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Ein Braumeister, der mit der Zeit geht

Heinrich Prössl ist der Wirt vom Adlersberg, Chef der Prössl-Brauerei und vor allem: ein leidenschaftlicher Unternehmer.
Von Michael Scheiner, MZ

Heinrich Prössl, Braumeister und Gastwirt in der fünften Generation.
Heinrich Prössl, Braumeister und Gastwirt in der fünften Generation. Foto: Scheiner

Adlersberg.Wo sein Handy gerade liegt, kann er nicht sagen. Ein Smartphone? Nein, das kommt bei ihm weder in die Tasche und erst recht nicht in die Hand, „wo jeder nur draufstarrt“. „Wer etwas von mir will, kann mich anrufen. Oder er kommt vorbei und red’t mit mir!“ Man könnte ihn für altmodisch halten. Den Wirt vom Adlersberg, Chef der Prössl-Brauerei, des gleichnamigen Ausflugslokals und eines kleinen Hotels. Und dann raucht Heinrich Prössl, Braumeister und Gastwirt in der fünften Generation, auch noch. „Wie uncool“, würden vielleicht seine Enkel sagen. Die aber lassen noch einige Jahre auf sich warten. Wenn sie denn überhaupt kommen. Die Töchter des Diplom-Braumeisters besuchen allesamt noch bienenfleißig die Schule bei den „Englischen“, wie die St.-Marien-Schulen heute noch bei den Regensburgern heißen.

Wald wird selbst bewirtschaftet

Für den Wald aber hat Prössl noch Maschinen in der Scheune stehen.
Für den Wald aber hat Prössl noch Maschinen in der Scheune stehen. Foto: Scheiner

Aber man muss gar nicht lange forschen, um zu erkennen, dass der 1958 geborene Gastronom, der heuer 58 geworden ist, alles andere als von gestern ist. Bei einer Modernisierung vor einigen Jahren hat er die Versorgung seines Betriebs mit Energie auf Hackschnitzel und Blockheizkraftwerke umgestellt. Das Hackgut gewinnt er aus dem eigenen Wald. Den bewirtschaftet er noch selbst – mit großer Leidenschaft. Die Landwirtschaft, während seiner Kindheit und Jugendzeit noch ein bedeutender wirtschaftlicher Bestandteil des Prössl-Betriebes, hat schon der Vater aufgegeben, die meisten Flächen sind verpachtet.

Für den Wald aber hat er noch Maschinen in der Scheune stehen. „Kommen’s mit“, geht er mit großen Schritten auf den Stadl auf der Nordseite des Anwesens zu und zieht das Tor auf. Strohballen rechts, in der Mitte ein Traktor, dahinter verschiedene Maschinen zur Bearbeitung und zum Transport. „Morgen fahr’ ich raus ins Holz“, kündigt er an, „deshalb hängt die Batterie am Ladegerät und muss noch geladen werden“. Gleich neben der Scheune steht der wieder aufgebaute Zehentstadel, Teil der historischen Klosteranlage der Dominikanerinnen.

Heute wird er für Veranstaltungen, Feste und größere Feiern genutzt. Als historisches Erbe der Hofmark durften die lange verfallenen Teile des denkmalgeschützten landwirtschaftlichen Gebäudes nicht abgerissen werden. Aber auch ein Wiederaufbau mit geänderter Nutzung scheiterte lange am Veto der zuständigen Denkmalschützer. Die hartnäckig geführte Auseinandersetzung um den brachliegenden Zehentstadel endete erst mit einem Wechsel in der Leitung der Behörde. Beim Wiederaufbau legte Prössl selbst Hand an, mauerte den rechteckigen Grundriss wieder mit auf. Die mächtigen Dachbalken aus Lärchenholz holte er aus dem eigenen Waldbestand, insgesamt 261 Festmeter. 2013 dann konnte mit einer komödiantischen Aufführung von Werken Orlando di Lassos durch das Ensemble Stimmwerck fröhlich Eröffnung gefeiert werden.

Kult-Veranstaltung: alljährlich findet auf dem Adlersberg der Palmator-Anstich statt.

Die Stimmwerck-Tage stehen seit über zwölf Jahren fest im Jahreskalender des vielseitigen Gastro-Managers. Anfänglich war er noch etwas skeptisch, als das Sängerensemble ehemaliger Domspatzen mit der Idee für dieses mehrtägige Event zu ihm kam. Liebhaber alter Musik gehören nicht unbedingt zum Stammpublikum des bodenständigen Wirtshauses. Andererseits war Prössl nie einer, der zauderte. Vielmehr ließ er sich immer auf Neues ein, war offen und zugänglich für Ideen und Vorhaben – solange sie unideologisch waren. Bereits 1984, kurz nachdem er das väterliche Erbe angetreten hatte, fand auf dem großen Gelände das 1. Adlersberger Jazzfestival mit Albert Mangelsdorff und Charlie Antolini statt. Selbiges ging auf eine Initiative der Jazzclub-Kneiting-Wirtsleute zurück. Leider blieb es einmalig, Uli und Lu Teichmann mussten bald danach ihren Club dichtmachen.

