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Einen Doppelmord für die Mama

Die großen Schlagzeilen Ostbayerns: Vor 20 Jahren soll eine Mutter für den Tod ihrer Kinder bezahlt haben. Das Entsetzen darüber dauert bis heute an.
von Pascal Durain, MZ

  • Zwei Tage vor dem Weihnachtsfest wurden die Opfer der Bluttat beerdigt. Niemand hatte im Ort gedacht, dass einer ihrer Nachbarn zu so einer grausamen Tat fähig sein könnte. Foto: Archiv
  • Am 1. August 1995 schrieb die MZ: „Lebenslänglich für Kelheimer Auftragsmord“ Foto: Archiv

Kelheim/Regensburg.Am Samstagmorgen lagen die drei schon zwei Tage in ihrem Blut. Drei Kopfschüsse. Die Anwaltsgehilfin Anja T. (*) läuft aus ihrem Haus auf die Straße. Ihre Schreie hallen über die Hauptstraße in Unterwendling, einem Ortsteil Kelheims. Anja T. schluchzt: „Meine Kinder tot. Alles Blut. Die Mutter erschossen.“ Die Zeitungsausträgerin, die gerade vorbeikommt, kann es nicht fassen – die 27-Jährige sinkt in ihre Arme, schreit und schluchzt weiter. Ihre Mutter liegt tot im Hausflur, ihre dreieinhalbjährigen Zwillinge im Wohnzimmer. Das Mädchen ist tot. Ihr Bruder, der zwei Tage mit einer Kopfwunde auf dem Boden lag, kämpft Tage um sein Leben – und gewinnt. Es ist der 18. Dezember 1993, als diese Bluttat in Niederbayern ganz Deutschland schockiert. Doch alles Schluchzen, alle Verzweiflung – alles Schauspiel stellt sich später vor Gericht aus. Als Anja T. im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder die Hand ihres Sohnes berührt, bricht sie zusammen und gesteht. Die Regensburger Wochenzeitung „Die Woche“ schreibt „Mit Liebhaber Oma und Kinder beseitigt – Am Bett ihres Buben brach Mord-Mutter zusammen“.

Die Tragödie, das Unfassbare

Wer versucht, diese Tat zu begreifen, muss sich mit der Geschichte der Familie T. beschäftigen. Eine Tragödie für sich. Anja T.s Bruder starb bei einem Autounfall direkt vor dem Familienanwesen, Vater und Mutter widmeten ihm einen Schrein in seinem alten Zimmer, die Tochter ging kaputt an Totenkult und Ignoranz ihrer Eltern. Den Ermittlern sagte sie, ihr Großvater habe sie in ihrer Kindheit immer wieder missbraucht.

Anja T. gesteht vor der Öffentlichkeit, den Mord mit ihrem Liebhaber, dem arbeitslosen und 20 Jahre älteren Privatdetektiv Markus W., geplant zu haben. Ihre Kinder empfand sie als Last, für ihre Mutter nur Abscheu und Hass. Immer wieder verletzte sie sich selbst und plante immer wieder ihren Selbstmord. Zu Männern hatte die junge Frau aus einer der reichsten Familien der Gegend ein gestörtes Verhältnis. Mehr als 40 Liebhaber soll sie gehabt haben, um die Leere auszufüllen. Markus W. soll sie 30 000 Mark gegeben haben, um einen Auftragsmörder anzuheuern. Danach wollten die beiden nach Brasilien auswandern. Die Richter waren überzeugt: Markus W. hat selbst geschossen. Er selbst bestritt bis zuletzt jede Beteiligung an der Tat. Seine Verteidiger forderten Freispruch, da es an handfesten Indizien mangelte. Die Schmauchspuren an seiner Hand seien erst nach drei Tagen untersucht worden, die Waffe, mit der geschossen wurde, ist bis heute nicht gefunden worden. Im Besitz der Familie befand sich ein identisches Pistolen-Modell.

Am Montag, den 31. Juli 1995, verkünden die Richter nach einem monatelangen Prozess, der von einem Medienspektakel begleitet wurde, ihr Urteil: Markus W. muss lebenslänglich hinter Gitter, Anja T. für 14 Jahre. Während der „arbeitsscheue“ Mann nach dem Vermögen der Bauunternehmerwitwe getrachtet haben soll, wollte sich die junge Mutter von ihren „Lebensumständen zu befreien“.

