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Das „Sachsenwerk“ steht unter Spannung

Das Regensburger Unternehmen wird 25 Jahre alt – am „neuen“ Standort. Trotz etlicher Eigentümerwechsel strotzt es vor Kraft.
Von Christine Hochreiter, MZ

Das Sachsenwerk hat seit seiner Gründung mehrmals den Besitzer gewechselt. Trotz allem ist der Standort in Regensburg erhalten geblieben und erfreut sich ertragreicher Aussichten für 2016. Die MZ-Bildergalerie zeigt die Etappen des Unternehmens seit der Eröffnung 1903.

Regensburg.AEG, Alstom, Areva, Schneider Electric: Im Laufe der Jahrzehnte wechselte mehrfach der Besitzer, doch das „Sachsenwerk“ ist – zumindest als Teil des Namens – geblieben. An diesem Donnerstag feiert man im Regensburger Stadtosten ein Jubiläum. Das „neue“ Sachsenwerk in der Rathenaustraße wird 25 Jahre alt.

Vertriebsleiter Erich Holzner ist seit 30 Jahren bei dem Unternehmen beschäftigt und kann sich noch genau an den Umzug vom alten Standort in der Einhauser Straße nach Burgweinting erinnern: „Nach vielen Jahren in einer alten und oft umgebauten und erweiterten ehemaligen Kaserne durften wir in ein modernes Technologie-Zentrum auf der grünen Wiese umziehen. Das war ein tolles Gefühl für alle Mitarbeiter. Wir verspürten alle eine Art Aufbruchstimmung.“

100 Mitarbeiter meistern den Umzug

Rund 50 Millionen Euro investierte AEG damals in Regensburg. Nach Ansicht von Holzner war bei der Entscheidung zugunsten eines neuen Standorts in der Oberpfalz durchaus etwas Glück im Spiel: „Im gleichen Zeitraum hatten sich die innerdeutschen Grenzen geöffnet und das hätte auch anders aussehen können.“ Über 100 Mitarbeiter kümmerten sich 1991 um den Umzug – bei laufender Fertigung. Doch „alles funktionierte wie am Schnürchen“, so der Manager. Zuvor waren bereits im alten Werk im Rahmen eines Projekts mit dem Namen „Fabrik ‘91“ völlig neue Produktionsverfahren erprobt worden. Dazu gehörten auch die neuen „autonomen Produktcenter“. In diesem Modell sollten die Mitarbeiter mehr Verantwortung übernehmen. Für die neuen Aufgaben wurden sie entsprechend geschult.

Die Stadt ist „sehr froh, das Unternehmen Schneider Electric in Regensburg zu haben.

Der Regensburger Wirtschaftsreferent Dieter Daminger

Erich Holzner selbst kam vor drei Jahrzehnten aus München nach Regensburg und begann seine Karriere als Vertriebsingenieur und Projektleiter für Schaltanlagen zur Stromverteilung. Heute ist er mit einem „bunten Team“ von rund 70 Ingenieuren und Technikern aus über 20 Ländern für den Vertrieb zuständig („Auf Neu-Deutsch heißt das Sales Support“).

Das Regensburger Sachsenwerk

  • Start:

    Gegründet wird das Unternehmen 1903 als Sachsenwerk Licht- und Kraft-Aktiengesellschaft 1903 in Niedersedlitz bei Dresden. Es entwickelt sich bis zum Ersten Weltkrieg zu einem bedeutenden Unternehmen der Elektrotechnik. Das Sachsenwerk baut unter anderem Motoren, Generatoren und Schaltanlagen. Die Aktienmehrheitwird 1930 von der Allgemeinen Electricitäts Aktiengesellschaft AEG übernommen.

  • Erweiterung:

    Im Jahr 1946 startet in Regensburg-Burgweinting in einer kleinen Werkstatt die Produktion – zunächst mit dem Bau von Transformatoren und dann von Mittelspannungs-Schaltgeräten. 1949 erfolgt der Umzug von Burgweinting in die Einhauserstraße. Dadurch wird die Kapazität der Produktion erweitert.