„Wichtig ist mir, dass der Betrieb auf soliden Beinen steht und ich den Gästen ein gescheites Essen und frisches Bier zu moderaten Preisen anbieten kann.“ Heinrich Prössl

Prössls pragmatische Weltoffenheit und Zugewandtheit entspringen weniger ökonomischen Interessen, auch wenn diese durchaus eine Rolle spielen können, wenn es darum geht, neues Publikum zu erschließen. Neben familiären Gründen ist es vor allem die Umbruchszeit der 68er Jahre, die den „teilweise renitenten Schüler“ geprägt haben: „Wir waren mittendrin!“ Vor allem am AMG, dem vormals Alten Gymnasium, als er das dortige Schülerheim St. Emmeram wegen „fortgesetzter Unverträglichkeit mit der Heimordnung“ nach einigen Jahren verlassen musste, hat er „jede Autorität abgelehnt“.

Dabei war die Schulzeit für ihn eine „schöne Zeit“. Denn war er damals zuhause, hieß es für ihn „nur arbeiten, von früh bis spät“. Zwar macht er das heute auch, beginnt um acht Uhr sein Tagwerk und legt vor 20 Uhr abends den Stift nie aus der Hand – oder lässt den Zapfhahn los, an dem er täglich Stunden steht. Doch heute ist es der eigene Antrieb, das „Unternehmen am Laufen zu halten und weiterzubringen“, der ihn davon abhält, wie andere normal Urlaub zu machen. Mit seiner Frau ist er noch nie weg, mit seinen drei Töchtern einmal beim Skifahren gewesen.

Durch die Welt gekommen ist er trotzdem. Das war, bevor familiäre Verpflichtungen und Aufgaben seine Lust am Reisen und Entdecken erst einmal gestoppt haben. Zweimal ist er durch die USA gefahren, wo heute in New York eine seiner beiden Schwestern lebt. In Afrika hat er verschiedene Regionen besucht und kennengelernt, Australien und Südamerika jeweils einmal bereist.

Morgens schaut Heinrich Prössl bei seinem Braumeister vorbei.
Morgens schaut Heinrich Prössl bei seinem Braumeister vorbei. Foto: Scheiner

Neugier ist noch immer da

Obwohl er heute als Jäger das Gemeindejagdrevier Pettendorf betreut, hat er sich bei seinen Afrika-Reisen nie als Trophäenjäger gesehen. Bei allen Reisen war sein Antrieb, „Menschen und Landschaften kennenzulernen“. Gepackt von Abenteuerlust und Neugier hat er sich vom Anblick der großen Tiere in Namibias Etosha-Nationalpark ebenso überwältigen lassen wie von den Landschaften Nordamerikas. Neugier und Lust auf Entdeckungen sind immer noch da. Seit es allerdings mit dem Reisen während der ruhigeren Wintermonate vorbei ist, hat sie sich verlagert. Anstelle von Flugzeug, Jeep oder Bus reist Prössl heute mit dem Kopf. Als regelmäßiger Leser von „Bild der Wissenschaft“, dem „Spiegel“ und der Zeitung „Die Welt“ füttert der tatkräftige Unternehmer seine Sinne heute lesend und bereist unbekanntes Terrain gedanklich.

Anderes, was ihn interessiert, kommt – wie die Stimmwerck-Tage – manchmal von selbst. Seit einigen Jahren kann er so sein Interesse am Mittelalter, den handwerklichen Techniken und materiellen Grundlagen vom Brot backen bis zum Schmieden, am Mittelalter-Markt ausleben. Dieser fand erst kürzlich wieder auf dem Adlersberg statt. Das Gelände mit der von der Klosteranlage noch vorhandenen Ummauerung bietet sich für solche Vorhaben geradezu an und wird von Besuchern und Gästen auch eifrig genutzt. Ansonsten leben die Prössls und ihre knapp vierzig Angestellten von Ausflugsgästen und den vielen Radreisenden, die hier gern Einkehr halten. Den aufwändigen Betrieb einer Bierzeltwirtschaft hat er vor wenigen Jahren eingestellt und das Zelt verkauft, mit dem er jeden Sommer von Volksfest zu Volkszelt gezogen ist.

Immer neue Vorschriften

Zu schaffen machen dem zupackenden Unternehmer „zu viele Vorschriften und Bestimmungen“, die „kleinen Betrieben an die Existenz gehen können“. „Jedes Jahr kommen neue dazu und wieder Kontrolleure“, die nur kommen, schauen und „dafür unser Geld kassieren“. Dennoch hat sich der „Heini“ oder Heiner, wie viele Gäste den Prössl-Wirt nennen, nie politisch engagiert, wie der „meist abwesende Vater“. Wichtig war ihm immer, dass der Betrieb auf soliden Beinen steht und er den Gästen ein „g’scheits Essen und frisches Bier zu moderaten Preisen“ anbieten kann.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische am Wochenende erstmals exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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