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Wirtschaft

Wöhrl: Greifen die neuen Konzepte?

Nach der Rettung ist es ruhig um das Modehaus. Ver.di kritisiert den neuen Eigentümer – der Betriebsrat ist optimistisch.
Von unserem Nürnberg-Korrespondent Nikolas Pelke

Der neue Firmenchef baut die Wäsche-Abteilung und Mode für Mollige aus. Foto: Nikolas Pelke

Nürnberg.Im Stammhaus des Traditionsunternehmens Wöhrl am Weißen Turm in Nürnberg hat sich auf den ersten Blick wenig verändert. Seit dem Frühjahr 2017 hat Christian Greiner das Sagen. Um den 38-jährigen ist es ruhig geworden, seitdem er das angeschlagene Modehaus von dem anderen Familienzweig um Gerhard Wöhrl, den ältesten Sohn des Firmengründers, übernommen hat.

Nur der Papa, Hans Rudolf Wöhrl, sorgte während der Pleite von Air-Berlin für Schlagzeilen. Auch Dagmar Wöhrl zeigte sich als „Löwin“ via Privatfernsehen regelmäßig in der Öffentlichkeit. Presseanfragen lässt der neue Chef mehrfach unbeantwortet.

„Ich habe den Eindruck, dass bei Wöhrl seit der Übernahme durch Christian Greiner nichts Entscheidendes passiert ist.“

Gabriele Ziegler, Ver.di

Das führt zur Kritik und macht besonders die Gewerkschaft skeptisch. „Ich habe den Eindruck, dass bei Wöhrl seit der Übernahme durch Christian Greiner nichts Entscheidendes passiert ist“, sagt die für den Einzelhandel in Mittelfranken zuständige Verdi-Mitarbeiterin, Gabriele Ziegler, auf Anfrage. Es sei zu hoffen, dass Greiner die Firma nicht nur mit warmen Worten schönreden und danach mit Gewinn wieder verkaufen wolle.

In der Belegschaft steige jedenfalls die Skepsis gegenüber der Unternehmensleitung, sagt Ziegler und verweist auf fehlende Investitionen. „Beim einzigen Treffen von Herrn Greiner mit den Gesamtbetriebsräten erkundigten sich diese nach den geplanten Investitionen und deren Höhe, wozu Herr Greiner angab, dass keine finanziellen Investitionen geplant sind.“

Ver.di: Es fehlen neue Konzepte

Neben frischem Geld fehlten ihrer Meinung nach auch neue Konzepte. Der neue Chef wolle lediglich mit Unterwäsche und Mode für Mollige die Attraktivität des Modehauses steigern. „Das ist für eine Firmenrettung in meinen Augen doch äußerst dürftig.“

Dagegen blickt Michael Tillmann nach der Wöhrl-Rettung optimistisch in die Zukunft. „Diese Information zur Begrüßung der Kunden haben wir sofort nach der Übernahme durch Christian Greiner wieder eröffnet“, sagt der Betriebsrat und zeigt auf eine „Info-Point“ genannte Rezeption mit einer freundlichen Mitarbeiterin im Eingangsbereich des Stammhauses der fränkischen Modekette Wöhrl.

Tillmann erinnert sich mit Schrecken an die Zeit der Insolvenz zurück. „Ich habe die Suche nach einem Investor live miterlebt. Heute kann ich nur sagen: Wir haben Glück gehabt, dass Christian Greiner und damit ein Spross der Familie Wöhrl den Zuschlag erhalten hat.“ Vier Modehäuser von Berlin über Roth, Nürnberg-Langwasser bis München-Neuperlach sind im Zuge der Beinahe-Pleite geschlossen worden. Zahlreiche Ex-Kollegen hätten sich einen neuen Job suchen müssen. Andere seien bei anderen Modehäusern mit dem berühmten Knopf als Markenlogo untergekommen.

„Wir Mitarbeiter müssen ein Bild der Harmonie in den Verkaufsräumen zeigen.“

Michael Tillmann, Betriebsratsvorsitzender

„Die alte Unternehmensführung hat Fehler gemacht“, sagt Tillmann und verweist auf ein ganz praktisches Beispiel aus dem Einzelhandel. „Wir sind mit der Kinderabteilung vom Untergeschoss wieder in den vierten Stock neben den Wickelraum mit den Toiletten umgezogen.“ Im Untergeschoss sei die Kinderabteilung unter der Ägide des alten Eigentümers Gerhard Wöhrl „völlig deplatziert“ gewesen.

Blickt optimistisch in die Zukunft: Michael Tillmann Betriebsratschef in seinem Büro im Wöhrl-Stammhaus.