  • Umzug:

    Ein großer Sprung passiert schließlich im Jahr 1991: In diesem Jahr wird das neue Technologiezentrum für Mittelspannungstechnik („Fabrik 91“) im Industriegebiet Burgweinting eröffnet – als modernste Mittelspannungs-Schaltanlagenfabrik Europas.

  • Eigentümer:

    Der französische Alstom-Konzern übernimmt 1996 die Aktivitäten der ehemaligen AEG Energieübertragung und -verteilung und somit auch das Regensburger Mittelspannungswerk. Das Sachsenwerk bekommt 2004 mit dem französischen Nuklearkonzern Areva einen neuen Eigentümer. Schneider Electric wird 2010 neuer Eigentümer. Die Regensburger Mittelspannungstechnik firmiert als „Schneider Electric Sachsenwerk GmbH“.

Sein Aufgabenbereich: die Beratung von Kunden aus der ganzen Welt, das Projektieren und Kalkulieren von Schaltanlagen sowie die Projektbetreuung von der Herstellung bis zur Inbetriebnahme. Holzner: „Wir verkaufen unsere weitreichend digitalisierten Produkte in rund 80 Länder auf allen Kontinenten.“ Das Regensburger Team sei als Spezialist für Mittelspannungs-Schaltanlagen weltweit bestens mit der Schneider Electric Vertriebsorganisation in mehr als 100 Ländern vernetzt. Dies sei auch nötig, denn inzwischen liegt der Exportanteil bei über 70 Prozent, vor 25 Jahren waren es erst zehn Prozent.

Die größten Wettbewerber

Die Schaltanlagen aus dem Sachsenwerk werden in allen Bereichen der Energieversorger, der Industrie und bei Infrastrukturprojekten eingesetzt. Es gibt aber auch viele neue Spezialanwendungen. Der Vertriebsleiter: „Ganz groß vertreten sind wir inzwischen auch im anspruchsvollen Offshorebereich, also bei Windparks im Meer.“ Anlagen aus dem Sachsenwerk treiben Luxusschiffe an, verrichten ihre Arbeit auf 4000 Meter Höhe in einer Kupfermine in Chile und in 1200 Meter Tiefe in einem Bergwerk von Kali und Salz.

Holzner scheint ein guter Vertriebler zu sein: „Wir liefern wegweisende Produkte für die Energieverteilung und Dienstleistungen, die überzeugen. Es war und ist immer unsere Stärke, für unsere Kunden einen Mehrwert beim Einsatz unserer Technik aufzeigen zu können“, sagt er über die Produkte. Die größten Wettbewerber sind im Übrigen über die Jahre gleichgeblieben: Es sind immer noch Vor allem Siemens und ABB.

Kennzahlen heißen heute anders

Spezialisten für Mittelspannungstechnik: Der französische Konzern Schneider Electric beschäftigt in Regensburg rund 850 Mitarbeiter.
Spezialisten für Mittelspannungstechnik: Der französische Konzern Schneider Electric beschäftigt in Regensburg rund 850 Mitarbeiter.Foto: Schneider Electric

Vor 25 Jahren hatte das Sachsenwerk noch rund 1200 Mitarbeiter, heute sind es 850. Der Umsatz ist seit 1991 um fast das Vierfache gestiegen. In diesem Jahr rechnet das Unternehmen mit einem leichten Wachstum auf rund 185 Millionen Euro. In dem vergangenen Vierteljahrhundert hat sich aber noch einiges andere geändert. Vor 25 Jahren war die Unternehmenssprache noch überwiegend deutsch. „Inzwischen ist der Firmensound auch bei uns international“, sagt Holzner. Aktuell beschäftigt der französische Schneider-Electric-Konzern in Regensburg Mitarbeiter aus 25 verschiedenen Nationen – besonders viele in Vertrieb und Entwicklung. Wörter wie Umsatz oder Gewinn gehörten längst der Vergangenheit an, so der Vertriebschef des Sachsenwerks: „Wer heute Kennzahlen meint, der spricht von KPIs (Key Performance Indicators).“