„Das war mein erstes Lebenslänglich.“

Auch zwei Jahrzehnte später wirkt das Urteil noch nach – Rechtsanwalt Michael Haizmann fällt eines zuerst ein: „Das war mein erstes Lebenslänglich.“ Als er einen Leitzordner voller alter Zeitungsartikel auf seinem Konferenztisch in seiner Kanzlei im Regensburger Westen herausholt, kommen die Erinnerungen und die Stimme wird ruhiger – auch 20 Jahre nach der Tat bleibt es ein grausames Verbrechen, eine scheußliche Bluttat, die man nicht vergisst. „Wir standen mit dem Rücken an der Wand.“ Die Mitangeklagte belastete ihren Liebhaber schwer, die Medien ließen den Prozess keine Sekunde aus den Augen. „Dieser Prozess hat in einem auch nach Feierabend weiter gearbeitet.“

Haizmanns Mandant Markus W. sitzt noch immer hinter Gittern. Mittlerweile ist er 66 Jahre alt und gesundheitlich schwer angeschlagen.Ein kranker, alter Mann, sagt Haizmann, der ihn noch immer vertritt. W. wurde nicht nur zu lebenslänglich verurteilt, damals wurde auch die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Das heißt: Im August 2008, nach 15 Jahren Gefängnis, hätte W. sich darum bemühen können, seine Entlassung vorzubereiten. Tat es aber nicht. Haizmann holt das jetzt nach, um eine Mindestverbüßungsdauer festsetzen zu lassen. W. kann dann hoffen, in drei bis vier Jahren herauszukommen.

Eine Frau hat diesen Doppelmord aus einer anderen Perspektive erlebt – vor Gericht und im Briefwechsel mit der verurteilten Anja T.. Die Kelheimer Journalistin sagt, sie kannte eine andere T. als die, die auf der Anklagebank saß. Die Frau leitete einst die MZ-Redaktion in der Kreisstadt. Die Reporterin, die fast immer lächelt, kann bei dieser Geschichte aber nicht anders, als ruhig zu sprechen. Jahrzehnte lang ließ sie die Geschichte nicht los. Sie sah sich noch an dem Tag in Unterwendling um, als die Morde zunächst nur die Nachbarn und die Polizei schockierten. Sie war mit dem Ehepaar befreundet, das die Kanzlei führte, in der Anja T. arbeitete. Und noch heute reden sie oft über diese Geschichte. Die Journalistin sagt, die Anwaltsgehilfin sei freundlich, zuverlässig und ehrgeizig gewesen. Aber das, was in ihr vorging, sah man ihr natürlich nicht an.

„Sie hat ihren Weg gefunden“

Als die Polizei den Tatort tagelang untersuchte und Anja T. die Fragen der Ermittler beantwortete, recherchierten vor Ort alle großen Zeitungen der Republik. Eine Mutter, die töten lässt, hat es zuvor nicht gegeben. Die Kelheimer Reporterin fuhr zum Ort des Verbrechens und fand die Totenhemden, die Anja T. für ihre Zwillinge frisch gestärkt hatte. Für das Foto überboten sich die Kollegen – aber die Redaktion hat das Geld gespendet, sagt die Frau. „Das war wie Blutgeld.“ In einer Mülltonne entdeckte sie das Tagebuch der jungen Mutter, das die Polizisten schon weggeschmissen hatten. So erfuhr sie, wie düster es in der Angeklagten aussah – und dass die Sache nicht so schwarz-weiß war, wie von anderen berichtet.

Auch nach mehreren Jahren hinter Gitter schrieb Anja T. Briefe an die Kelheimerin. T. tat das, weil die Journalistin sie immer fair behandelt habe. T schrieb in schnörkelloser Handschrift, dass sie ihre Tat bereue und ganz genau wisse, dass ihr niemals vergeben werden könne. Sie sei nun ein anderer Mensch geworden und strebe nicht mehr nach Besitz.T. wolle nach ihrer Entlassung ihre Kräfte nur noch nutzen, um selbstlos zu helfen, um ein kleines Stück ihrer Schuld aufzuarbeiten. Ob sie ihr das glaubt, hat Kelheimerin noch nicht entschieden: „Ich weiß es nicht, ich habe mich schon einmal in ihr getäuscht.“ Irgendwann kamen keine Briefe mehr aus der JVA. Was aus der Schreiberin geworden ist, weiß sie nicht. 2009 hätte Anja T. spätestens wieder auf freiem Fuß sein müssen. Ihr damaliger Verteidiger, der Landshuter Jurist Hubertus Werner, sagt dazu nur, er sei froh, dass seine Mandantin draußen ist. „Sie hat ihren Weg gefunden.“

(*) Aus Rücksicht auf Angehörige und auch auf T.’s Resozialisierung, wurden die Namen der Beteiligten im Text verfremdet.

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