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Wallraff legt Pater Emmeram aufs Kreuz

In den 1970ern spukte es im Kloster Prüfening. Schuld war der Besuch eines Enthüllungsjournalisten. Die WOCHE berichtete.

Pater Emmeram lebte bis zu seinem Tod im Kloster Prüfening.
Pater Emmeram lebte bis zu seinem Tod im Kloster Prüfening.Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Pater Emmeram, der einzige Mönch im zum Kloster umbenannten Schloss Prüfening, geborener von Thurn und Taxis und Onkel des lebenslustigen Johannes, war in Regensburg als gottesfürchtiger und bescheidener Mann bekannt und wird auch nach seinem Tod von so manchem frommen Mütterchen noch verehrt. Doch einer, der ihm wohl näher kam als alle anderen Menschen, vielleicht ausgenommen seine adelige Verwandtschaft, schildert einen anderen Pater: Günter Wallraff. Der Enthüllungsreporter hatte sich als Novize bei dem Mönch eingeschlichen. Und die WOCHE erfuhr nach der „Flucht“ des Journalisten aus dem Kloster von dessen Coup.

Geisterstunde im Kloster

So titelte die Woche 1971 über den Besuch des Enthüllungsjournalisten.
So titelte die Woche 1971 über den Besuch des Enthüllungsjournalisten.

Wallraff stellt den Geistlichen als raffgierigen Menschen dar, der quasi als Erbschleicher ein Millionenvermögen zusammenraffte: 3,5 Millionen Mark, wie sich nach seinem Tod herausstellte. Beweis: Pater Emmeram habe ihn erst als Novizen akzeptiert, als er eine Erbschaft über 100 000 Mark in Aussicht gestellt hatte. Dem WOCHE-Redakteur gegenüber stellte der damals erst 28-jährige Wallraff, der zehn Tage lang mit einem weiteren Journalisten im Kloster Prüfening wohnte, den Geistlichen als „Konzentrat aus Kirche, Kapital und Adel“ dar. „Als Mensch tut er mir sogar leid in seiner Situation.“

Nun, davon war während des Aufenthaltes im Kloster wenig zu spüren. Immerhin setzte er mit Tonbandgerät und Lautsprecher mit Halleffekt einen Spuk in Gang, der den armen Geistlichen ganz schön erschreckte. Da ließ er Gott höchst selbst dem Pater die Leviten lesen: „Ich bin der Herr, dein Gott. Emmeram, mein Knecht, beuge deine Knie; du mein abgefallener Sohn, tue Buße. Leg ab deine Habgier. Was du und deine Ahnen dem Volke nahmen, lass nun des Volkes eigen sein! ...“

„Das war nicht Gott!“

Pater Emmeram konnte sich allerdings nicht vorstellen, dass Gott es war, der die Herausgabe des Vermögens wünschte. „Das war nicht Gott, so spricht nicht Gott. Das war ein vom Teufel besessener oder der Satan selbst.“

Wallraff dazu in der WOCHE: „Pater Emmeram spricht weniger über Gott als über seinen Besitz; neun Zehntel seiner Ausführungen beschäftigen sich mit Erbteilen, die er in Aussicht hat, ein Zehntel mit Gott.“ Doch wie so oft: Die Legende blieb stärker als die Wahrheit. Auch als die Geschichte des Undercover-Journalisten bekannt wurde, und sein Buch mit Bernd Engelmann „Ihr da oben – wir da unten“, in dem die Geschichte ebenfalls erschien, zur Bibel der bundesdeutschen Gesellschaftskritik wurde, erlitt das Ansehen des Paters in Regensburg keinen Schaden.

Diejenigen, die die Geschichte glaubten, hatten Ähnliches schon vermutet, und die anderen glaubten dem „linken Schmierfinken“ einfach nicht. Und Pater Emmeram selbst kommentierte den Journalistenbesuch seinerzeit so: „Ach, da habe ich ja Leidensgefährten.“

Lesen Sie nochmals alle Teile unserer WOCHE-Serie hier nach:

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