Geschichte
Archäologen graben an allen Ecken

Die vielen Baustellen in Neumarkts Altstadt ermöglichen den Archäologen ungewöhnliche Einblicke in Neumarkts Entwicklung.

05.07.2018 | Stand 16.09.2023, 6:08 Uhr |

Das Schild, das Archäologin Daniela Rehberger (l.) hält, zeigt an, wo sich Architekt Johannes Berschneider, Archäologe Friedrich Loré, Bauherr Christian Recht und Bauleiter Benedikt Aurbach befinden: auf der Grabungsstelle an der Oberen Marktstraße. Fotos: Endlein

Manch einer der Vorbeigehenden mag sich wundern, warum die Bauarbeiter auf dem Grundstück zwischen Marktstraße und Kastengasse mit Schaufel und Schubkarren hantieren. Ein Keller ließe sich doch mit schwerem Gerät viel schneller bauen… Allerdings muss das Bauen noch warten, aktuell wird geforscht. Die vermeintlichen Bauarbeiter sind nämlich Archäologen – und die haben derzeit in Neumarkt viel zu tun.

Selten zuvor seit dem Wiederaufbau der Altstadt nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs hat es derart viele Gelegenheiten gegeben, tief in der Stadtgeschichte zu graben. Und das im wortwörtlichen Sinn. Aktuell erforschen Archäologen auf dem Gelände des ehemaligen Hackner-Kaufhauses, in der Hallertorstraße und auf einem Anwesen zwischen Marktstraße und Kastengasse den Untergrund.

Ende 2019 soll Bau fertig sein

Letzteres, das unter dem Projektnamen Gerberhöfe ab Ende 2019 Wohnraum und Ladenflächen anbietet, ist für die Archäologen der Grabungsfirma Adilo aus Parsberg ein Glücksfall, wie es Loré nennt. Es sei selten, dass man in einer Innenstadt einen derart großen Einblick in die im Boden verborgene Historie werfen könne. Entsprechend viele Mitarbeiter von Adilo, es sind 13 Stück, arbeiten sich hier seit Mitte Mai planvoll durch das Erdreich.

Was die Archäologen auf dem Areal der Gerberhöfe gefunden haben, zeigt die Bildergalerie:

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Diese rechtliche Verpflichtung ruft bei Bauherren ob der Kosten und des Zeitverlusts oftmals keine große Begeisterung hervor. Bauherr Christian Recht ist jedoch ganz gelassen. „Wir haben gewusst, was uns hier erwartet.“ Sein Architekt Johannes Berschneider betont zudem die Bedeutung von Ausgrabungen für das Wissen um die Stadtgeschichte und ist guter Dinge, dass die Grabungen wie geplant bis August fertig sind. Auch deswegen ist er um eine gute Zusammenarbeit mit den Archäologen bemüht, die Loré ausdrücklich lobt.

Bereits in vergangenen Jahren begleitete die MZ die Forschungen von Archäologen in Neumarkt und berichtete über deren Ergebnisse, wiedieser Artikelbeweist.

Was die Archäologen zutage fördern, ist für den Laien oftmals schwer einzuordnen. Nägel mit kleinen weißen Schildern samt Nummern darauf stecken in manchen Bereichen im Boden, teils markiert von grünen Farbenringen. An anderer Stelle kreuzen Leitungen neueren Datums steinerne Gebilde, die nur manchmal als Mauern erkennbar sind. Es sind diese unbeweglichen Befunde, die diese Grabungsstätte laut Loré kennzeichnen. Funde, so nennen Archäologen Scherben und andere bewegliche Gegenstände, seien bei dieser Grabung hingegen seltener als bei anderen.

Sie treten aber natürlich trotzdem auf. „Alltagsgeschirr“, sagt Loré, während er ein Glasstück aus einem kleinen Haufen von Scherben herauszieht. Das lässt den Archäologen zum Schluss kommen, dass hier einst solides Bürgertum gewohnt haben muss.

Auf Latrinen gestoßen

Um genau zu sein, waren es Gerber. Was ungewöhnlich sei an dieser Stelle, wie Loré erklärt. Denn für die Verarbeitung von rohen Tierhäuten zu Leder brauchte man viel Wasser und es war mit strengem Geruch verbunden. Deshalb waren Gerber oftmals eher am Stadtrand oder außerhalb angesiedelt.

Abzulesen ist die frühere Funktion an den Gerbbottichen aus diversen Epochen, die die Ausgräber entdeckt haben. Daneben kamen auch Brunnen, Latrinen, Spuren von Holzpfosten und Mauern zutage. Was auf den ersten Blick wie ein wirres Durcheinander erscheint, ergibt am Ende nach vielem Graben, Zeichnen, Vermessen, Fotografieren und Eintüten der Archäologen ein Gesamtbild beispielsweise von den Gebäudestrukturen.

Großer Brand im Mittelalter

Darüber hinaus erhoffen sich die Archäologen durch die Grabungen weitere Teile im großen Puzzle der Stadtgeschichte zu finden. Wie arbeiteten die Gerber mit welchen Materialien? Was aßen die Menschen einst? Wie waren die Besitzverhältnisse? Eine Grabung kann eine Bedeutung weit über die Grundstücksgrenzen hinaus haben.

Das verdeutlicht auch eine dunkle Schicht im ansonsten hellen Sand. Sie zieht sich durch das gesamte Areal – und ist auch an anderen Grabungsorten in der Altstadt zu finden. Die Schicht ist der Überrest eines großen Brands im 13. Jahrhundert. Loré vermutet dahinter eine Rodung, die den Baugrund frei machen sollte. So öffnet sich ein Fenster in einen sehr frühen Abschnitt der Stadtgeschichte.

Was tun mit all den Erkenntnissen?

Doch was macht man mit all diesen Einzelerkenntnissen? Wie bringt man sie mit den vielen Funden anderer Grabungen in der Altstadt, die in einer Halle der Stadt lagern, und den daraus gewonnenen Erkenntnissen zusammen? Es bräuchte wohl zehn Jahre, um die Flut an Informationen zu ordnen und die Stadtgeschichtsschreibung auf den neuesten Stand zu bringen, meint dazu Archäologin Daniela Rehberger. Das Problem dabei: So etwas will finanziert werden.

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