter, von der Chefetage bis zum Azubi, fahren. „Dort hat er jedem Einzelnen nochmal die Hand geschüttelt und sich bedankt dafür, dass es die Firma ohne seine Hilfe heute nicht geben würde“, erinnert sich Stangl.

Wer mit ihr über diesen Schicksalsschlag spricht, erlebt eine junge Frau, die ihren Frieden geschlossen hat mit dem, was war. Sie wusste daraus Kraft zu schöpfen. „Wer das Positive sehen will, muss sich auf das Wesentliche konzentrieren“, sagt die Unternehmerin, „das war die letzte Lektion, die ich auf den Weg bekommen habe“. Durch die frühe Diagnose habe sie genug Zeit gehabt, mit ihrem Vater das zu tun und das mitzunehmen, worauf es wirklich ankommt. Für sie bedeutet das, auf das Herzblut zu hören. „Wenn mich etwas inspiriert oder ich etwas sagen möchte, dann zögere nicht lange.“ Den Schlüssel zur Produktionshalle in Altenkreith hat sie in der Hand. Und mit der Stahltür öffnet sie das Tor zu einem neuen Kapitel in der Familiengeschichte.

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