Freilich gebe es noch viel zu tun, um das Mutterschiff in der Nürnberger Fußgängerzone wieder auf einen Erfolgskurs zu führen. „Wir müssen jetzt unsere Hausaufgaben machen“, ist sich Tillmann sicher und hat dabei besonders die rund 230 Beschäftigten im Stammhaus im Blick. Vieles werde von ihrem Engagement abhängen, ob das neue Konzept von Christian Greiner mit einem Fokus auf Mode für Mollige und einer größeren Unterwäsche-Abteilung aufgehe. „Wir Mitarbeiter müssen ein Bild der Harmonie in den Verkaufsräumen zeigen.“

Kontraproduktiv seien Debatten über die Bezahlung. Die Gewerkschaft fordert die Einführung eines Tarifvertrages für die Mitarbeiter. Die neuen Eigentümer setzen weiterhin auf eine erfolgsorientierte Bezahlung mit Grundgehältern und Bonuszahlungen für gute Einzelleistungen von Verkäufern. Auch Christian Greiner setzt auf das Prämienmodell. Dadurch verdienen sehr viele Mitarbeiter mehr Geld als sie in einem Tarifvertrag bekommen würden. Der Einfluss der Gewerkschaft sei in dem Familienunternehmen niedrig.

Debatte um die Gehälter

„Bei uns sind nur fünf bis zehn Prozent der Mitarbeiter in der Gewerkschaft.“ Diese kritisiert die ihrer Meinung nach niedrigen Stundenlöhne und wirft dem neuen Eigentümer „weiterhin Tarifflucht“ vor. Verkäufer bei Wöhrl bekommen rund zwölf Euro pro Stunde plus Verkaufsprämien ab einem gewissen Mindestumsatz.

„Wir wollen bei diesen ständigen Rabattschlachten nicht mehr mitmachen.“

Michael Tillmann, Betriebsratsvorsitzender

Die Stimmung in der Belegschaft sei wieder positiv im Stammhaus, sagt dagegen Tillmann im Gespräch mit der MZ. Dazu beigetragen hätten auch die neuen Konzepte des neuen Eigentümers. „Wir machen wieder mehr Werbung. Wir veranstalten wieder viele Events. Hier tut sich wieder etwas. Wir sind das Stammhaus. Wir müssen von allen Wöhrl-Häusern das allerbeste sein.“

Das wirtschaftliche Klima sei im Einzelhandel durch die wachsende Konkurrenz aus dem Internet freilich schwieriger geworden. „Wir wollen uns vom Online-Handel fernhalten. Wir wollen bei diesen ständigen Rabattschlachten nicht mehr mitmachen.“ Wöhrl wolle durch guten Service und gute Beratung punkten.

Positiv sei laut Tillmann, dass die Konzernzentrale „massiv verkleinert“ werden soll. Ab April soll die Verwaltung neue Büros in Nürnberg beziehen. Dadurch könnten hohe Mieten eingespart werden. Befürchtungen, dass der neue Eigentümer die Modemarke bald gewinnbringend verkaufen könnte, teilt Tillmann nicht. „Wir feiern im nächsten Jahr das 85-jährige Bestehen des Familienunternehmens Wöhrl. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Familie Wöhrl zu ihren Häusern steht.“

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Fränkisches Modehaus mit Tradition

  • Gründung:

    Mit dem Herrenmodeladen „Zetka“ (Zuverlässige Kleidung) startet Rudolf Wöhrl 1933 in Nürnberg. Nach dem Krieg eröffnet Rudolf Wöhrl das Stammhaus am Weißen Turm. Während des Wirtschaftwunders wächst das Unternehmen rasant. 1970 übergibt es Rudolf Wöhrl an seine Söhne Gerhard und Hans Rudolf. Letzterer steigt 2002 aus dem operativen Geschäft aus.

  • Turbulenzen:

    2010 hört Gerhard Wöhrl als letzter Vertreter der zweiten Generation des Familienunternehmens auf. Mit seinem Sohn Olivier Wöhrl bleibt die Unternehmerfamilie im Aufsichtsrat vertreten. Vom 1. Januar 2012 bis 31. Dezember 2016 übernimmt Olivier Wöhrl die Position des Vorstandsvorsitzenden der Rudolf Wöhrl AG.

  • Neuanfang:

    Sinkende Umsätze und Erträge bringen das Unternehmen in Bedrängnis. Im September 2016 beantragt Wöhrl ein Schutzschirmverfahren, um in Eigenregie eine drohende Insolvenz zu verhindern. Christian Greiner, Sohn von Hans Rudolf und Enkel des Firmengründers, übernimmt das Unternehmen.

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