Der Regensburger Wirtschaftsreferent Dieter Daminger hat das Unternehmen und seinen Umzug von Anfang an intensiv begleitet – von der Idee der Erweiterung bis zum heutigen Tag. Das Sachsenwerk habe sich unter den verschiedenen Eigentümern immer positiv entwickelt und die Stadt sei „sehr froh, das Unternehmen Schneider Electric in Regensburg zu haben“, sagt der Wirtschaftsförderer auf Anfrage unseres Medienhauses. Dies gelte sowohl für die Beschäftigtenzahl als auch für die Technologie und die Internationalität.

Das Ende des Brotzeitholens

Vor 25 Jahren war die neue Fabrik das modernste Werk für Mittelspannung-Schaltanlagen und -geräte in Europa. Im Laufe der Zeit wurde dieses permanent modernisiert. Holzner sieht das Sachsenwerk daher auch hervorragend für die Zukunft aufgestellt. Ständige Verbesserungen bei Abläufen und Technologien aber auch bei den Kosten bürgten auf dem hartumkämpften Weltmarkt für eine sehr gute Marktposition.

Die Sachsenwerk-Familie verbindet Holzner zufolge früher wie auch noch heute ein stark ausgeprägtes Wir-Gefühl. Viele Mitarbeiter seien schon lange – im Schnitt sind es 22 Jahre – bei dem Energietechnik-Unternehmen beschäftigt und die Fluktuationsrate sei nach wie vor niedrig.

Die französische Wirtschaftswelt

Das Jahr 2016 bedeutet aber noch ein anderes Jubiläum: Seit nunmehr 20Jahren ist das Regensburger Sachsenwerk Teil der französischen Wirtschaftswelt. Für Holzner war das kein Kulturschock. Bei den jeweiligen Mentalitäten kann er denn auch „keine allzugroßen Unterschiede“ erkennen. Und dass man in Frankreich etwas zentralistischer tickt als in anderen Nationen ist hinlänglich bekannt. Der Vertriebschef rechnet nicht damit, dass es in Regensburg auf absehbare Zeit wieder einen Eigentümerwechsel geben wird. Das Sachsenwerk sei stark beim Energiemanagement – ein Mega-Thema im Schneider-Electric-Konzern. Der Manager: „Wir verteilen Energie und sorgen dafür, dass die richtige Menge ans Ziel gelangt. Und das wird eher noch wichtiger.“

An den sehr kalten Wintertagen haben wir die Halle öfter mal mit dem Schweißbrenner zusätzlich aufheizen müssen.

Ein ehemaliger Auszubildender erinnert sich an die Zeit vor dem Umzug

Wieviel sich in den Firmen und der Gesellschaft in 25 Jahren bewegt hat, zeigt der Rückblick auf 100 Jahre Ausbildung in der Firmenchronologie: „Im Jahr 1990 wurde die Prozedur des Brotzeitholens für die ganze Ausbildungswerkstatt durch das 1. Lehrjahr letztmalig durchgeführt und mit dem Umzug in die neue Fabrik endgültig aufgehoben.“ Und: „Weil man am Ende des alten Werks dort nichts mehr in neue Einrichtungen investieren wollte, lief im Sommer die Heizung, und es musste gelüftet werden. An den sehr kalten Wintertagen haben wir die Halle öfter mal mit dem Schweißbrenner zusätzlich aufheizen müssen.“

E-Mails und das Internet sind aus der heutigen Arbeitswelt kaum wegzudenken. Kaum vorstellbar, dass die ersten elektronischen Nachrichten im Sachsenwerk erst ab Ende 1996 empfangen und gesendet werden konnten. Die Welt verändert sich rasant – und das Regensburger Sachsenwerk mit.

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