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Ein feuchtes Loch als Lebensretter

Ein Felsenkeller bei Tegernheim diente im Zweiten Weltkrieg bis zu 800 Personen als Luftschutzraum bei Bombenangriffen.
Von Fritz Winter, MZ

  • Der Tegernheimer Ortsheimatpfleger Manfred Käufl im Inneren des einstigen Luftschutzkellers: Das verrostete Maschinenteil diente einst der Luftversorgung der Menschen, die hier Zuflucht suchten. Foto: Gabi Schönberger
  • Der Felsenkeller wurde in den Sandstein geschlagen. Foto: Gabi Schönberger
  • Gäste im Tegernheimer Sommerkeller in der Zeit des Biedermeier Foto: Gabi Schönberger
  • Der Zugang zum Tegernheimer Felsenkeller ist heute gesperrt. Foto: Gabi Schönberger

Tegernheim.Manfred Käufl ist ein „Bunkerkind“. Erinnern kann sich der Tegernheimer Ortsheimatpfleger zwar nicht mehr daran, weil er im Dezember 1944 gerade einmal neun Monate alt war. Aber immer, wenn im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges im Raum Regensburg Fliegeralarm gegeben wurde – und das war nicht selten der Fall –, schleppten ihn seine Großmutter und seine Mutter aus dem Ort hinauf an den Keilsteiner Hang. Hier befand sich ein großer Felsenkeller, der tief in den Sandstein getrieben war. Notdürftig war er vor allem für die Beschäftigten der Süddeutschen Holzverzuckerung AG in Schwabelweis, die künstliche Treibstoffe herstellte, zum Luftschutzbunker ausgebaut worden. Auch die Bevölkerung fand darin Schutz. Bis zu 800 Menschen waren hier vor den amerikanischen Bomben, die auf Stadt und Industrieanlagen fielen, in Sicherheit.

In der Tiefe ist Vorsicht geboten

70 Jahre später stehen Käufl und der Regensburger Geologe Dr. Helmut Wolf wieder auf dem Gelände des einstigen Tegernheimer Sommerkellers vor dem betonierten Bunkereingang. 20, 25 Stufen führen in die feuchte, düstere Tiefe. Im Berg öffnet sich ein rund 150 Quadratmeter großer, zwischen drei und sieben Meter hoher Raum. Nur mühsam durchdringen die Taschenlampen die Finsternis – eine elektrische Beleuchtung gibt es nicht. Am Boden liegt ein großes, verrostetes Maschinenteil. „Damit wurde Luft in den Keller gepumpt, wenn er bei Alarm mit Menschen vollgestopft war“, sagt Manfred Käufl.

Bei jedem Schritt muss man vorsichtig sein. Aus dem Boden ragen massive Eisen, an denen während der Bunkerzeit der Holzfußboden festgeschraubt war. Es gab Sitzbänke, teilweise über Etagen gestapelt. Ganz am Ende gibt es einen Notausgang. Eine Lebensversicherung, sollte ein Volltreffer den Eingang verschütten. Die Situation ist beklemmend: Fast glaubt man, draußen die Luftschutzsirenen heulen zu hören. Nur die Fledermäuse, die kopfüber vom Felsen hängen, lassen sich nicht stören. Sie verbringen hier den Winter.

Der Schicksalstag für Tegernheim

Der 9. Dezember 1944 war für die Regensburger Stadtrandgemeinde Tegernheim ein Schicksalstag. Gegen 10 Uhr vormittags wurde Luftalarm gegeben. Die 15. US-Luftflotte flog mit 170 „Fliegenden Festungen“ und „Liberator“-Bombern von Italien kommend in das Reichsgebiet ein. Ihr Ziel war der Regensburger Ölhafen. Wegen einer dichten Wolkendecke hatten die Bombenschützen aber große Zielschwierigkeiten. Insgesamt 420 Sprengbomben, jeweils 225 Kilogramm schwer, trafen Tegernheim und die umliegenden Fluren.

Die Verwüstungen waren laut einem Augenzeugenbericht von Pfarrer Johann Kuhn grauenhaft. Manche Anwesen waren komplett ausradiert. Es gab Todesopfer. Die Holzverzuckerung wurde getroffen und für zwei Wochen lahmgelegt. Der neun Monate alte Manfred Käufl und die Schicksalsgemeinschaft im Felsenkeller kam ungeschoren davon. Das dunkle, feuchte Loch hatte den Menschen wieder einmal das Leben gerettet.

Wann der Felsenkeller in den Sandstein am Keilberger Hang gegraben wurde, lässt sich anhand des noch vorhandenen Archivmaterials nicht mehr feststellen. Wahrscheinlich entstand er im Zusammenhang mit dem Weinbau an den Donauhängen, der auf die Römerzeit zurückgeht und im Mittelalter seine Blüte erreichte.

Wohlbekanntes Ausflugslokal

Der ehemalige Tegernheimer Sommerkeller, in dessen Nähe er liegt, wird erst viel später erwähnt. Etwa um 1818 soll das Ausflugslokal in der ganzen Gegend schon wohlbekannt gewesen sein. Der Dichter Eduard von Mörike nennt ihn anlässlich eines Besuches in Regensburg im Sommer 1850. Nach Ansicht von Fachleuten war der Felsenkeller aber kein klassischer Bierkeller der Tegernheimer Brauerei, sondern er wurde höchstens als Lager für die Gaststätte benutzt.

In der Nachkriegszeit sind Bunker und Keller in Vergessenheit geraten. Erstmals wieder für die Öffentlichkeit zugänglich war er anlässlich eines Tages des offenen Denkmals vor zehn Jahren. „Es gab einen riesigen Andrang, die Veranstaltung war ein voller Erfolg“, erinnert sich Manfred Käufl. Weil die Behörden einen Teil des Felsenkellers als einsturzgefährdet ansehen, ist das Betreten derzeit nicht möglich. Allerdings gibt es unter anderem beim Tegernheimer Heimat- und Geschichtsverein Überlegungen, dieses bedeutende Zeugnis der Ortsgeschichte in einer noch nicht bekannten Art zu präsentieren.

Der Felsenkeller, so findet der Regensburger Geologe Dr. Helmut Wolf, könnte vortrefflich in den Geopfad „Tegernheimer Schlucht – Fenster zur Erdgeschichte“ integriert werden. Dieser im Jahr 2000 eröffnete Lehrpfad stellt die außergewöhnlichen geologischen Strukturen in den Mittelpunkt, die genau an dieser Stelle zutage treten. Genau hier trifft das kristalline Grundgebirge aus der Erdfrühzeit im Osten auf das erdmittelalterliche Schichtstufenland im Westen und auf das aus der Erdneuzeit stammende Molassebecken im Süden.

Die Umgebung des Felsenkellers gehört laut Wolf zu den „geologisch interessantesten Lokalitäten Deutschlands“. Noch befindet sich der ehemalige Sommerkeller in Privatbesitz. Wenn er in öffentliche Hände käme und zugänglich würde, wäre dies nach Ansicht von Experten ein Gewinn für die Region.

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